Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 28 (9.7.1846)
- Date
- 1846-07-09
- Page
- Spalte 445-446 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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445 448 Studien. Dr. Stern und die Reform im 'Judenchume. nung gebracht, und es seinen schweren Irrthum erkannte wie seine Verderbtheit bekannte,'der Gottesbegriff, der nur durch die Propheten gänzlich ausgebildet ausgesprochen war, so festen Fuß in Juda faßte, daß er ihm nimmermehr entschwinden konnte. Hatte das Iudenthmn nun aber keine Enrwickelnng L n si ch vollendet, so war auch hiermit zugleich die Zeit gekommen, da es sich nach Außen wenden und dort den Gotteskampf durchführen sollte. Denken wir nur an den mächtigen Einfluß der griechischen und römischen Bildung, und an den Befreiungskrieg gegen-die Syrer, so müssen wir nothwendig die Zeit des zweiten Tempels schon als den Beginn inniger Wechselwirkung zwischen Judenuud Heidenthum, und so als den Anfang des zweiten Stadiums, der Verbreitung der jüdischen Gotteserkenntniß unter die übrigen Völker bezeichnen. Aber vollkommen wird ihm diese Aufgabe erst gestellt, als es durch Vernichtung seiner politischen Selbstständigkeit zerstreut ward nach allen Winden und Zonen, wo es nur, durch seine moralische Kraft, die cs durch Lhat und Belehrung entfaltete, die Nationen seiner Lehre geneigt machen, und darin allein die Waffe gegen alle Unbill haben sollte. Doch .wunderbar sind die Wege Gottes! Bevor Israel an die Lösung seiner höchsten Aufgabe Hand anlegm konnte, war aus seiner eignen Mitte ein Sproß hcrvorgegangen, feindlicher ihm und seinem nunmehrigen Streben als alle andren Religionen. Denn das Christenthum, welches, sich anschmiegend an die heidnische (griechische und römische) Anschauungsweise, und sie in sein Gottesbewußtsein aufnehmend/ Gott als sinnlich erscheinend im Menschen lehrte, und sich dadurch wie durch seine vor allem hervorgehobne Lehre von der göttlichen Gnade und Liebe (dem Heidenthum fehlte kein Prädikat an den Göttern so sehr als Liebe, und es mußte daher für einen unendlich liebevollen Gott umsomehr begeistert werden) einen so eminenten Anklang fand, daß es den größten Theil der civilisirten Völker allmälig unter sein Scepter brachte, es war, nachdem es einmal festen Fuß gefaßt, nicht mehr zu besiegen. Da blieb dem Iudenthume diesem gewaltigen Strome gegenüber anderthalb Jahrtausende nichts übrig, als sich aufs Festeste zu verschließen gegen die fremden Elemente, damit ihm von dem anvertrauten Kleinode auch nicht ein Stein, nicht eine Perl entzogen werde, und es den Schatz, den es barg, wenn die Zeit ihn zurücksordern wird, treu bewahrt aus dem Schachte seiner Gemeinde hervorholen könnte. Die Reformation hat aber begonnen, an den unreinen Elementen zu rütteln, mir denen das Christenthum sich vermischt und die Wissenschaft in ihrer neuen, frischen Lebenskraft hat seitdem immer mehr die Begriffe von Gott und Welt geläutert, so daß die Zahl derer mehr und mehr wächst, welche, wenn auch äußerlich auf die 'Dogmen der christlichen Kirche getauft, doch innerlich dem Gottesbegriff des Iudenthum s anhangen. Und darum ist auch in der Gegenwart der Moment gekommen, da das Iudenthmn die Aufgabe, an deren Lösung es so lange Zeit gehindert worden, zu erfüllen hat, unch da es sich selbst und seinem Gotte untreu wird, wenn es nicht mit alleNtzKräften an ihr zu arbeiten beginnt. Absonderung und strenge Bewahrung der Nationalität waren nothwendige Bestimmungen im mosaischen Gesetze, um das Reich Israels als einen reinen Gottesstaat zu erhalten; aber sobald es die Entwickelungsstuse in diesem durchlaufen und durch Auflösung seiner politischen Freiheit dem hohern Berufe, die Völker zu belehren, entgegengeschickt worden, als der Gottesstaat zu einer Gottesgemeinde geworden, sind auch diese Gesetze von selbst außer Kraft, und nur, weil die Weisheit des Weltenlenkers ein Medium wie das Christenthum zur Vermittelung seines Zweckes wählte, bedurfte das Iudenthurn noch so lange jener absondernden Vorschriften. Jetzt, da auch im Christenthum die reine Gottesidee sich geltend macht, da es dem Iudenthum immer inniger die Hand zur Versöhnung darreicht, jetzt wäre es Hartnäckigkeit und Unverstand, sie kalt zurückzuweisen, und für das Ziel, so lange in die Feme geschoben, noch ferner den Weg zu versperren. Wohlan denn, o Söhne Israels! ruft uns Stern zu, lasset fallen die Schranken, die euch trennen von den Völkern, reißet nieder die Mauern, die euch., sondern von den Nationen; wir sind und wollen kein selbstständiges Volk mehr sein *), wozu nationelle Gesetze? Wir stehen nicht mehr Götzendienern gegenüber, wozu jene Unterscheidung zwischen Reinem und Unreinem? Mit jenen sollten sie den Umgang hindern, uns aber ist es im Gegentheil religiöse und sittliche Pflicht, mit den andersglaubenden Mitbürgern die höchstmögliche Verbindung einzusehen, um mit ihnen vereint dem Ziele der Wahrheit und des Lichts muthig zuzusteuern. Ja, sehen wir uns in den Häusern unsrer Glaubensgenossen, nicht derer, welche sich durch ihre Indifferenz vom Iudenthume der That nach losgesagt, sondern derer, welche ihm mit Liebe anhangen, aber in industrieller oder wissenschaftlicher Thätigkeit ihre Kräfte aufwenden, wird es uns aus den Zugeständnissen, welche die Religion dem Leben macht, nicht klar, daß dem Bewußtsein (?) unsrer Glaubensbrüder die Ueberzeugung (tragen nicht auch mannigfache Leidenschaften und leichter Sinn ihr gutes Theil dazu bei) geworden, das Iudenthum bedürfe zuin Theil nicht mehr jener Formen, theils könne es sie nicht mehr üben, weil sie den Verkehr stören, in dem nicht wir maaßgebend sind, sondern die Mehrzahl der Andersgläubigen? — Aber, fahrt S. fort, nicht nur auf dem Gebiete der Praxis haben..wir durch Aufgeben der alten und Annahme neuer Formen dem Zeitbewußtfein zu genügen, sondern auch auf dem Felde der Gotteserkenntniß werden wir das Iudenthum dadurch seinem letzten Ziele zuführen, daß wir von der Geschichte und der in ihr entwickelten Wissenschaft lernen, und diejenigen Begriffe und Anschauungen von Gott, die im Iudenthum der Vergangenheit noch nicht in höchster Vollkommenheit ausgesprochen sind, zu der- *) Das Woll e n. urgirtS. sehr stark, da er der fr e i e n Entsagung auf einen einzelnen Messias und ein Messiasreich als einem großen Schritt zum reineren Bewußtsein von Israels Aufgabe und Zukunft großes Gewicht beilegt.