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Der Orient · 1847-07-16 · Heft 29 (16.7.1847) · p. Seite 232

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 29 (16.7.1847)
Date
1847-07-16
Page
Seite 232 (sequence 15)
Language
German
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- 232 - brauche nicht beobachten sollen j so ist cs ihm doch schwerlich in dm- Sinn, .gekommen', daß man diesen Willen bei der Leichenfeier Wntllch mit Ostentation proklamiren, und hämische Bemcrknngerr daran knüpfe gegenJnstitutionen, gcheiligtdurch tausendjähriges Bestehen. Er würde es gefühlt haben, daß diese öffentliche Proclamation einen Theil derjenigen, die herbcieilerr werden, um ihm den letzten Beweis der Liebe und Achtung zu zollen, verletzen müsse, .und daß solche Verletzung um so mehr geeignet sein dürfte, auf sein Andenken einen Schatten zu werfen, je weniger, ihre Nothwendigkeit einleuchtet. Denn gewiß, er wußte es nur zu gut, seine Angehörigen feien nicht so scrupnlöS, und es sei ihnen zu bekannt, wie er nicht der Orthodoxie huldige, daß/er. mit Gewißheit voraussetzen durfte, sein Willen werde von ihnen befolgt werden, wenn auch nicht gerade damals ö ff e n t l i ch uritgetheilt, uud " trotzdem die Argumente des Redners gegen erwähnte Gebräuche gewiß nicht zu den befriedigendsten gehören. Weil wir zu einem gütigen Vater kommen, meint der Redner, bedürfe es keiner äußer n Trauer, nur einer i n n ern , ein er Trauer des Herzens. Aber sind denn Flor um Hut und Arm, sind denn schwarze Gewänder, weit nach der Mode, keine äußern Abzeichen der Trauer? Und wozu denn Trauer überhaupt, äußere oder innere, da wir zu einem gütigen Vater kommen-; warum nicht vielmehr Lust-, und Tanz- und Freude? —' Jedoch befriedigend oder nicht, -dem Verdienste seine Kronen. Gestehen müssen wir, der Redner habe die Aufgabe, die er sich selbst gestellt zn haben scheint, vollkommen gelöst. SeiueNede hatte äußere Trauer offenbar nicht bewirkt, aber ebensowenig wohl eine innere, eine Trauer des HerzenS. Sie war trocken/ wie bald nicht eine Trauerrede. Sie bewegte sich steif im abgemessenen Paradeschritt, da war kaum ein Wort der Wehnutth, ein Wort wahren Gefühls, imiujer Rührung anzutrcffen, wiewohl cS an Stoff nicht fehlte; und darum blieb ste auch trocken in Bezug auf die Zuhörer. Alle standen ziemlich gleichgültig dafast .kein Auge wurde uaß; und wem: dann und wann doch eine Thräne sich verstohlen atls einem Auge schlich, gewiß, der Redner war nicht schuld daran. Hatte cr doch z. B. beu Wehmuth erregenden Umstand, daß der Betrauerte fern von seiner Heimath verschieden, fern von seiner Gemeinde, Freunden und Angehörigen, gänzlich unberührt gelassen? Wir glaubten bisher immer, nasse Angen seien die heilsamste Erleichterung des Schmerzes, der deutlichste Ausdruck der Rührung und das schönste Lob der Trauerrede. Aber das ist Jrrthum, barbarisches, inittelatterliches Vorurtheil. Ja wohl! ist schon den; Trauerrcdner wenig Gelegenheit geboren einen Kuß auf..schöne Hände zu drücken, wie dürfte er henlzittage so nngalant sein, holde Damen-zn betrüben, zu veranlassen, daß sie sich die lieben Aeuglein reih weinen, daß Thränen ihre schönen Wangen furchen, oder gar — Gott sei bei uns —- die aufgelegte^Schminke verwischen? — Der Passus der Emaneipation schien mchr Theilnahme zn erregen, und wirklich wäre der Vergleich mit Mosen wohl sinnreich, wenn er nur auch wahr wäre, wenn wir jetzt von der Emaneipation nicht weiter entfernt wären, als damals Israel vom gelobten Lande. ES scheint aber , crstcre stehe uns noch keineswegs so nahe bevor, und wer weiß, erlangen wir sie noch, bei unfern Lebzeiten? In dieser Hinsicht wäre vielleicht eine Hindeutnng auf 4 Mos. 14, 33 eher anwend- Ben: gewesen, und hätten oben drein einen Anklang gegeben an die Scdra der verflossenen Woche, allein da der Pentateuch in drrSilberstein-Synagoge bereits einen Chcluö von drei Jahren macht, was Wunder, wenn der Redner nicht mehr wußte, welche Sedra bei uns an der Ordnung ist? Endlich nur noch ein Wort an den Präsidenten der Rabbiner-Versammlung. Wenn die Mitglieder der vorjährigen Versammlung die jüdischen Trauergcbräuche abgestettt haben, so ist wohl vorauszusetzen, daß dies nicht geschah, um. die Anordnungen des Talmuds aufrecht zn erhalten. Die Herren scheinen jedoch nicht bedacht zu haben, daß der Talmud beim Ableben derjenigen, dis sich der Eesammtheit Israels entfremdet hatten (D^DDH im •’DilD), verordnet, die Trauergebränche nicht zu beobachten *), wodurch jene Herren merkwürdigerweise oft in den Fall kommen, gerade durch ihre Abstellung wider ihren Willen, den alten Rabbinen in die Hände zu arbeiten. ■— Es ist dem Präsidenten zu empfehlen, bei der nahe bevorstehenden vierten RV. auf diesen Uebelstand aufmerksam zu machen, und die Bcschlußnahme zu veranlassen, daß mindestens bei etwaigem Ableben der Anhänger der RN, besagte Gebräuche, dem Talmud entgegen, beobachtet werden sollen. D. *) Ebel Rabb K. 2. Vergl. Maim. Ebel Abschn. 1. Perfonalchrouik und Miscellen. Petersburg. In den verschiedenen Gouvernements bestehen über 2000 jüdische Volksschulen, an denen sich die Zahl der Lehrer auf 10,861, die der Schüler auf 69,464 beläuft. Allgemeine, unerläßliche Uitterrichtsgegenstände an diesen Schulen sind russische Sprache und Arithmetik. Das Ministerium beabsichtigt, in diesem Jahre in den Städten Wilna uud Schitomir R abdin er- Mustersch ulen auzulegcn, um ans ihnen jüdische Geistliche und Volkserzieher zu bildern (Sp. Z3 Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von I. H. Nagel.

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