Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1847)
- Date
- 1847-03-26
- Page
- Seite 104 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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104 So mag denn auch das Blatt an Subskribenten täglich zunehmen und gedeihen und sogar eine ganz gute Spekulation gewesen sein. Aber kann und wird es dem Judenthum nützen? Redlichkeit thut vor allem Noth, und wenn auch die Gemüther langst entzweit sind, die sich das Ansehen geben, Gott näher zu stehen, sollten sie auch in ihrer Moral als die bessern Israeliten sich zeugen. Absonderlich die Gebildeten. Und darum thut es mir doppelt leid, wenn ein Mann, den schon der Styl aus einem kleinen Aufsatze als den Gebildeden verrätst, seine Feder einer unendlichen Verdächtigung leiht: solche Kräfte müssen einer edleren Sache, der wahren Verteidigung und Verherrlichung der Religion, nicht der Anfeindung und Verdächtigung gewidmet werden. Muß denn nicht.der Jude', wenn er emancipirr sein will, dem Christen zeigen, daß er Mensch ist, und muß er sich dann nicht den Christen nähern. Aber fehlt es etwa an Beispielen, daß orthodoxe Juden mir den Christen leben (nicht essen) und sich ihrer Achtung im vollen Maaße erfreuen? Es ist ein edler, ein hochherziger Gedanke für eine Stadt, die eine zahlreiche jüd> Bevölkerung hat, der unteren darbenden Klaffe zu bürgerlicher Beschäftigung zu verhelfen, ihr Brot zu schaffen und durch die Berührung mit den Christen diesen zu zeigen, daß auch die untern Schichten der jüdischen Bevölkerung den Haß nicht verdienen, den namentlich die unteren Bolksklassen Deutschland so gern ihnen zuzuwenden auch geneigt sind. Wenn nun, obgleich der Stifter dieses Vereins es deutlich ausgesprochen, daß jede individuelle religiöse Ueberzeugung, jede Meinung allen Vorschub erhalten solle, den sie selbst verlangen würde, so mögen die Orthodoxen auf ihren Beitritt zögern, vielleicht weit sie die ausgesprochene Toleranz erst durch die Erfahrung bestätigt sehen wollen, vielleicht weil sie alles was nicht von ihnen ausgeht, mit Zweifel oder falschem Stolz betrachten, so sollte doch ein Mann von hoher Bildung nicht so einseitig und adsprechend richten, und ohne SachkennLniß urtheilen. In Frankreich sind die Juden gleichgestellt, in Holland ebenfalls-, in, England empfinden sie nicht der Deutschen Druck — ist darum dort das Judenthum untergegangen? Oder sind nur die eingebildeten Deutschen Orthodoxen die wahren Säulen der Religion? Der Jude muß so geachtet dastehen, daß wenn seine religiöse Ueberzeugung ihn hindert, ein Staats- oder Kommun- Amt zu übernehmen, der Christ dieses Hinderniß'achtet "und bedauert, für wen aber dieses Hinderniß nicht' existirt, der muß das Amtannehmen und so verwalten, daß es der ganzen Judenschaft zur Ehre'gereicht. V Um aber dahin zu gelangen, müssen die Juden — d. h. die an Sitte und..Bildung noch zurückstehen — zuerst mit der christlichen Bevölkerung vertraut und deutsch werden und die Arbeit des Volks (wenn auch nicht am Sabbat) rheilen. Verlag reu C. 8. Fritz sche. sie müssen .aber vor allem sich selbst mit Achtung behandeln und die streitenden Parteien mit edlen Waffen, mit Wahrheit und Redlichkeit, nicht mit Lüge, Verleumdung und Verdächtigung kämpfen. Die Bessern und Gebildeten aber müssen das Beispiel zum Guten geben und ihr Wissen, ihre Fähigkeiten nicht in unedlem Kampfe befleckenr — . 2. Das kostbare Geschenk.' Orientalische Sage von Dr. Mt. Letteris.^ ' I. „Mache deinem.Meister Ehre, der dich wundersam erschuf, Der für dich hat aufbewahret seinen liebsten Schöpfungsruf; Dulde, trage still die Bürde, die Er dir nun auserlegt, Der Entsagung schwere Bürde, wie dich auch der Schmerz bewegt." So der Rabbi. — Händeringend weint vor ihm ein schönes Weib, Schwergedrückt von ihrem Kummer ist gebeugt der schlanke Leib: '^„Dulden soll ich? Ihm entsagen, der mein Licht, mein Leben ist? Wie sott leben die Entseelte, wenn die Seele sie vermißt?'" " — „ Lasse nicht den Unniuth toben, fasse dich mein liebes -Kind l Stark fei, wie des Lebens Mächte, wie es Lieb' und Glaube sind; Sanftmuth ist der Frauen Waffe, die gern oft den Feind besiegt, Eine Macht ist Duldung, Milde, die im Kampfe nie erliegt. Und bedenke, dir zum Tröste, daß dein Mann nicht lieblos, kalt, Daß vom Zauber er gefesselt deiner huldigen Gestalt; Mit zerrissenem, wunden Herzen saget er von dir sich los, Und er will den Bund nur lösen, weil die Ehe kinderlos. Nicht um fruchtlos hinzuschwinden glänzt der Frauen Lebens- , ■ . bäum, Um zu treiben Lebensblüthen sandle Gott den Liebestraum, Neues Leben sott erblühen, wenn er Herz zu Herzen schafft, Folgen soll die Lieb aus Erden der gewaltigen Schöpsun gskra ft. Doch wie einst bei frohem Male euer Bund .gefeiert war. Sei nun festlich auch beschlossen das g e se tz l i ch l e tz t e I a y r1 2 3, Nicht erscheinen soll der Frie de in gehässiger Gestalt, Nicht die Pflicht als eine Trennung leidenschaftlicher Gewalt. Drum ein Scheidesest bereite, und der Liebe eingedenk, Immer eingedenk zu bleiben, heische von ihm ein Geschenk, Als ein Zeichen, daß mit Schmerzen er den Ehebund gelöst, Daß nicht Haß, der grollgenährte, ihm sein Gift ins Herz geflößt; Als ein Unterpfand der Treue, der entschwundnen frohen Zeit, Dich erinnernd an die süße, wonnige Vergangenheit; Als ein Zeichen, daß die Liebe, die gelöst von Gottesmacht. Noch im Nachgesühle leuchte traumhaft mild in trüberNacht"! Ruhig wird die Schmerzensreiche von des Rabbi weisem Trost, Und erheitert sind die Wangen, Lili.en vom Wrst gekost; Niederkämpfend ihren Kummer dämmert auf ein sanftes Licht Auf das lange,, gram umwölkte, blasse schöne Angesicht. (Beschluß folgt.) 1) Nach Jalkut Kap. 17; der hier erwähnte Rabbi war R. Simon ben Jochai. . ' 2) Aus der'demnächst bei C. Macklot ln Karlsruhe erscheinenden Sammlung „Sagen aus dem Orient", nach den Quellen bearbeiten von Dr. M. Lettens. 3) Bekanntlich ist nach zehn Jahren der Unfruchtbarkeit der Mann gehalten, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. (Tal.' Jebamot 64 a.) Druck von I. H. Nagel,