Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 51 (17.12.1846)
- Date
- 1846-12-17
- Page
- Spalte 801-802 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Literatnrblatt des Orients. Berichte, Studien und Kritiken jüdische Geschichte und Literatur. JVi AI» Leipzig, den 17. December 1840» Inhalt. Studien. Geschichte der jüdischen Literatur in Babylonien. Eine Skizze von Dr. Julius Fürst. Erstes Kapitel. — Hebräische Gnomologen. Mitgetheilt von L. Dukes. Aus Samuel Ha-Nagid's Ben Mischle. — Kritiken. Kurze Anzeigen. Frankel über den gerichtlichen Beweis. Angez. von Dr. W. Landau. (Schluß der Einleitung.) — Der Messiasglaube und dessen Begründung im Judenthume. Von Dr. Rothschild. (Forts.) — Ankündigungen Geschichte -er jüdischen Literatur in Babylonien. Eine Skizze* von Dr. Julius Fürst. Erstes Kapitel. 1. Die Erzeugnisse des menschlichen Geistes, welche in größern oder kleinern Kulturkreisen ehemals eine Bildungsrichtung geweckt oder eine Bahn der Geiflesthätigkeit vorgezeichnet, können bekanntlich nur in einem Rückblicke auf ihre Voraussetzungen ganz verstanden und gewürdigt werden, und erscheint eine solche Richtung vollends von unserem gegenwärtigen Geistesleben abgelöst, sind die Fäden, welche uns mit jener Richtung in Verbindung zu setzen geeignet wären, durch einen großen historischen Zwischenraum durchschnitten, so werden ohne Hilfe der Voraussetzungen solche Geisteserzeugnisse, oder das kritische Verftändniß derselben, zum unlösbaren Räthscl. Auch das ganz individuelle geistige Erzeugniß der Vergangenheit, welches der Forscher der Geschichte in umrißlicher Vollendung und Abgeschlossenheit unserer Anschauung vorführt, muß uns ohne die verknüpfenden Fäden mit den Voraussetzungen wie ein versiegeltes Buch, wie eine unverstandene Hieroglyphe verkommen. Die Verkettung des geschichtlich Gewordenen ist die Seele des historischen Pragmatismus. Diese allgemeine und anerkannte Wahrheit stellt sich jedoch nirgend so unabweislich heraus, als in der historischen Betrachtung des jüdischen Schriftthums. Das gleichzeitige *) Ausgezogen in Kürze aus meiner „Geschichte der jüdischen Literatur mit Berücksichtigung der Kulturgeschichte". Aufblühen einer jüdischen Kulturepoche tn Spanien, in der Berberei und in Italien um das Jahr 900, das plötzliche Austauchen einer reichen Anzahl wissenschaftlicher Erzeugnisse bei den Juden Europas und der Westküste Afrikas, in eigenen Gleisen einherschreitend und judenthümliche Gedanken in kräftiger Fülle fortbildend, giebt dem redlichen Forscher die Ueberzeugung, daß eine große Saat der fruchtreichen Ernte vorangegangen sein müsse. Die gesegnete Helle des Tages folgt nicht unmittelbar der düstern Nacht, sondern entwindet sich allmälig dem Dämmerlichte, und selbst der Nacht muß ein heller Lag nach dem Gesetze der Natur vorangegangen sein. Die Geschichte des Geistes hat es auch zu allen Zeiten bewahrt, daß aus finsterer Nacht der Unwissenheit nicht urplötzlich die Helle des Wissens emporglänzt, daß der Geist in seinem nachwirkenden Schaffen kein Autochthone, in seinem erhebenden und wirksamen Fortbilden kein Aboriginer, sondern nur der Brennpunkt ist, wohin sich alle glitzernden Funken sammeln, der Focus, wohin die atomistischen Splitter des Wissens sich zur ansehnlichen Schöpfung einigen und verschmelzen. , 2. Die Geschichte der jüdischen Literatur in Babylonien ist die Voraussetzung der jüdischen Literaturgeschichte überhaupt; in ihr liegt das Verftändniß für die auf den weithin auseinanderliegenden Punkten der Literaturentwickelungen sich scheinbar plötzlich erhebenden Feuersäulen des Geistes, in ihr ist der Schlüssel für das später Gewordene. Babylonien war das Saatfeld für die meisten Gattungen derjüdischen Literatur; dort warm die Geisteskeime für Weiterbildung der Häggada und Halacha, der nomokanonischen Lehre und der Sagenfchöpfungm, dort entstand die religiöse Poesie nnd die Gnomik, dort die Religionsphilosophie und die Midraschausbildung; überhaupt wurden dort zuerst jene Bahnen vorgezeichnet, jene Gleise .skizzirt, in denen die jüdische Literatur später 51