Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1846-01-22 · 4 (22.1.1846) · p. Spalte 51-52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
4 (22.1.1846)
Date
1846-01-22
Page
Spalte 51-52 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/8555529-9897631-9897634--4353-3531945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

51 Gemüth dem geliebten Vaterlande zuzuwerfen: seitdem sie dasaßen und weinten in der süßen erhebenden Erinnerung: seitdem sie dasaßen und den letzten wehmüthigen Blick in die goldene Vergangenheit (die sie allerdings da erst erkannten) geworfen, und unbestimmt, mit verzweiflungsvoller Sehnsucht, in eine umnebelte finstere Zukunft blickten: und seitdem sie nun zerstreut durch die große weite Erde unter den verschiedensten Völkern einer bessern Zukunft umsonst entgegensehen, sind sie immer und immer die Zielscheibe der mannigfachsten Giftpfeile gewesen, die ihr Herz, wenn nicht durchbohrt, doch gewiß tief, sehr tief verwundet. — Seitdem die hellscheinende•; Sonne an ihrem Horizonte (die oft geblendet, verblendet,) einen schwarzen Nebel um ihr Haupt zog, ist es noch immer dunkel und finster in ihren Wohnungen geblieben , und in dieser Nacht ist so viele Male Sturm und Gewitter über sie hereingebrochen, die ihrem Fortbestehen, ihrem Leben gedroht. In allen Gestalten, in allen Formen ist man gegen sie ausgetreten, um sie da zu verwunden, dort zu erniedrigen, da zu tödten, dort zu vertreiben und zu verjagen. Je nachdem der Geist der Zeit wechselte, wechselten immer die Erfindungen und Rathschläge, die Juden auszurotten. Bald überfiel man sie plötzlich in ihren Wohnungen, die man ihnen begrenzte und beschränkte, mit geschliffenen Schwertern und gezückten Dolchen und versetzte ihnen so den Todesstoß. Nichts ward da geschont, den Greis schlachtete man vor den Augen seiner jammernden Kinder, und das Kind riß man von derMutterbrust und mengte sein Blut mit dem Blute seiner hingewürgten Freunde, und das befleckte Schwert wusch der Henker dann in dem Blute der Unschuldigen. Wer denke nicht mit wehmüthigem Grauen an diese Zeit! Bald wieder x streuete man verzehrendes Gift auf ihre Wege , daran sie ihre Füße verwunden , und in verzweifelnder Angst, hinsinken sollten zum Gespötte und Hohn ihrer unmenschlichen Würger. Die Phantasie würde zu schmerzlich aufgeregt sein in der Erinnerung solch' trauriger Gedanken einer unglücklichen Vergangenheit-—(denn die Gegenwart mit ihrer platten verläumderischen Zunge u. dem verdorbenen und verderblichen fashionablen Ton steht mir mit all ihren verborgenen Schrecken vor Augen) — als daß'.ich länger dabei weilen sollte, und es sind diese herzzerreißenden Epochen im jüdischen Leben von den begabtesten Juden schon so oft und vielfach in ihren wahrsten Zügen gezeichnet und wohl für jeden Fühlenden im heiligsten Andenken geprägt worden, als daß es nicht überflüssig erschiene, mich daran versuchen zu wollen. Nachdem aber die Würger müde des Würgens, und die Henker matt des Schlachcens waren, und nachdem man sich so recht satt getrunken an dem Judenblut, und des Judenfleisches überdrüssig war; — (Es war das die Zeit, wo die Civilisation aus den Wolken blickte) — nachdem man end.ich das Schwert in die Scheide steckte, und den Spieß und das Schild dem Roste und der Vergessenheit übergab: da blieb nichtsdestoweniger der Jude das Ziel aller Verläumdung und Verketzerung. Nur bediente man sich der Feder anstatt des 52 Schwertes und das Papier wurde das Schlachtfeld. Da suchte man durch verläumderische Worte die Gemüther gegen die Juden aufzuregen. Ihre Gesinnungen wurden verdächtigt, ihre Gesetze wurden verspottet und verachtet, ihren Schwüren wurde nicht geglaubt, ihren Worten und Versprechungen wurden falsche Gesinnungen untergeschoben, u. sie wurden dem Volke preisgegeben. Was sie achteteten wardve rhöhnt, was sie liebten ward verspottet, was sie schätzten ward verachtet. Auf solche Weise sollten sie durch sich selbst zu Grunde gehen. — Dies nachzuwcisen, so viel in unsern Kräften, stcht ist die Aufgabe unseres heutigen Aufsatzes, ,dem wir mehrere andre werden folgen lassen, wo wir zeigen werden, wie man den Juden in ihren heiligsten und zugleich unschuldigsten Äußerungen verdächtigte, des Verraths beschuldigte. Zur leichtern Uebersicht und Auffassung geben wir folgende Einrheilung. 1. Wer sind die Verläumder und Vertheidiger des Gebetes 'Alenu. Der erste, der dieses unschuldige erhabene Gebet verdächtigte und entstellte, war der getaufte Jude Antonius Margarita x) in dem Büchlein ,-der jüdische Glaube", worin es unter andern lügenhaften Anschuldigungen gegen Juden heißt: „Sye habn, wie obn auch gemeldet ist, vil große gehaymniß in yren schristen vnd gepetten mitt den buchstabn vnd mitt der zal der buchstabn, also hie hat der hailvertige name, darinne wir müssen selig werdn der hebräyschen zal 386. Nun anstatt des haylige name habn sie diese zway wort genommen pnitan1? (lohevel vorik), wollige auf teutsch haissen zu ainer thorheic vnd aitelkait die habn 383 in der zal vnd habn mit Flaiß dray minder gemacht, darumb das die christen glauben daß in diesem haylsamen namen die dreyeimgkeit begriffen sey, wollen sie gott den Heyligen gejst vnd den Meschiach nicht zu ainer solchen thorhait vnd aitelkait rechnen vnd vergleichen, sondern allain den C h r i st u m welchen wye ein übelthäter, gotteelästerer vnd verfürer von yren vättern zum tod verurtailt, vnd gekreuzigt worden sey, der nicht werdt sey zu nennen mitt den namen Jeschua der in sich 386, darumb sprechen sie ym drai ab und das die narrischen Christen denselben darnach für ein gott aufgeworfen habn, denselben verfluchen und verspayen sie." Dieser hatte nun in den eben erwähnten Büchlein den ersten Verdacht gegen das Gebet erweckt, wie man auch bei Schudt s. M. c. VI. 33 und bei 1) A n tonius Margarita schrieb im Jahre 1530 ein Büchlein gegen Juden : Der ganz jüdisch Glaub mit sampt ainer gründlichen vnd wayrhafften anzaygunge Aller Satzungen, Cercmonien, Gebetten, herzliche vnd öffentliche gebrauche deren sich die Juden halten durch das ganze jar mir schönen vnd gegründeten Argumedten wider yren glauben durch Ant. Marg. Hebräyschen Leser der löbl. Stadt Augspurg beschrieben vnd an tag gegeben 1630 Ausgangen in neunten jar meiner Wiedergeburt, welliche zu Wasserburgh geschehen. Gedruckt zu Augsburg durch Heinrich Steyer amHVI tag Marte 1630 das zweite Mal gedruckt zu Köln durch Jappa von Genepp Studien. Judenverfolgungen. Das Gebet 'Alenu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.