Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1845-09-17 · Heft 38 (17.9.1845) · p. Seite 304

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 38 (17.9.1845)
Date
1845-09-17
Page
Seite 304 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2360092-2360364-2360403--5123-3531611
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

304 Glaube, der zum Fanatismus führt, sondern veredelt und. gehoben, gestützt und befestigt durch Vernunft und Wissenschaft, durch eine Wiffenschaft, für die er nicht aus „Liebhaberei" kämpft, sondern sie zur Norm und Erkenntnißquelle der reformistischen Bestrebungen dringend anempsiehlt, dann hat er es wahrlich nicht zu bedauern — was man ihm ebenfalls vorwirst — „den Umgang der gebildetenKlass e„" welche Bildung der Antagonist Fr. mit einer sogenannnten Wurstphilosophie identisicirt, nicht gesucht zu haben. Von einer solchen gebildeten Klasse der frankfurter Gesellschaft behauptete man, würde F. gelernt haben, daß die Zeit und die Zeitbildung auf unsere Glaubensgenossen bereits einen Einfluß ausgeübt habe, der sich nicht ignoriren lasse, und man wäre alsdann zu der Erwartung berechtigt gewesen, von F. die rabbinische Sanktion für diesen Einfluß zu erlangen! Wie 'aber, wenn nun F. gerade durch den Umgang mit der ungebildeten Klasse zur unbezweifelten Einsicht gekommen ist, daß nicht in andern Welttheilen, nicht im unkultivirten Morgenland, sondern „in unserm lieben deutschen Vaterland" .selbst, in einer der größten Gemeinde, von der das Heil des Judenthums — die Reformvereine — ausgegangen ist, noch eine immense Mehrheit zu finden ist, die der Zeit nur in socialer und intellektueller und nicht in religiöser Beziehung einen Einfluß gestattet, die das Schone, Gute und Nützliche, welches der Fortschritt der Zeitbegriffe zur Kenntest bringt, in sich ausnimmt, aber demselben den Eintritt in das unantastbare Archiv des göttlichen Worts mit Eifer und Ernst versagt, würde man alsdann noch so dreist F. gegenüber zu behaupten wagen, daß man diesen Theil der Gesellschaft, der aus „Geistesübel, Land- und Trödeljuden, Denkunfähigen, Urtheilslosen, Wahnbefangenen, Abgelebten, Abhängigen, Nichtbeachtenswerthen" besteht, nicht im Auge haben kann? Es kann allerdings nicht geläugner werden, daß das heurige religiöse Bewußtsein nicht bei Allen ein und dasselbe ist, daß Abweichungen und Übertretungen selbst fundamentaler Gesetze keine isolirte Erscheinungen im jüdischen Volksleben sind; dieses ist aber ebenfalls nicht zu läugnen, daß von einem andern „Geistespöbel", der in den Städten und auf dem Lande, unter Rabbinen und Laien gefunden, wird, eine Geistesrichtung angestrebt wird, welche den Zeitbegriff entgegensteht. Man lese die Denkschriften von Breslau und Worms an die R.-V., wer hat sie hervorgerufen, wer hat sie in diesem Geiste abgefaßt? Wer hat die berüchtigte Mannheimer Adresse, aus der wahrscheinlich Ghillany seine jüngsten Angriffe auf das Judenthum in der Augsb. A. Z. schöpfte, übergeben und den Inhalt zu vertheidigm gewagt? Nicht vom Volke ging das^ Verlangen nach den Töchtern des Landes aus, nicht vom Volke das heißhungerige Gelüste nach den Fleischtöpfen Egyptens, sondern in der Pflanzschule des Judendenthums, bei den Volkslehrern, hat dieses Streben zuerst Wurzel geschlagen; von diesem Boden gehn die Schlingpflanzen des Unglaubens aus und umranken die markigen Stämme des jüdischen Volkslebens, die unter, der milden Sonne wahrer Aufklärung prächtig heranwuchsen, — ihm- Kraft und Leben entziehend. Ist nun der Stamm kraftlos und sind.seine Aeste entblättert, so sucht man nicht die an seinem Märke zehrenden Schlingpflanzen auszugäten, sondern ihm durch schwache Schößlinge eines fremden Stammes neues Leben zu inkuliren, oder den ganzen Seamm umzuhauen und aus jener Pflanzschule neue Ableger, die auf diesem Boden keine Früchte der Gottesfurcht und der Gotteserkenntniß Hervorbringen können, einzusetzen. Die Nachklänge der Phitippson'schen Anklage contra Frankel können wir nunmehr wohl mit Stillschweigen übergehen, wir erlauben uns nur im vollen Bewußtsein der Wahrheit 'eine unziemliche Verdächtigung deffelben zurückweisen. PH. schreibt nämlich ganz zuversichtlich die Behauptung nieder, F. habe sich von einem eifrigen Verfechter dev Orthodoxie, bei dem er sich einlogiert hat, und von den Orthodoxen, die ihn lediglich (?) umgaben, fortzugehen bestimmen lassen. Wir erklären dagegen, daß F. mit Niemanden Umgang hatte, der sich einen solchen Einfluß auf denselben im Entferntesten angemaßt hätte, und daß gerade die Freunde (der oben Bezeichnet und der Herr S. D. Oppenheim), denen er einzig und allein den Entschluß aus der Versammlung zu treten, gleich nach Beendigung dev Sitzung am Donnerstag Nachmittag, im Vertrauen mitgetheilt hatte, ihn von diesem Schritte ab zu halten mit allem Eifer versucht haben, und zwar, nicht weil sie von dieser verlornen Stimme in der Wüste irgend eine ersprießliche Wirkung erwarteten, sondern weil seine würdevolle Haltung und seine gediegenen Vorträge, auf die Versammlung, aber doch außerordentlich das Publikum wirkte und wenn auch nicht die ganze dramatische Vorstellung der R.-V. doch nur für das Publikum gegeben wurde. Ein großer Gedächtnißfehler ist es ferner von PH., daß F. ihn ermahnt hätte, am andern Tage eine Kommissions-Sitzung zu halten; denn so viel wir gehört zu haben glauben, wurden die Kommissions-Mitglieder vom Präsidenten aufgefordert, noch denselben Tag eine Sitzung zu halten, woraus F. ganz seinem Vorsatze gemäß erwiederte, daß hierzu noch"am morgenden Tag Zeit. sei. Die Reunion musicate besuche er ebenfalls nur auf das Zureden erwähnter Freunde, weil sie von dieser fröhlichen Zusammenkunft immer günstigen Einfluß auf sein durch das Resultat der Tagessitzung aufgeregtes Gemüth und daher auch die Aenderung seines Vorsatzes erwartet hatten. Wir bitten die Leser um Entschuldigung, sie mit diesen Einzelheiten unterhalten zu haben; denn das Bild der szenischen Darstellung der R.-V. vollkommen zu machen, dürfen auch Kuliffen-Klatschereien nicht fehlen. K—m. Briefkasten. Hrn. G—z in B. ersuche ich um das Bewußte, wenn auch in Parcellen, zuzusenden. Verlag von E. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.