Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1845)
- Date
- 1845-03-19
- Page
- Seite 90 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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90 respondenteu (darunter zwei in Ncxddeutschland wohnende, die gewissermaaßen durch meine Vermittelung ihr zugeführt wurden, und auf die sie stolz sein kann) gewonnen hat, so entbehrt sie doch auch jetzt noch jeder Entschiedenheit. So hatte ich also doch Recht, als ich sie ein unparteiisches Blatt nannte, wird Herr L. nusrufen. Recht und doch auch Unrecht. Es giebt nämlich viele Dinge in Deutschland, die man entweder gar nicht berühren sollte oder mit dem rechten Parteigeiste besprechen muß. Dieser ist aber der O.P.A.Z. gerade nicht gegeben; sie ist weder warm noch kalt, sie ist lau; sie ist unparteiisch, wo sic den Muth haben sollte, Partei zu ergreifen und ergreift wieder, ganz wie ihr Herr Consta-- ter, der Hamburgische unparteiische Korrespondent es thut, Partei, wo ihr die vollste Unparteilichkeit geziemte. So ist es auch in der Londoner Rabbinatswahlangelegenheit geschehen. Besonders erregte ein kurz vor dem zur Wahl angesetzten Termine darin befindlicher Artikel, welcher die Gegner des Herrn Dr. Adler als Anhänger mittelalterlicher Dogmen und Principien darzustellen bemüht war, allgemeine Indignation. Wir wußten zwar, daß Herr Dr. Adler ein „Frankfurter Kind" ist, daß er Verwandte, Freunde und Gönner" in Frankfurt hat, daß diese Stadt ihm nächst Hannover die einflußreichsten Empfehlungen lieferte, zu denen sogar ein ungedrucktes Werk und die gewöhnlichen Universitäts-Testirbogcn gehörten; aber wir hatten nicht geahnt, daß Herr Dr. Adler der Reform huldige, ja \m sind noch immer vom Gegentheil überzeugt. Eö ist wahrlich nicht unsere Schuld, wenn die Frankst O.P.A.Z. Herrn Dr. Adlers Kandidatur nur durch Herabsetzung seiner Mitbewerber unterstützen konnte. Sie war, wie es Herr L. zu nennen beliebt, unparteiisch; ja wohl, weil sie nicht den Muth und den Stoff dazu hatte, Partei zu nehmen, wie cs auf der andern Seite für Herrn Hirsch geschehen; sie war es, weil sie nicht ein einziges Lorbeerblatt für ihren Schützling auftreiben konnte. Ich frage Sie auf Ehre und Gewissen, Herr L., lieben Sie eine solche Unparteilichkeit? Ich bezweifle es, weil ich eine bessere Meinung von Ihrem Charakter habe, als Sie von dem mcinigen zu haben scheinen. Wenn ich übrigens die Nichtigkeit des Details bei der Angabe der Voten bezweifelte, so hatte ich meinen guten Grund dazu; denn jedenfalls ist der Wahlmodus ein unbegreiflicher zu nennen oder die Zahlen sind falsch. Eine Synagoge z. B. ist mit 50 Stimmen, eine andere mit 2 angegeben; wer hatte in beiden Fällen das Recht zu stinnnen; stitnmten dort nur 50, hier nur 2, oder betrug die Majorität dort 50, hier 2, so daß die Mitbewerber noch immer rcsp. 49 und 1 Stimme haben konnten, nach welchem Maaßstabe waren die Stimmen vertheilt? Hatte ein Reicher mehrere Stimmen, viele Unbemittelte jeder eine oder all e zusammen eine? -Alle diese Fragen sind mit Ihrer Tabelle noch nicht beantwortet. , ■— liefet die Vorwürfe also, die Sie mir deshalb gemacht , weit ich der Frankst O.P.A.Z. die rechte Unparteilichkeit nicht zugcstehen wollte, lasse ich mir keine grauen Haare wachsen; auch kommt eS jetzt nicht mehr darauf an, wie in London gewählt worden ist; Sie wissen, wer gewählt worden und ich weiß es auch und unsere Ansichten über Herrn Dr. Adler und dessen Licht- oder Schattenseiten auszutauschen wäre hier am wenigsten der Ort. In der andern Angelegenheit aber sind wir, was die Hauptsache betrifft, durchaus derselben Meinung; es ist in Jerusalem schreckliches Unrecht an Einzelnen (wie an H. Tnrgeman), vielleicht an der ganzen Gemeinde verübt worden; wenn Herr Lehren in orthodoxer Borniriheit blos einen falschen Weg eingeschlagen, so hat Pinsker sich geradezu als Profoß gezeigt. Niemand kann diese Lage der Dinge mehr bedauern als ich und ich habe nie Anstand genommen, öffentlich und privatim für die Unterdrückten Partei zu nehmen (wie ich beim überhaupt vor der sogenannten Unparteilichkeit keinen, vor der Gerechtigkeit allen möglichen Respekt habe); ich habe stets den Bemühungen der Herren Dr. Jost und Kirchheim, den Ihrigen und denen des Sir Moses M o n t e fi o re meine vollste Anerkennung gezollt; nur einen Betrüger kann ich in Herrn Lehren nicht sehen, weil ich mich lieber kurzsichtig nennen lassen als, so lange cs noch nicht bis zur Evidenz erwiesen, einen Nebenmenschm für einen Böscwicht hatten will. Ich gebe Ihnen gern zu, daß das Wort „Streit", hierauf angewandt, zu schwach und mild war; aber „ärgerlich" ist die ganze Angelegenheit, denn Sie hat die Leser der Frankfurter Zeitungen, die der Organe des Judenthums, sie hat ferner mich, sie hat endlich Sie geärgert, und nun schon Unheil genug gestiftet, indem sie Sie verleitete, da Ungerechtigkeit und blinde Parteilichkeit anzunehmeu, wo das Unrechtthun stets für das Unverzeihlichste, das Unrechtleiden für einen leicht zu verschmerzenden Tribut an die Humanität gilt und stets gelten wird. E. C. Berlin, 4. März. Der Artikel „Berlin" in Nr. 10 des Orients hat hier so viel Aufsehen erregt, daß ich mich beeile Ihnen die Motive mitzutheilen, welche unfern mnsichtsvotten Gemeindevorstand veranlaßt haben, Herrn Carl Heymann zum Mitglied der „Synagogen- Reform-Kommission" zu ernennen: Herr H. besucht mit Ausnahme des Versöhnungstagcs nie die Synagoge, wenn er nicht etwa wie am Simchat-Tora ein IDD zu tragen hat, und Hr. H. rühmt sich dieses Grundsatzes. — Herr H. ist zufolge der Kränklichkeit des Präses Herrn R. Gnmperz, dessen Stellvertreter bei dein Kollegium der 27, welche die Gelder bewilligen müssen, ehe der Vorstand sie herausgeben darf. Bei der nächsten Zusammenkunft dieses Kollegiums werden 5000 Thlr. gefordert werden, 1000 Thlr. für den neuanzustettenden Vorsänger, 2000 Thlr. für den Chor und 2000 str