Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1846)
- Date
- 1846-03-19
- Page
- Seite 92 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 92 - Zu dieser Klage berechtigt und veranlaßt uns der Tempel zu Prag, von dessen unerfreulichem Zustande Schreiber diesals Besucher des . darin abgehalicnen Gottesdienstes/ oftmaliger Augenzeuge ist. Wohl hatte dieser Tempel 'von feinem Entstehen cm. bis heutigen Tages würdiger Prediger sich zu erfreuen, wohl besitzt er Chor und Orgel; doch der beseeligende Anblick einer auf-den. Fittigen der Andacht zu Gott sich emporfchwingenden Gemeinde wird keineswegs hier wahrgenommen. Seine Raume sind gewöhnlich vollgcfültt. Man sieht aber dem' größten Theile an den' audachtstosen Gesichtern an, daß sie nur gekommen sind, um ben theatralischen Gesang und aus bloßer Neugierde die Predigt zu Hören. Gebetet, ün wahren Sinne des Wortes, wird jedoch nicht. Der Freund gesellt sich-zum Freunde, und , den gegenseitigen Gruß vorangeschickt, beginnt das erste beste profane Gespräch, freilich unterbrochen von irgend einem wohlgerathenen Tone des Saugers oder — wenn sie gar fromm sind.—• von den der Gemeinde zum Mitbeten gegönnten Stellen, ihre Andacht. Wir mögen vielleicht etwas unbillig in unserer Klage sein, da das Werk einer so kurzen Zeit eine gänzliche Umänderung der Jahrhunderte bestandenen Unordnung und 'Verwilderung tmV eine gänzliche Umzauberung des so lange Eingewurzelten nicht zur Folge haben kann. Es bekundet sich aber kein Wille von Seiten des Vorstandes, auf die erstmalige Veredlung dieser miölichen Verhältnisse hinzuwirken. Daß die Unverständlichkeit der hebräischen Sprache beim größten Theit des Volkes - und die U>igernüthlichlichkeit der alten hebräischen Gebete die größte und eigentliche Grundursache sei der unglücklichen Progressen, die unser Gottesdienst in seiner äußeren Gestalt macht, ist vielleicht nicht einmal währ. Wir könnten jedoch mit Recht der Unbilligkeit angeklagt werden , wenn wir diesem Umstande allein alle Schuld zuschreiben. Denn die erste Grundveranlassung zur'Verstümmlung der so herrlich einstens gewesenen Gestalt des jüdischen Gotteödien-. stes war wohl der grausame Druck des Mittelalters, der Israels geduldigen Nacken bis zum Boden beugte. Das von Leiden und Kränkungen ganz erfüllte Gemüth suchte sich im Bethause vor seinem Gotte in stürmenden Güssen zu entleeren und feinem so lange schon vermißten. Hort und Beschützer, dm nie schlmurnernden Wächter Israels anfznsuchm. Der von Schmerz ergriffene sieht nicht auf Anstand und Schicklichkeit, sonderir rücksichtslos macht er durch rieselnde Thränenströme und lautes Geschrei seiner vollen Brust Lust. Vor Wehmnth .und. innerer Andacht wußte der Betende nicht, was um ihn und neben ihm geschehe, ja er wußte nicht, was er selbst thue. Er vergaß ganz an sich selbst, aber auch an. seine in dieser Stunde angenommenen Geberden, an Verlag von C. L. Fritz sche. seine. Stellung und Haltung. Und wenn auch',- als die Zeit selber ans der schlammlgten, finstern Schlucht des Mittelalters sich hemnswand, auch axtf Israels Horizont die Sonne milder strahlte, so hielt die in den Gottesdienst zurückkehrende Ordnung mit der Erleichterung des lästigen Joches doch nicht proportionalen Schritt, weil die Gewohnheit schon ihre Macht ausübte. Ein nicht minderer Grund ist die kleine Anzahl der Juden; daher ihre gegenseitige Bekanntschaft und in einander.greifende und durchschlungene Verwandtschaft, welche anständiges Benehmen in einer Versammlung von lauter bekannter: und verwandten, gleiches Schicksal theilenden Individuen überflüssig und eine gewisse Färbung von Feierlichkeit unmöglich machen. Würde-aber dafür gesorgt werden, daß der Betende sein Gebet nicht nur wohl verstehe , sondern von der Schönheit und Gemächlichkeit desselben gerührt und zur Andacht gestimmt werde; so möchte, bei einem strengen Wachen über Ordnung und Anstand von Seite des Vorstandes und bei einer unabläßlichcn Bildung der Gemüther.von Seite.des Predigers, der jüdische Gottesdienst, trotz des letzterwähnten Hindernisses, alsbald erblühen, Pracht und Glanz von sich strahlen und Israel zum ewigen Heile gereichen. E. S. Ein Reformer. Moses Prüfung. Als Moses einst — der treue Hirt — die Schaafe in die Wüste führt, da war ein Lämmchen ihm entfloh'n, und hat sich weit entfernet schon;; doch wie es auch von dannen eilt, es folgt ihm Moles unverweilt, und geht ihm lange — lange nach, und trifft es endlich an dem Bach,, wie es vom Laufen müd' und matt . den heißen Durst gestillet hat. —- ,,O frommes, sanftes Schäflein du!" rief Moses ihm gar liebreich zu, „war's Durst, der dich gequälet dort? „bist nun erschöpft, und kannst nicht fort? „nur immer trink', dein Herz erquick' — „ich trag' dich selbst zur Heerd' zurück!" — , Und nahm es auf die Schulter dann, und ging so heim — der edle Mann! Und Gottes Stimme ruft ihm zu: „Erbarmungsvoller Hirte du! „bist du so treu und fromm gesinnt „für Schaafe, die des Menschen sind; „so sei Israels Hirt fortan — „ich trau' dir meine Heerde an!" — sSchem. rabb. Parasch. 2.) Herrmann Hamburger, Druck von Z. H. Naget. i