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Der Orient · 1845-04-23 · 17 (23.4.1845) · p. Spalte 269-270

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Journal
Der Orient
Volume
1845
Issue
17 (23.4.1845)
Date
1845-04-23
Page
Spalte 269-270 (sequence 7)
Language
German
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269 Kritiken. Die Franks. GuLachtensammlung über die Beschneidung. 270 Die religiöse Geltung -er Befchneidung. Kritik der in Frankfurt am Main in vorigem Jahre erschienenen Gutachtensammlung der Rgbbinen. Born Standpunkte des Rechts bemtheilt. Von S. SiisMnd, Rabbiner in Weilsburg. (Fortsetzung.) Ja die Religionsbücher der Herrn Johlson und Herxheimer, die mir gerade vorliegen,'sprechen ebenfalls nicht von einem politischen Messias und auch das Würtembergische Religlonsbuch, das sich gerne in der Schwebe hält, spricht zwar von einem Sohne Davids aber nicht von einer Zurückführung der Israeliten nach Palästina. Anders verhält es sich mit den zwei andern Sätzen «der Erklärung. Der erste Satz lautet: Wir erkennen in der mosaischen Religion die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung. Versteht der Vers, unter dieser Möglichkeit der Fortbildung nicht eine subjektive sondern eine objektive; ^so hebt er dadurch die Göttlichkeit der heiligen Schrift auf. Verwirft ferner der R-V., wie es allerdings den Anschein hat, mit dem Talmud zugleich das Prmclp der mündlichen Lehre; so bekommen seine Anhänger dadurch den Charakter der jüd. Epikurusim nnd sind, nach jüd. Rechte, untüchtig zum Zeugen und Schwören. Da es sich um ein von Rechtswegen auszusprechendes Urtheil handelt, die vorliegenden Sätze aber, als die Corpora delicti, absichtlich oder unabsichtlich, schwankend und zweideutig ausgesprochen sind; so kann das Urtheil auch nur in dieser hypothetischen Form ausgesprochen werden. Wir betrachteten gleich nach Empfang dieser Sätze mit Beilagen die ganze Erscheinung als eine blos eklatante Erklärung der Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit mit dem bestehenden Juden thu me. Wäre eine solche Manifestation als der Ausdruck einer Glauben streuen Überzeugung mit Umsicht, wenn auch nicht mit Rücksicht, hervorgetreten, sie hätte, wenn dadurch auch die nichtzuleugnenden krankhaften Theile an dem Körper des Judenthums noch so schmerzlich berührt worden waren, ihre Rechtfertigung finden können in der der Läuterung des Judenthums zuaewandten Richtung, ja sie hatte, recht geleitet, ein Stützpunkt werden können für die jüdisch-reformatorischen Bestrebungen. Wir mußten aber diese Manifestation für verunglückt halten, weil sie aus der ihr angemessenen Sphäre herausgetreten ist, weil man, trotz der wiederholten Versicherung, daß man keine Dogmen aufstellen könne und möge, doch schon mit dem ersten Satze der Erklärung, der freilich für den Uneingeweihten elastisch genug ist, um jede mögliche Meinung über Offenbarung in sich aufzunehmen und fast wie ein Mysterium anderer Art aussieht, wohin man nach Belieben sich verbergen oder woraus man hervortreten kann, offenbar einDogma wenigstens aussprechen wollte. Denselben Zweck wollte man mit dem zweiten Satze der Erklärung und gebrauchte dieselben Mittel. Soll er als Opposition gegen das bestehende Dogma der mündlichen Lehre im Judenthume auftreten, warum macht man den Talmud zum Sündenbock? Will man das Princip der mündlichen Lehre anerkennen, warum spricht man es nicht aus Was den dritten Satz betrifft, so haben wir bereits die unter den Israeliten vielverbreiteten Religionsbücher angemerkt, bei denen diese Erklärung wenigstens unnütz war und um so mehr hätte unterbleiben sollen als sie einer, wenn auch unabsichtlichen, politischen Verdächtigung derjenigen Glaubensgenossen, die nicht auf die schwindelnde Höhe des Reformvereins sich stellen wollen, allzu ähnlich sieht. Wenn die „jüdischen Reformfteunde" sich nennenden ferner erklären, daß sie keine besondere religiöse Gemeinschaft begründen oder die alte zu erschüttern gedenken, so klingt dagegen die Aufforderung zum Beitritte der Erklärung, „auf daß Jeder sich wohl fühle in dem Gedanken, einer G e s a m m theit anzugehören, der er sich anreihen, der er seineKinder u. seine Schützlinge zuführen könne" doch wahrlich ganz ebenso wie aus dem Munde des auf Bekehrung ausgehenden ^Missionars. Was sollen diese zweideutigen Erklärungen, die wie vielversprechende Wirthshausschilde nur darauf berechnet scheinen, den Wanderer anzn'locken, um die Paar Zehrpfennige, die er auf seiner Pilgerfahrt vielleicht noch nothwendig brauchen wird, ihm noch abzujagen? Irren kann jeder Mensch, konnte selbst ein Moses, konnten die obersten geistlichen Behörden in Israel, denn kein Weibgeborncr gilt dem Judenthume, gilt dem Talmud für unfehlbar. Absolute Wahrheit ist nur bei dem Einem! Aber Wahrhaftigkeit, die verlangt das Judenthum allerdings von allen seinen Bekennern, Wahrhaftigkeit aber mußte man namentlich von Männern erwarten, die es wagten, den Ruf ergehen zu lassen in Israels Lager und die Schläfer auserweckten und die Rüstigen alle zum Kampfe riefen; von ihnen mußte man wenigstens erwarten, daß sie des Zieles nicht allein sich selber bewußt seien, sondern es auch ehrlich und treu ihren zu Hülse gerufenen Genossen klar vor die Augen legten. Dieser, weil allzu nahe liegenden darum wohl verzeihlichen, Digression fügen wir nur noch den Ausspruch Gothe'ö bei, um ihm den Gewissen der s. g. Reformfreunde zu bedenken zu geben: „Alles was unfern Geist befreiet, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich!" (Fortsetzung folgt.)

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