Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1845)
- Date
- 1845-11-05
- Page
- Seite 360 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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360 England. Herr de Lara (früher Montesiore's Sekretär) hat ein Exemplar seines, Montesiore gewidmeten illustrirten hebr. Kalenders der Königin von England überreicht, die sich sammt den Prinzen Albert sehr schmeichelhaft' darüber aussprach. Holstein. Das Oldesloer Wochenblatt mahnt die bedrängten Lübecker, endlich auch gegen die Juden (in Moisling) gerecht zu sein. Aus Würtemberg. Delphische Orakel sind die eigentliche Force unserer heutigen Rabbiner, und dieses Pfaffenwesen ist es, was sie „das Vermitteln der Parteien" nennen. Wenn ich mit meinem Nachbar in einen Principienstreit verwickelt bin und ich erscheine mit ihm vor dem Rabbi, sprechend: „Ew. Hochwürden, sehen Sie, hier meinen orthodoxen Nachbar, der sagt A, ich aber, der Mann des Fortschrittes, sage Z; wer von uns Beiden hat recht?" — glauben Sie nun, der Herr Rabbiner wird da, um den Streit auszugleichen, M oder O sagen? Quod non! Er nimmt meinen Nachbar bei Seite und spricht diplomatisirend zu ihm: „Ihr Nachbar ist, wie Sie sehen, ein überspannter, sanguinischer Mensch, dem die Bewegungen der Zeit zu Kopf gestiegen sind; es ist gar keinem Zweifel unterworfen, daß A allein die richtige Ansicht ist!" Darauf zieht er mich an eine Fensterbrüstung und raunt mir ins Ohr : „Was streiten Sie doch mit dem Finsterlinge da? Kann es denn irgend einem vernünftigen Menschen einfallen, anders zu glauben, als Z sei die Wahrheit?" — Hat uns nun aber der Schwarzrock vermittelt? O nein; er hat vielmehr Beide in ihren Meinungen bestärkt und die Ausgleichung erschwert. — Vor Kurzem hat der „Orient" nach der Franks. „OPAZ." von einem würtemberger Rabbiner L. berichtet, der sich bei der Frage, ob man jüdische Leichen der Anatomie überliefern soll (was wohl zu unterscheiden ist von dem bloßen Seciren, wo die Reste nachher beerdigt werden) so zweideutig benommen. Von demselben Rabbiner, Mitglied des Franks. R. -V. 3 kam jüngst die Anfrage, ob ein gewiffer.ünittf zu E. zur Vollziehung seiner Funktion die erforderliche technische Fertigkeit besitze .oder nicht. Der Rabbi gab den Bescheid: „So lange noch geschachtet wird, soll allerdings geschachtet werden." — Der Rabbiner K. in L......M äußerte letzthin einmal in einer Predigt: die Frauen, welche mit unbedecktem Haupte gingen, hätten „den pp im Kopfe!" Dieser anathemarische Kanzeldonnerschlag erregte in der Gemeinde einiges Aufsehen, und man . machte dxm Rabbiner u. A.ßbemerklich, daß ja auch die'Frau des Rabbiners Dr. Maier in Stuttgart ihre Frisur unverhüllt trage und daß, da die Geschichte ohne Zweifel zu den hohen Ohren des Herrn Kirchenraths gelangen werde, .dle Sache für den Prediger unangenehme Folgen haben könne. Der Rabbiner, nunmehr in großer Verlegenheit, suchte auf allerlei Weise seinen Worten eine andere, mildere Deutung unterzuschieben. In der Angst seines Herzens fragte er ein Mitglied seiner Gemeinde um eine nsty in dieser eigentlichen Satansgeschichte. „Ich kann, erwiderte daS Rabbinatskind verdrießlich, dem Rabbi nur die ngp geben, selber zum pp zu gehen, und sich bei diesem Raths zu erholen!" L. * * Jüdisches Kultus- und Schulwesen. Am 17. Sept. wurde zu Nordhausen (preuß. Provinz Sachsen) eine neue Synagoge (Tempel) emgeweiht. Bei dieser Gelegenheit wurden 200 Arme verschiedener Konfessionen gespeist. Die Einweihung vollzog Dr. Herzfeld aus Braunschweig, dem dafür ein Pokal überreicht wurde. — Am 16 Sept. fand zu Posen die Einweihung des israelitischen Waisenhauses statt. Vermischtes. Der in Jerusalem zum Judenthum übergetretene Serlermeister Neuntzig war' kürzlich wieder in seiner Vaterstadt Memel (in Ostpreußen) anwesend. — Der Bischof Alexander soll endlich den Ferman zum Bau einer Kirche in Jerusalem erhalten haben. — Nach der Frankfurter OPAZ. ist Mussa Turqueman im Juli dieses Jahres mit seinem Sohne abermals durch den berüchtigten Pinsker, der sich hinter einen fremden Gesandten zu stecken wußte, entführt und unter einem nichtigenVorwände eingesperrt worden. Hoffentlich wird der österr.; Konsul abermals den Unschuldigen requiriren. — Abr. S. Salman Sephardi beschäftigt sich mit der Einrichtung des jüd. Hospitals; auch Sir Moses Montesiore wird erwarte. — An der Zulassung von Juden zu des neuen Hamburger Loge wird von verschiedenen Seiten bezweifelt. Auszeichnung. Das Michael-Beer'sche Stipendium für jüd. Künstler hat bei der diesjährigen Feier des 15 Okt. in Berlin der Bildhauer Albert Gülden stein aus Sondheim bei Heilbromr (Würtemberg), ein Schüler Schwanthalers , erhalten. * « * Wohlthätigkeit. 15 Mitglieder der hochdeutschisraelirischen Gemeinde zu Altona haben ein Cirkular an die Gemcindeglieder erlassen, in welchem sie um Beiträge zum Ankauf von Hülsenfrüchten, Mehl und wenn thunlich auch Kartoffeln für die Armen zum bevorstehenden Winter bitten. Briefkasten. 1) Hrn. A. E—r. in B—en: Ihre Auslagen bitte ich auf die Verlagshaadlung des Orients anzuweisen. Da Sie diese Art mir selbst vorschrieben, so begreife ich nicht, wie sie das irritiren konnte. Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von J.'H. Nagel.