Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 25 (18.6.1845)
- Date
- 1845-06-18
- Page
- Spalte 385-386 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8555529-9897698-9897726--4072-3531378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Meraturblatt -es Orients Berichte, Studien und Kritiken für Wische Geschichte und Literatur. JVi Leipzig, den 18. Juni 184e>« Inha ll. S t udi e n. Ueber die Entstehung des Kol-Nidre. Von M. B. Friedenthal. — UeLer den Gebrauch des Regenwassers und der Wannen beiden Frauenbädern. Von Rabb. Rosen feld. — Kurze Notizen und Miscellen. Antikritiken. Von Dr. Goldenthal. — Einladung zu Beitragen für die Färst'sche Concordanz. Von Dr. I. Heinemann. — Kritiken. Kurze Anzeigen. Die Schriften über die erste Rabbiner-Versammlung. Dr. Maier. — Ankündigungen. Ueber die EMstehmrg WsIsWidrSss von M. B. Friedenthcrl in Breslau*). r, Die einseitige rationelle Richtung des achtzehnten Jahrhunderts richtete ihre Hauptangriffe auf Religions-Dogmen, Ritus und Staat, besonders wenn sie mit den neuen, seit der Reformation und mit der nordamerikanischen Revolution in Schwung gekommenen Ansichten nicht in Harmonie zu bringen waren. Daher wurden auch ohne gründliches Forschen, ohne Berücksichtigung der Erfahrung früherer Jahrhunderte, diese Institute als veraltet und mit dem Zeitgeist unverträglich verschmäht und untergraben. Auf einer nur nach subjektiven Meinungen geschaffenen Bahn, richteten die Revolutionsmänner zur Realisirung der nach ihrer Ansicht für das allgemeine Wohl der Menschheit ersprießlichen Zwecke ihre Angriffe gegen den Staat, sie predigten ungebundene Freiheit und die Vernichtung des Fundaments, auf welches der fromme Glaube des Volkes sich gestützt und befestigt und demselben Beruhigung und Erstarkung für des Lebens Verhältnis; gewährt hatte. ' Boling Broke und Voltaire begannen damit, die Bibel zu profanisiren und die Offenbarung dem Spotte des gedankenlosen Haufens Preis zu geben. Eisenmenger schrieb und lehrte *) Dieser mir schon längst zugesandte und nur durch Umstande verspätete Aufsatz, dem noch mehrere über jüdische Eide folgen werden, habe ich der Wichtigkeit wegen in den religiösen Zeitfragen hier veröffentlicht, obgleich andere literarische Arbeiten auf die Aufnahme warten. ' Red. gegen das Iudenthum und die Tradition und der halbgebildete Mensch folgte ihnen und hoffte das bald vernichtet zu sehen, was seine Vorfahren für Heilig und groß gehalten hatten. Aber was die Laune entstehen ließ', das konnte sich nicht . lange erhalten. Das neunzehnte Jahrhundert hat sich von dem Irrwahn seines Vorgängers nicht bethören lassen, es hat an die Stelle jenes Leichtsinnes die ruhige Prüfung, die redliche Forschung gesetzt, es hat den Glauben wie die Achtung für die durch die Reihen der Jahrtausende bewährte Einrichtung wieder hergestellr, die Würde der Bibel wieder anerkannt und dem Stamme der uralten Träger des göttlichen Wortes wieder Ächtung zugefühct. Unter der Verkennung und Verläumdung der jüdischen Gebete und Handlungen durch Eisenmenger ist auch das Gebet Kol-Nidre aufgeführt. — Aber schon längst haben die mit der heiligen Tradition vertrauten Gelehrten das Schuldlose und Unverfängliche dieses Gebets sehr klar und erschöpfend nachgewiesen. Dieses Gebet bezieht sich kemesweges auf vor Gericht oder öffentlichen Behörden abzuleistende Eide, keineswegs auf Gelöbnisse, die man Andern gegeben und zu dessen Schaden brechen konnte. Kol-Nidre soll schlechterdings nicht von einer durch den Eid übernommenen Pflicht gegen Andere befreien. Aber der fromme Sinn der Israeliten mischte auch eine Befreiung von denjenigen Gelübden oder Versprechungen bei, welche man in der Laune, als Leidenschaft des Moments, aussprach, ohne damit irgend einem Andern irgend ein Recht geben zu wollen. Äußerungen, womit man sich selbst einen Zwang auserlegte, welche'der Anhänger eines jedes andern Glaubens für durchaus unverbindlich halt, auch diese kannte der streng sein Wort haltende Israelit nicht brechen. Selbst bei gleichgiltigen Dingen, die Niemand betreffen als ihn, pflegt 25