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Der Orient · 1847-02-05 · Heft 6 (5.2.1847) · p. Seite 42

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 6 (5.2.1847)
Date
1847-02-05
Page
Seite 42 (sequence 3)
Language
German
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— 42 — —, und wie Plato in seiner Republik sagt, es zum Besten der Menschen manchmal nothwendig sei, daß man ihnen etwas ausbürde; sobald aber einmal eine Wahrheit zum Durchbruch gekommen und ein Gemeingut geworden ist, so ist es thöricht, „de IroMer la tranquillile sociale, en sele\ant pour les dogmes recues“. Ganz iu diesem Geiste, erzählt der Talmud, erwiederte einst ein Rabbi einem andern, der ihn mit Stolz, die Synagogen zeigte, welche seine Vorfahren aus eigenen Mitteln ausbaüen' ließen. Hätten sie nicht besser gethan, so erwiederte jener, wenn sie Lehrhäuser zum Jugenduntcrricht erbaut, Hungrige gespeist und Nakte gekleidet hatten? Deffnet Euere Herzen der leidenden Menschheit, so ruft auch jetzt der Geist des Jahrhunderts, und schließet Eure Synagogen und Tempel; gebet Gehör den nach Hilfe Suchenden und achtet nicht aus das süßsaure Pastorale Gewinsel, denn es wird bald kommen die Zeit, wo selbst die Schwachen und die Geistlichen nicht mehr sagen werden „Auf, laßt uns in die Synagoge gehen, die Paraphrase und die Predigt über Noas Trunkenheit oder Lots Salzweib auzuhören, sondern, laßt uns gehen, wo Kummer und Elend zu lindern, Gebeugte aufzurichten, Kranke zu heilen sind." Man wird alsdann nicht mehr sagen: ,,Wie schön haben heute die Chöre gesungen", sondern, welche Wahrheiten haben wir heute gehört, wie hat sich unsere Erkenntniß erweitert. Dann wird cs keine Rabbiner, Geistliche, Prediger und Priester mehr geben, denn der jüngste Knabe wird ein Priester des Herrn sein, und Friede und Eintracht werden wieder in Israels Hütten cinkehren. — M—a. Oldenburg, im Jan. (Die Auswanderung.) Ans einem Vorfrage unseresLandrabbiners^ über „die Auswanderer" theile ich Ihnen folgende, die Juden betreffende Stellen mit. „Wie aber ich, ein jüdischer Geistlicher, ein Saul unter den Propheten, dazu komme, mich an eine so wichtige, sociale Frage zu wagen? Es sollte mir leid thun, wenn ich auf diese Frage eine andere Antwort noch geben müßte, als die schönem Vorträge selbst gegeben ist. Freilich — wäre die Auswanderung lediglich ein statistisches Rechnnngsexempel, wäre sie von keinem andern Gesichtspunkte ans zu behandeln als von dem der materiellen Noch, materieller Zustände, dann hätte ich mir nicht erlauben mögen, ein Wort mitzureden, dann hätte mich das: ne sulor ultra crepidam — zu deutsch, Niemand soll von etwas urtheilen, er verstehe es denn — abschreckeu müssen. Daß aber dem nicht so ist, daß die Auswanderung iu Deutschland mit anderweitigen geistigen Erscheinungen, daß sie mit den wichtigsten Fragen des Tages innig zusammenhängt — das gerade ist meine feste lleberzeugnng. Bei meinen auswandernden Glaubensgenossen — und deren sind ja nicht wenige — ist das klar und offen. Aber auch bei vielen Andern, liegt dieser Zusammenhang zu Tage. Nehmen wir die beiden Fälle, welche im verflossenen Jahre so viel von sich haben reden machen in den öffentlichen Blättern. Ein S eid en stick er wandert aus, weil das Vaterland keine Duldung für seine politische Meinung hat; der arme Schnlm Moses muß in Amerika sein Heil suchen, weil er ein heimathloser Jude ist, weil man, irr den deutschen Landen wohl Prügel und Kerker, aber kein Plätzchen der Ruhe für ihn hat, weil mau sich nicht scheuet, ihn wie einen Fangball einander zuzuwerfen ■— greifen diese Vorfälle nicht tief ein in das innerliche geistige Leben der Gegenwart? — Unter den Auswanderern ans Deutschland in den letzten fünf und zehn Jahren befinden sich viele, ja tausende -meiner Glaubensgenossen, besonders aus Baieru und den angrenzenden sächsischen Landen, und besonders ist cs in der Regel das jüngere Geschlecht, das auswandert, also gerade dasjenige/welches an der Bildung der Zeit Theil genommen hat, welches in Gewerben, Künsten und Wissenschaften erkrästigt ist lmd leistungsfähig. Fragt man nach den Beweggründen, so hört man meistens die Antwort, wir mögen, den Druck und die Zurücksetzung*) und die Schmach der Jsolirung nicht länger ertragen, wir können's nicht mehr da anshaltcu, wo man die Konfession und die Abstammung und das Vornrtheil der Masse und Gott weiß was Alles noch auf die Wagschale legt, wenn man uns den Schutz und. das Recht des. Bürgers ertheiteu sott; wo rnan uns selbst das Recht, ein Nachtwächter, oder ein Dorfvegt, oder ein Feldhüter zu werden um den Preis eines RetigionsWechsels erkaufen lassen will. Nun sind die Zustände und die gesetzlichen Verhältnisse der Inden auch in diesen Ländern gerade nicht schlimmer geworden, aber der Schmerz hat sich bei ihnen gesteigert, der Staat, indem er sie hcrangezogcn und sogar genöthigt hat zur •) Leider tragen auch die gesetzlichen Bestimmungen über die Verhältnisse der Juden im Herzogthum Oldenburg noch den Charakter der Ausschließung und kränkenden Zurücksetzung. Ich sage die gesetzlichen. Denn im bürgerlichen Leben und Verkehr ist diese Zurücksetzung schon ziemlich geschwunden und schwindet täglich mehr, ist das nichtchristliche Bekenntniß kaum ein Hinderniß mehr für die .Theilnahme an Allem, was die Zeit bewegt, und am wenigsten hat Schreiber dieses Grund, über solche Zurücksetzung zu klagen. Aber der gesetzliche Buchstabe bannet die Juden noch immer in ein Ghetto von Ausnahmen, schließt sie aus von allen Gemeindeämtern, ja selbst von den niedrigsten Kommunaldiensten, hat für ihre Niederlassung einen besonder» Modus, ein Schutz- und Konc'essionsweseii, das noch ganz.die alte, vergilbte Farbe trägt. Stritte zur Aufhebung dieser Bestimmungen sind sowohl vom Verfasser als auch von mehreren jüdischen Gemeinden des Landes gethan worden z bis jetzt jedoch ohne Erfolg. Denn es hinkt auch bei uns der gesetzliche Fortschritt dem allgemeinen nur langsam naess Hoffen wir jedoch, daß er nicht lange mehr auf sich wird warten lassen.

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