Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1846)
- Date
- 1846-02-19
- Page
- Seite 54 (sequence 3)
- Language
- German
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jüdische Kirche als ihr höchstes Ziel anerkennt, die Erkenntj niß dieser höchsten religiösen Wahrheiten so rein und ungetrübt als möglich zu erhalten und zu verbreiten, konnte mithin eine Reformation, welche nach diesem Ziele hin.arbeitet, nur als im Dienste der. Kirche arbeitend angesehen werden/ wenn - auch die Wege nicht die der Synagogewaren. Neben diesen Wahrheiten besteht.das Gesetz, welches durch hundertfällige Ceremonien diese Wahrheiten lebendig und rein zu erhalten hat, und da diese Ceremonien außer ihren religiösen auch einen national - jüdischen Charakter Haben , so ist deren Erhaltung natürlich nicht blos durch die Religiosität, sondern durch die Nationalität bedingt, und daher gleich dem Leben der Nation verewigt. Das Gesetz wird von tausendfältigen Traditionen begleitet, die theils das schriftliche Gesetz im nationalen Sinne deuten und verdolmetschen, theils vielfach erweitern oder beschränken, nach Zeit und Bedürfniß, und diese Traditionen wurden schriftlich in dem von 32 vor, bis 500 tu Chr. gesammelten Kanon des Talm uds. ausgezeichnet. Da also das Judenthum neben den religiösen Wahrheiten, die allgemein menschlich sind, noch die nationalen Elemente von Gesetz und Tradition hat, ist in ihm eine durchgreifende Reform unmöglich, weil das Nationale wie-das. Ewigwahre der Natur der Sache nach ein zähes Bestehen hat. Die Sadducäer, und nach ihnen manche Parteien im Judenthume, traten umgestaltend gegen die ewigen Wahrheiten auf, theils in dem letzten Jahrhundert vor Christus, theils von - 760—1000 n. Chr. in Babylonien als Karäerz aber wie jedes Ankämpfen gegen das Unbesiegbare mußte auch dieses vergeblich sein. Wichtiger war die Reformation des Christenthums im Judenthume. Sie führte den Kampf gegen das Gesetz,-gegen die Hülle der ewigen Wahrheiten der Offenbarung i und indem sie nothwendig den Sieg der Welt davon tragen mußte, .da das Gesetz nur die jüdisch -nationale Form ' jener Wahrheiten, ist, so war es auch ganz natürlich, daß diese Reformation bei den Juden, eben des nationalen Elements der Gesetze wegen, nicht durchdringen konnte; denn die Juden waren noch eine Nation. Ein gleiches Schicksal hatte eine andere Reformation im Judenthume, die mit fast noch mächtigeren Waffen als/das Christenthum im Jahre 760 n. Chr. das Judenthum furchtbar erschütternd bekämpfte,, und trotz der muthigsten Ausdauer und der glänzendsten Talente das Feld raumen mußte. Ich meine den Kamps gegen die Traditionen, den .Anan ben Dawid in Asien um 760 begonnen, .und trotz der glänzendsten Siege des Geistes von 760 bis 1500 von Seiten seiner Partei, trotz der großen intelligenten Schaar, welche diesen Kampf gegen die Traditionen, den man gewöhnlich den gegen den Talmud nennt, geführt, trotzdem daß diese Kämpfer gegen Ueberlieferung eine so ausgezeichnete Literatur - gründeten , daß die Juden noch jetzt darauf stolz sind, so hat diesem Reformation doch weiter nichts gewonnen, als daß sie eine Sekte gründete — die jetzt sogenannten Karaer, weil sie nur an Schrift (!(ara) hält und den Talmud verwirft —, welche bis auf eine ursprünglich gar nicht von jüdischer Abkunft stammende Minorität zusammenschrumpfte.' Und das konnte nicht anders sein, da die Traditionen, welche der Talmud -in sich schließt, ebenso wie das Gesetz, in der Nationalität wurzeln, und die Juden nur mit Aufgebung ihrer Nationalität , b. h. ihres inner» Wesens, sich von den Traditionen omäneiperen können/ aber dann werden sie sich nochwendig auch vom Gesetze emancipiren d. h^keine Juden / mehr sein. Dieses klare Bewußtsein hatte die jüdische Kirche seit, zweitausend Jahren von einer Reformation des Juden« thumsz sie verstand unter Reformation nichts anderes'als die Vernichtung des jüdisch-nationalen Elements, wofür das Gesetz und der Talmud nur der äußere, formelle Ausdruck ist, unb indem die Kirche oder Synagoge sich einestheils durch hundertfältige Institutionen vor Vernichtung des nationalen Elements zu wahren und zu sichern strebte, während sie durch' tausend Satzungen dahin wirkte, das jüdischnationale Bewußtsein wach und lebendig zu erhalten, spricht sie es auch unverhohlen aus, daß das Ziel des Judenthums die Emancipation von dem Gesetze und von den nationalen Traditionen sei, d. h. wie schon die'Propheten verkündeten , daß die ewigen Religionswahrheiten Gemeingut der Menschheit werden, und das? Gesetz, welches ursprünglich die Erhaltung dieser Wahrheiten beim jüdischen Volke bezweckte, verschwinden sollte. Aber in diesem Bewußtsein der jüdischen Kirche ist eine Reformation des Judenthums nichts anderes als eine Reform der Juden, das Vernichten eines' orientalischen Bestandtheils nach dem andern, überhaupt die Europäisirung derselben m Leben und Sitte, in Sprache und Gewohnheiten, und dieser Reform, wenn Zeit und Umstände es verlangtes hat-sich die gesummte jüdische Kirche eigentlich me widersetzt, so ungern sie auch an ihrer Selbstvernichtung arbeiten mochte, einsehend daß es gleichsam zum Naturgesetz geworden. In diesem Sinne hat die jüdische Kirche , oder vielmehr der' Einfluß der Zeit, tausend Schranken des orientalischen Elements im jüdischeu Volke vernichtet. Als im Jahre 1030 n. Chr. der französische Jude Ge r sch o m die im Judenthume begründete Polygamie auf einer mit 300 Rabbinern abgehaltenen Synode aufgehoben, so war dies eine Reformation des Judenthums von seinem orientalischen Elemente, die dem Principe nach viel bedeutsamer war, als wenn einige Mitglieder der Rabbiner-Versammlung zu Braunschweig und Frankfurt a. M. eigene jüdische Schulbücher einführen, wodurch nur eine gewaltsame verderbliche Scheidung der Konfessionen herbeigezaubert wird. Als Mendelssohn im Jahre 1780 der -deutschen Sprache Eingang bei den Juden Deutschlands verschaffte, da hatte ec für die Reformation des Judenthums, indem er ihm ein abendländisches Element gegeben, mehr gethan,, als wenn der Reform-Verein in Frankfurt und Berlin den Eigensinn, wie es scheint, durchsetzen will, an manchen Vorschriften, des Gesetzes zu mäkeln und zu deuten,-da das Gesetz doch einmal nicht gedeutet, sondern aufgehoben werden muß. Als seit Hrn tu Do h m 1789 von Tausenden -jüdischen Männern, unbekümmert um das jüdische Gesetz und