Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1846)
- Date
- 1846-04-09
- Page
- Seite 115 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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115 läufige Auseinandersetzung dieses Vortrags gestattete 'Herrn Wessely nicht an Einem Sabbat ihn zu beenden, ja er war genöthigt, die Vorlesungen dreier Sabbate darauf zu verwenden. Das folgende erwartend verließ das Volk den Horsaal und mit horchendem Ohr und, gespanntem Blicke auf den beginnenden Lehrer, stand es den andern Sabbat Mann an Mann gedrängt, wieder da. So an allen drei Sabbaten. Und als endlich am. 3. Sabbat Herr W. mit einem ,, Und wir alle sagen darauf ein freudiges Amen" beendete, sah ich bescetigcnde Freude auf Jedermanns Antlitz ausgegossen. Mit seinem Schicksale als Jude höchst zufrieden, in seinem Glauben und in feiner Hoffnurig neu bestärkt und durch seine Religion getröstet , verließ jeder Zuhörer den Hörsaal. Ich erlaube mir nun die Frage: Warum bemerkte ich doch nie eine solche Wirkung in dem Volke nach einer Predigt, einer Drascha oder nach welchem Vorträge immer? Wir hörten ja doch in Prag einen großen jüdischen Prediger unserer Zeit durch eine Reihe von 'mehren Jahren, warum gewahrten wir jedoch nie einen solchen Fanatismus . ähnlichen Eindruck auf die Gemüther der Zuhörer? Die Antwort, die wir uns darauf geben, lautet: Weil der größte Theil unserer Rabbiner nur dem Geiste der Zuhörer einige —mehrentheils verki'ttnmerte -—Nahrung reichen und das religiös anzuregende Gemüth unbewegt im Hintergründe lassen, und weil der größte Theil unserer Prediger in^Wn gottesdienstlichen Vorträgen in hohen Regionen, in den Wolken schweben, unbekürnmert, daß ihr Zuhörer, unbeflügelt, auf der niedrigen Erdfläche stehe. Sie benützen vielleicht das heilige Geschäft der Predigt, um sich bei ihren Zuhörern und in der Welt den Namen eines Gelehrten zu erwerben. — Ja vielleicht — o wäre diese. Ungewißheit eine wirkliche l Die häufige Erfahrung aber lehrt uns die bittere Wahrheit, diese Vermuthung für u:ehr als ungewiß zu halten. — Herr W. sprach gemüthlich, mit einfachen, klaren, dem Volke verständlichen Worten. Er sprach von der Wirklichkeit, vom Leben , von der Stellung Israels auf dem Erbplanet: er prunkte aber nicht mit Philosophemen und Phantasiegebilden, welche der stumpfere Verstand des Volkes nicht begreifen und die mattere Phantasie des Volkes nicht erreichen kann. O ihr M o se sse unb Aar ons unserer Zeit, ihr Lehrer und Priester Israels , ihr Hirten der nun mehr als je verirrten Schafe, indem sie unwissend sind, ob sie ans ihrer alten , fetten Lieblingsweide verbleiben, oder dem reizenden Lockungstone der von einer andern frischen Flur herwehenden Hirtenschalmei folgen sollten, o ihr Priester l lasset euch das ernste, tiefempfundene Ermahnungswort eines für das Wohl des Judenthums warm fühlenden Amtsbruders zu Herzen gehen und lasset doch im priesterlichen Gewände, an der heiligsten Stelle, das Wort Gottes — wie es heißen soll — predigend, jede Spur, jeden Schein von Selbstsucht, Selbstliebe oder Eigennutz fahren, und loset eure große, schwierige Aufgabe mit demselben Ernst und Eifer, mit derselben Gewissenhaftigkeit und Liebe zur Pflichterfüllung, welche-die Wichtigkeit eurer göttlichen Sendung erfordert. Groß ist die Macht des /Worts; und es bekleidet sich selbst mit ästhetischer Schönheit,, rüstet sich selbst mit göttlicher Riesenkraft, sobald nur seine Quelle eine himmlische, uugetrübte, warme ist. Zwar hört man oft ans dem Munde des Laien im Judenthum, daß er etwas Neues in der Predigt zu hören wünsche, etwa die Auflösung und - Beleuchtung -eines dunklen Midrasch, die Auseinandersetzung eines talmudischen Problems, daß er aber des Predigers Gewäsche — wie er' das wahre Gotteöwort nennt — schon längst gewußt, ja, daß er solches Zeug, blose Moral — auch von: niedrigsten seiner Diener hören könne; wisset jedoch, ihr verständiger: Seelcnärzte, daß der auf das Krankenlager hingestreckte Sieche in seiner brennenden Fieberhitze, die ihn die Heftigkeit seines Schmerzens nicht si'lhlen läßt, erst dann der intensiven Wirkung des Arztes bedarf. Seid'also nicht bedacht dem Hörer Genüge zu'leisten, um zu gefallen, sondern vielmehr um zu wirken. Die Pfeile eures Worts springen aber von der harten Kieselwand des Herzens eurer Zuhörer ab, wenn Selbstsucht und Gefallsucht seinen Flug beflügeln wollen. Eperies, im März. Die deutsche ,,Pesther Zeitung" hat es sich vor Kurzem zur Aufgabe gemacht, in Angelegenheit der jüdischen Toleranzstener das Wort zu ergreifen. Mit altdeutscher Ritterlichkeit' holt sie ihre rostigen Waffen aus den längst verfallenen Rüstkammern voriger Jahrhunderte und übt das Geschäft des Wegelagerers der Zeit: kein Aufschwung, kein edler Gedanke der Liberalität zieht unangefochten an ihr vorüber. Was Wunder, wenn es ihr beliebt in den Inden durchaus nur die alten Kammerknechte zu sehen , und von ihnen den vielbcliebten Leib- und Schutzzoll erzwingen zu wollen l Wir -sind -weit entfernt den Redakteur derselben des Judenhasses zu verdächtigen. Es übt zweifelsohne dieser Ehrenmann blos die Erfüllung seiner kontraktlichen Bedingungen, kraft welcher nicht nur die Judensache, sondern jede Tagesfrage vom Standpunkte einer lauge dahin geschwundenen Zeit gewürdigt werden müsse. Daher kommt -die merkwürdige Erscheinung, daß ilmlitten einer auf freier Anschauung sich frei entwickelnden ungarischen Presse, die man gerne des nicht bildungsfähigel: Magyariömus anklagen wollte, sich die „fortgeschrittene deutsche" Bildung in einem Organe breit macht, das eine wahre monströse Geburt, ein fremder Krüppel im ungarischen Vaterlande genannt werden kann. Wie kann es anders kommen? Im Jahre 1844 fehlte es noch unserem Vaterlande