Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1845)
- Date
- 1845-12-24
- Page
- Seite 410 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Deutschland. Karlsruhe/ 11. Decbr. Der „Orient" hat mit historischer Objektivität die Verhandlungen der Rabbiner-Versammlungen, die Aktenstücke der Reform-Genossenschaft zu Berlin, die Adressen an Hrn. Dr. Frankel und die Antworten auf dieselben, kurz Alles das was sich als faktisch und der Geschichte verfallen herausgestellt, mitgetheili, und ich erlaube mir mit Bezug darauf auch ein Aktenstück ruitzutheilen, welches nicht minder ein solches Recht beanspruchen kann. Ich meine „die Dcrnb-Aduesse an die hoch würdigen 116 Rabbinen, welche gegen die sogenannten Rabbimer-Versammlungen aus einige und zwanzig ganzen und halben Rabbimen protestirt und sich erklärt haben. Die Dankadresse ging von hier ans und war von c. 100 der achtbarsten Glieder' der Gemeinde unterzeichnet; sie gicbt ein Zeugnis, mit welchen Gefühlen die sogenannten Laien-Vcrsammlungen angesehen werden, und wie die Gemeinden Deutschlands deren Entscheidungen beachtet. Die Dank- Adresse lautet: „Ehrwürdige Männer in Israel l Mit tiefer Bekümmernis? erblickten wir die Gefahr für unsere heilige Religion, als im Norden Deutschlands ein düsteres Gewölk des Unglaubens anfgestiegen, die Männer, welche sich Lehrer des Glaubens nennen, sich vereinigt hatten, Unglauben zu lehren und zu verbreiten, um dadurch Verwirrung 'in die frommen Schaaren der Gläubigen zu bringen. In der Betrübnis unserer Herzen ob dieser traurigen Erscheinung, schauten wir nach allen Seiten hin, von woher Hilfe kommen, wo der Wahrheit Sonne leuchten, und die Nebel des Trugs verscheuchen würde? Da wäret Ihr es, Hochverehrte! welche mit Eurer Erklärung Labung unserem Herzen, Stärkung unserer Seele, Erhebung unserm Geiste brachtet, indem wir dadurch die Ueberzcugung erhielten, daß noch nicht verwaist ist Israel, daß es noch ehrenhafte Lehrer in seiner Mitte besitzt, welche pflichtgetreu unser heiliges Gesetz in Schutz nehurend, uns und unsere Kinder vor Verführung warnen, und mit dem Schilde des Glaubens gegen die Pfeile Irrgläubiger ans waffnen, welche mit wahren Glaubensmuthe sich als beharrliche Wächter der Tora zusammen schaaren, um böswilligem Aufstreben entgegen zu treten, und so weit möglich, schon im Keime zu ersticken. - Ehrwürdige Lehrer! Nehmet dafür nnsem innigsten Dank hin, den wir Euch als schuldigen Tribut mit gerührten: Herzen darbringen; denn Ihr habt durch Eure Erklärung unfern Kummer gemildert, und nnserm Herzen Ruhe verschafft. Ihr habt unsere Seele gelabt, und die Sergenwotken, die unsere Stirne bedeckt, durch Eure strahlenden, eindringlichen Worte vertrieben. Möge Euch der Allvater im Himmel dafür seinen rechten Segen zu Theil werden, lassen, und so wie Ihr uns erfreut und erhoben, so'mögen Euch stets die schönsten Freuden blühen, wie Ihr unser Inneres beruhigt und befriedigt, so möge Euch stets Ruhe und Friede umgeben. ' Nehmet aber, Verehrte! mit diesem unfern herzlichen Dank zugleich auch die Versicherung hin, daß wir Euer begonnenes. Werk nach Kräften mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln stets auf's eifrigste zu unterstützen uns bestrebet! werden. Mit der Hand ans dem Herzen geloben wir Euch, daß wir Alles aufbieten wollen, um mit Euch dahin zu wirken, daß unsere heilige Religion stets unentstellt in ihrer Ganzheit und tit ihrer Reinheit wie bisher erhalten werde, damit die Treulosigkeit nicht über sie triumphire, sie zu verunstalten und zu verkümmern. Möge es Euch aber nicht betrüben, wenn fort und fort aus dem kleinen Häufchen Euerer Gegner die Pfeile der Bosheit und giftigen Verleumdung gegen Euch und Euere Erklärung ' abgeschossen werden, Euch zu entmuthigen und zu entkräften, wohl wissend, daß, wer das Heiligthnm berauben will, vor Allem dessen Wächter entfernen muß; haltet Euch vielmehr davon überzeugt, daß jeder Gebildete mit Verachtung über solches Treiben hiuwegsieht, und nur Eurem redlichen Streben zur Beschützung unseres heiligen Glaubens Ehrerbietung und Achtung zollt! Stehet daher fest unb unverzagt auf Eurer heiligen Warte und lebet der sichern Ueberzeugung, daß die große Mehrheit der Israeliten Deutschlands und anderer Länder Eurem frommen Bestreben Beifall zollt, und zu Eurern Schutze bereit ist. Göttliche Hilfewird stets Euch zur Seite stehen, und hoch erheben in Eurer Hand das Siegespanicr der heiligen Lehre Israels". Breslau, 8. Deebr. In einem gewissen Sinne könnte ich Ihnen von Rü ckschritten berichten, die irr unsrer Gemeinde Vorkommen, nicht etwa so, daß allmälig der angefangene Bau der Reform wieder abgetragen werde, weil man zur Einsicht gekommen, daß man ihn schwerlich wird unter Dach bringen können, auch nicht etwa in dein Sinne; daß die Reformer und Konservativen, beide von ihren Exeentricitätcn und Einseitigkeiten abgekommen, sich gegenseitig zur Wiederherstellung der Eintracht in der Gemeinde, die Hand böten. Nein so tief greifen dje Rückschritte nicht ein,. sie sind vielmehr ganz äußerlicher Natur, sind jedoch geeignet, untrügliche Symptome für die krankhaften Zustände der Gemeinde anzugcben und insofern nicht ganz unwichtig. — Der erste Rückschritt betrifft die rückgängige Wahl Fa sset'S. Ungleich der frühem Rabbinerwahl war die Wahl F.'s mit der ganzen pedantischen Förmlichkeit der Statuten und mit entschiedener Majorität vor sich gegangen und es war dabei keine Rede von der Klausel einer Interims-