Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1846)
- Date
- 1846-02-19
- Page
- Seite 56 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 56 — einmal Zum Wahrzeichen der neuen Zeit, so unschuldig es auch am sich war, und wer es einmal gelesen, — und es reizte durch seine geschichtliche Berechtigung dazu, — hatte für immer mit der alten Anschauung, mit dem Aberglauben, mit den verzerrten socialen Verhältnissen gebrochen. Hunderte *>on. jungen strebsamen Leuten wanderten in Folge dieses Werkes nach Berlin, um das neuerwachte Leben kennen zu Lernen, und obgleich Viele aus dieser Jugendschaar später das Judenthum ganz verließen, weil ihnen auch die neue Form desselben nicht mehr zusagte, so blieben doch noch Viele, welche die Fackel der neuen Zeit weiter trugen. Mit diesem Werke lernten die Juden zuerst die hochdeutsche Sprache kennen, .und sie verdrängte bald den Jargon, der in der Judenheit von Europa herrschte, und es giebt noch viele berühmte deutsche Schriftsteller, und es hat auch deren viele gegeben, die sich , noch wohl erinnerten, daß sie aus diesem Werke Mendelssohns ihr erstes Deutsch erlernten. Unbekümmert um das Geschrei der Zeloten fuhr ^Mendelssohn auf diesem Wege fort, unterstützt von begabten jungen Schülern, welche in dieser Idee weiter arbeiteten; es erschienen die Psalmen mit metrischer Übersetzung und einem Kommentar von Joel Löwe, . dann allmälig von den Schülern die ganze Bibel, die Gebete, die Terminologik des Maimonides in deutscher Sprache und es dauerte nicht lange, so war die Kenntniß der hebräischen und deutschen Sprache unter den Juden verbreitet, und auch die philosophischen Schriften Mendelssohn's dann auch die deutschen Kassiker, wurden bald allgemein gelesen.- Im Jahre 1783 wurde die hebräische Zeitschrift Meaffef von Schülern Mendelssohns in Königsberg gegründet, woran sich zahlreiche jüdische Gelehrte mit'neuen Ideen anschlofftn, und die, obgleich seit 1812 eingegangen, noch jetzt zur CivWrung der Juden in Polen und Rußland fortwirkt. In Folge dieser Sprachreformation entstanden auch berühmte jüdische Gelehrte, Sprachforscher, Aerzte, Philosophen, Dichter, Naturforscher u. s. w., die, obgleich nur von den Resormarbeiten Mendelssohns angeregt, dennoch bald an Universiaden oder unter den deutschen berühmten Männern glänzten. Der berühmte Arzt Aron G o mperz als philosophischer und ärztlicher Schriftsteller, der Professor Levisson Sn Upsal, der berührte Arzt B l o ch aus Ansbach, dessen ichtyologisches Werk weltberühmt wurde, der Philosoph und Arzt Markus Herz, die Dichter Efraim Kuh.und Büschenthal und vorzüglich der größte Kantianer Sal. Maimon haben als glänzende Schriftsteller ihre ganze Bildung aus diesem Wege erhalten. Was in Bezug auf die Verdrängung der jüdischen Sprache aus der Gemeinschaft der Juden und auf die Konsequenzen, die dadurch für die Umgestaltung der inner» jüdischen Zustände entstanden, das geschah, von einer andern Seite angeregt, vorbereitend für die Umgestaltung der politischen StelluNg der Juden. In der Mitte des 18. Jahrhunderts waren zwar Scheiterhaufenund Inquisition, die Judenhetzen wegen Durchstechung der Hostien oder wegen Gebrauchs von Christenblut, wegen Brunnenvergiftung und Hexerei u. dergl. verschwunden, aber die Juden schmachteten noch in Kettendes tiefsten Mittelalters und deren Loos war oft schlimmer als das der Negersklaven. In schmutzigen Ghetti's eingesperrt, auf Reisen verhöhnt und an den verschiedensten Punkten mit einem Leibzollebelastet, so daß man sich noch erinnern kann, an Thoren mancher Städte die Inschrift gelesen zu haben: „Juden und Schweine dürfen nicht hereine", waren sie auf Schacher und Wucher beschränkt und namenlosen Erpressungen durch hundertfältige Steuern auSgesetzl. Nun begann die neue Bildung grell von diesem Drucke abzustechen. Es mußte einer Regierung selbst peinlich werden, dem Philosophen Mendelssohn, dem Gesetze gemäß, zuzvmuthen, ein Quantum inländisches Porzellan auszuführen, oder dem berühmten Physiologen Markus Herz aus seiner Reise einen Leibzoll wie von einem Schwein abzufordern, und Kämpfer für die politische Erhebung der Juden mußten nothwendlg bald erstehen. Im Jahre 1779 trat der edle von Dohm mit einer großen Schrift für die Emancipation der Juden.auf, deren Wahrheit bald von einem Ende Deutschlands bis zum andern widerhallte, und die Fluch von Schriften, die diese Dohm'sche Schrift hervorgerufen, —- die Zahl besteigt an 500 —hat diese Frage endlich dahin geführt, daß sie selbst in. den untersten Schichten des Volkes als Zeitfrage anerkannt wird. Veranlaßt durch Dohm's Schrift über die Verbesserung der Juden schrieb auch Mendelssohn gleich eine Uebersetzung der Schrift „Rettung der Juden" von Menasse ben Israel, die jener portugiesische Jude einst zu Gunsten einer Niederlassung in England dem berühmten Cromwell vorlegte. (Fortsetzung folgt.) Deutschland. Frankfurt ä. im Februar.^ Ein wunder Fleck in den religiösen GemeindeverlMnissen größerer Städte ist die freie Wirksamkeit der Schulvorstände hinsichtlich des Religionsunterrichis und dir ängstliche Vorsicht hierin, selbst dem freisinnigsten Rabbiner keinen Einfluß zu gestatten. Man glaubt die Kehr- und Gewissensfreiheit zu beschränken, wenn man den Religionsunterricht der Leitung eines Mannes anbertraute, der hier erhaltend auftritt, und Furcht, daß das bis jetzt befolgte System, die Kenntniß des Judenthums im Jugendunterricht auf das Minimum zn beschränken , wodurch allmälig die Vergessenheit des Judenthums herbeigeführt wird, einer albernen Vorliebe für jüdisches Wissen, für hebräische Sprache und Mbelk'enntniß, weichen werde. — Man hat es daher unserm Rabbiner übel genommen, diesem verderblichen Princip nicht entgegengetreten zu sein und sich vielmehr vertragsmäßig jedes Einflusses auf den Religionsunterricht begeben ztr