Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1847)
- Date
- 1847-01-15
- Page
- Seite 24 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360472-2360476--5765-3532872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 Der Balsam des Lebens. Die Taube und das wilde Thier. Wann ist Israel wie die Taube sanft und weich, Und wann gar starr und mächtig, wilden Thieren gleich? So Heiden trotzig Machtgebote richten, Die heilige Gotteslehre zu vernichten, So es verleugnen soll des Sabbat's Weih', Und die Beschneidung auch entfernet sei — Dann zeigt es Kraft und höhere Gewalten, Die heil'ge Beute starr und fest-zu halten! Doch so es Gott und seinem Glauben gilt — Wie wird auf einmal Herz und Sinn so mild Dann rufet Gott, befiehlt der fromme Glaube, Dann ist Israel sanft, geduldig wie die Taube! — (Schem. rabb. Parasch. 21.) Golles Friedensliebe Wie Gott am Frieden sei gelegen, Tritt bei der Schöpfung dir entgegen! Als er die Welt ms Dasein rief, Den Himmel hoch — die Erde tief — Ließ er gar gleiches Recht geschehen . Dem Erdenthal, den Himmelshöhen; Auf daß verbanrt sei böser Neid, Auf daß entschwinde aller Streit! Am Ersten tönt sein mächtig „Werde"! Für den Himmel, für die Erde—, Am Zweiten giltst der höhern Welt: „Es spanne sich des Himmels Zelt" — Am dritten ruft's die Erdenräume: „Das Wasser euch! gebt Frucht und Bäume" — Am Vierten dringt's zur Höh' hinan: „Dort leuchte das Gestirn fortan!" ... Am Fünften wecktst die tiefen Meere: „Es regen sich die großen Heere!" Am Sechsten — als es Zeit nun schon, Zu schaffen auch den Erdensohn — Sprach Gott: „Wie ruf' ich ihn inst Leben, Daß Höh' und Tief' sei Fried' gegeben? Erschaff' ich ihn vom Himmel blos, Zähl' ganz ihn von der Erde los, Dann sind mehr Werke in den Höhen — Und neidisch muß die Tiefe sehen? Und bild' ich ihn aus Erd' allein, Und hauch' ihm nichts vom Himmel ein, Dann sind der Werke mehr auf Erden — Und neidisch muß der Himmel werden?" Drum daß entschwinde aller Streit, Und daß verbau nt sei böser Neid, Schuf Gott ihu aus der Tief' und Höhe — Daß leider so ihr Recht geschehe: — Der Leib — das ist der Erdenftaub. Der Erde Kind, der Erde Staub, — Der Geist — der steigt vom Himmel nieder, Und kehrt auch einst nach Oben wieder! — So tritt es dir, o Menschensohn! Zur Zeit der frühsten Schöpfung schon Gar klar und lichtvoll wohl entgegen: Wie Gott am Frieden sei gelegen! (Wajjik. rabb. Parasch. 9.) Ein Kaufmann zog von Ort zu Ort, Und rief das große schöne Wort: „Wer wünschet Balsam für das Leben? „Ich bin bereit — ich kann es geben!" Und wo man nur den Ruf vernahm, Da eilte Alles rasch, und kam, Es war ein Drängen und ein Laufen, Nur schnell den Balsam anzukausen. Der weise Iannai sitzt im Hans, Und blicket aus dem Buch heraus, Hat bald des Kaufmanns Wort vernommen, Und schickt hinaus, und läßt ihn kommen, Und spricht: „O Wunderthäter Du, „Laß mir vom Lebensbaum zu!" Der sagt: „Nicht dir und deinesgleichen „Brauch' ich den Balsam erst zu reichen" -- Doch das befriedigt Iannai nicht — Der Kaufmann zieht ein Buch und spricht: „Willst du durchaus den Balsam sehen? Du siehst ihn hier im Psalme stehen: Wo ist der Mann, der leben will, " Und leben lang in Glückes Füll'? Bewahr' die Zung' vor bösen Lügen, Die Lipp' vor Reden zum Betrügen; Das Gute üb', vom Bösen weich', \ Den Frieden suche, und erreich'!" — ($Pf. 34, V. jj’ 13—15.) (Wajjikr. radb. Parasch. 16.) * Die Zunge. Rabbi Simons sprach zu seinem Knecht einmal: „Gehe, und besorge mir ein gutes Muhl" — Der versteht die Küche, ist auch sonst kein Thor, Kommt, herein, und setzt ihm eine Zunge vor. — Wieder einmal Rabbi Simon zu ihm spricht: „Heute geh', und hole mir ein schlecht Gericht" — Schnell ist e.r bereit den Auftrag zu vollzieh'», j Kommt, und stellt ihm wieder — eine Zunge hin. — Als nun Rabbi Simon fragt: „Was fällt dir ein, Daß du immer eine Zunge bringst herein?" Da entgegnet er: „Ich denk', es ist so recht, Denn es ist die Zung gar gut und auch gar schlecht; Sie allein eröffnet wohl des Guten Quell, Doch das Schlechte auch ruft sie ins Leben schnell: Spricht sie Gutes nur, so gibt es Beffstes nicht, Und es gibt nichts Schlechtstes, so sie Schlechtes spricht!" — (Wajjikr. räbb. Parasch 33.) •) Sohn Gamliel's. Personalchronik und Miseellen. Leipzig. Die jüdische Wochenschrift „Sinai" soll, wie man berichtet, bekannt machen, daß sie auch 1847 erscheinen § wird. Damit ist die Bezweifelung eines venerischen Korre- ) spondenten im „Orient" widerlegt. Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.