Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1846)
- Date
- 1846-07-02
- Page
- Seite 212 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360418-2360446--5501-3532357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
212 Die Versammlung der jüdischen Theologen. Aus Preußen- 24. Juni. Hochgeehrter Herr Redacteur! Ich glaube, nachstehender Brief des Hr. Rab. Fasset aus. Proßnitz, dürfte für die Lehser Ihres geschätzten Blattes von einigem Jntresse sein; man sichet hieraus in welchem Lichte dle R. V. selbst bei den Männern des Fortschrittes stehe, und welchen zahlreichen Zuspruch daher die Frankel'sche Lheologen-Versammlung haben dürfte. Ich erhielt diesen Brief auf folgende Weise. Ich habe an Hrn. F. geschrieben, ich sei aufgefordert zur 3. R. B. nach Breslau zu kommen, mit dem Bemerken, daß auch er, nämlich Hr. F. dort sein werde, ich erbat mir daher die Mittheilung von ihm, ob dieses wahr fei; worauf Hr. F. mir schrieb, daß er, statt aller Antwort, mir die Abschrift eines Briefes .überschickte, dem er an ein Mitglied der R. V. geschrieben. Dieser Brief'-lautet wie folgt: . .7 „Hochwürden! Jener Papst, der den Jesuitenorden aufgehoben, soll gesagt haben, er unterschreibe dabei sein Lodesurtheil; auch ich fürchte, durch die UnttrschrifHfestsSchreibens mich Ihrer Zuneigung zu berauben, und mir ein nicht sehr lobendes Urtheil, bei der ehrwürd. 3. R. V. zu sprechen; aber offene Gradheit war von jeher mein Lebensprincip, dem ich auch nie untreu werden will, und sc^muß ich auf alle Gefahr hin, Ihnen ganz unverblümt die Sachlage darstellen. Es ist mein heißester Wunsch, fürs praktische Leben nützlich zu wirken, es ist aber auch meine innigste Ueberzeugung, daß jedes wahre Zeitbedürfniß und jede Verbesserung, sich, auch auf dem Boden der talmudischen Tradition bleibend, und vielleicht nur auf diesem Boden bleibend, realisiren lasse: und so sehe ich nicht ein, warum Sturmlaufen gegen eine Festung, wenn sie selber eine Seitenpforte öffnet. Die ehrwürdigen Herren der beiden R. V. waren anderer Ansicht; nun die Folge wird es lehren, ob sie den rechten Weg betreten haben. Jedenfalls ist es sehr possierlich, wenn Männer, die in den Interwallen offen jede Tradition negiren, den ganzen Cremonialgesetzcn alle Gültigkeit absprcchen, und der talmudischen Lehre den letzten Lebensweg abschneiden, d. h. abschneiden wollen, dann bei ihrer Zusammensetzung mit großem Ernst über die Abschaffung des 2. Festtages, der Periah u. d. g. debattiren. Und was. können, und was sollen die Beschlüsse dieser Männer über derart Gegenstände nützen? Jene die diesen Männern vertrauen, sind schon viel weiter, und können solche Resultate gar nicht brauchen, und die von ihnen Gebrauch machen könnten, trauen wieder den Votanten nicht. Wäre ich Mitglied der 3. R. V., würde ich wohlmeinend einrathen, blos Positives zu besprechen , und nur darüber abzustimmen; denn dieses könnte wenigstens bei irgend Manchem einen Erfolg haben — ob einen guten oder schlechten gleichviel — während die Aufhebungen dieser Versammlung nicht das geringste Resultat bringen. So viel wird die R. V. doch nicht aufheben, als jene, bei denen sie allenfalls Autorität hat, schon aufgehoben haben, und die nicht zu diesen gehören, wird das Wort der R. V. wahrlich zu nichts bestimmen. Hätte ich nun erzwecken können, viele mir gleichgesinnte Rabbiner nach Breslau zu bringen, .wäre ich herzlich gern gekommen; aber ich habe den Aufruf, für die Verwirklichung dieses Zweckes an Hrn. I. geschickt und dieser, dem Schau - platze näher als ich stehend, antwortete mir, wenn ich darauf beharre, wolle er ihn einrücken lassen, aber er rathe mir ab von diesem Schritte, weil, seiner Ueberzeugung nach, kein Rabbiner, der nicht radical destrüctiv gesinnt ist, der 3. R.V. beitreten werde, und so würde ich nur ganz allem da stehen, rc. Von der Grundhaltigkiit dieser Behauptung, habe ich mich während meiner letzten Reise rn Deutschland vollständigst überzeugt, und so mußte ich den Entschluß fassen, zur 3. R. V. nicht zu kommen. - Da ich aber doch meinen Lieblingsgedanken, für die religiöse Verbesserung im praktischen Leben etwas zu Lhun, nicht aufgeben wollte und nicht ausgeben konnte, so habe ich Hr. Dr. Frankel zu bewegen gesucht, den Aufruf im „Orient" Nr. 20. ergehen zu lassen, und ich muß gestehen, daß ich mir von dieser Versammlung einen wirklich praktischen Nutzen verspreche. Ich glaube daher, daß Sie ganz im Irrthume find, wenn Sie in Ihrem Geschätzten von 4. d. M. dieser Versammlung keine andere Absicht unterschieben, als der R. V. zu opponiren, und sie zu schmähen; von meiner Seite, versichere ich Sie, wurde sie nicht dieses Mott'ves wegen veranlaßt. Sie werden daher gütigst aus dem Gesagten zu entnehmen belieben, daß es für mich nun Unmöglichkeit sei, Ihren Wunsch zu erfüllen, und zur 3. R. V. zu kommen. Ich hätte wohl sagen können, daß ich erst unlängst einen Monat von meiner Gemeinde entfernt war, so kann ich mich nicht neuerdings von ihr entfernen; oder, es sind im Juli, so und so viel Trauungen hierorts zu vollziehen; oder, ich müßte eine Kur halten, u. d.A m.; denn wem hat es je noch gefehlt, für ein Nichtkommen plausible Vorwände zu finden? Aber ich sage gern die Wahrheit, und so werden Sie mir hoffentlich glauben, daß bei aller Divergenz unserer Ansichten, ich doch mit gewohnter Hochachtung und Freundschaft verbleibe Eur. Hochwürden Proßnitz, den 9. Juni 1846. ergebener Fasse!. Perfonalchronik und Miseeüen. Berlin. Hr. Z e d n e r, der Herausgeber der „Auswahl historischer Stücke", ist in London im British Museum als Scriptor angestellt worden. Er wird die Stelle, sobald er vom Bade zurückgekehrt, antreten. Verlag von E. L. F ritz sche. Druck von I. H. Nja gel.