Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1845)
- Date
- 1845-03-05
- Page
- Seite 74 (sequence 3)
- Language
- German
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74 in der feindseligsten Absicht, Herrn Stern weit mehr genützt als die lobenden Berichterstatter Rellstab re. Und St. kann das oft angeführte Witzwort eines chinesischen Kaisers, daß ihn Gott nämlich vor seinen Freunden hüten solle, vor seinen vFeinden wolle er sich selbst hüten, verstärken und rufen: Gott, schicke mir nur solch er Feinde mehr aus der: Hals und behalte meine Freunde bei dir! Sobald unsre h e i l i g e n Rokoko- Frömmelaster (nachAnalogie von Pretaster, Kritikaster) mit ihren heiligen Nöcken, Barrets und Bäffchen fertig sein werden, sollen Sic die ersten Ausdrücke meines ohne Z io ei sei gewaltig sich regenden Enthusiasmus unter die Flügel Ihrer Redaktion nehmen. — Noch Ein§. Seit Anfangs Winter sammeln fromme ttnb gotte§sürchtige Männer die Bestandtheile zur Errichtung einer jüdischen Schule im orthodoxen (versteht sich ivissenschaftlichen!) Sinne. Das Projekt fanb wirklich warme Theilnahme, da der Prediger Sachs im Programm sich zum Religionsunterrichte erboten hat. Da kündigt unser Gemeindevorstand vor einigen Tagen in einem sehr zur Verwunderung über die Fassung eingerichteten Avertissement in den Zeitungen an, daß der Rabbinatsassessor Dr. Sachs öffentlichen Religionsunterricht ertheiten werde, wozu sich die Leute nur melden sollen! Diese Bekanntmachung, wird sie jenes Schulprojekt unterstützen, oder untergraben? Umstände verhindern mich leider hier auszurufen: Dhjni mv nwo!" Dsir'owo, 22. Febr. Da es für die Leser des ,,Orient" gewiß nicht unintreffant sein dürfte, ein Bild von dem Leben und Treiben der jüdischen Gemeinden dieses Greuztheils deS preußischen Staats zu erhalten, so werde ich diesen: Berichte ähnliche folgen lassen und beginne mm mit der Schilderung der Zustände der hiesigen, über 300 Familien ftarfen Gemeinde. An der Spitze unserer noch nicht ganz deutschen Gemeinde steht, al§ Repräsentant der geistlichen Angelegenheiten, ein im Studium des Talmuds ergrauter und in jeder Beziehung ehrwürdiger Rabbiner, der freilich mit seinen zwei Assistenten nur die Beantwortung ritueller Fragen besorgt und wenig durch Rede und Belehrung wirkt. Doch ist merkwürdigerweise sein moralischer Einfluß so bedeutend, daß in unsrer Gemeinde die strengste Festhattung aller Eeremonien, der bedeutenden! wie geringern, Statt ff'ndet, und daß Übertretungen einzelner Individuen zu den Ausnahmen gehören. Doch mag inan keiner! falschen Schluß ziehen, und eine Erstarrung der Gerneinde vorausfttzen. Ein reger, lebendig-religiöser Sinn beherrscht, die hiesige Gemeinde ganz besonders, dadurch zeichnet sie sich vor andern Provineialstädten, selbst vor Posen aus, wo Obskurantismus auf der einen Seite und auf der andern religiöse Frivolität und JndifferentiömuS herrscht! Wir nehmen an der gegenwärtigen Entwickelung des Judenthums in Deutschland ganz besondern Airtheil, sehen den Kärnpfen der verschiedenen Prineipien, fern vom Kampfplatz, zu, um vielleicht später die Resultate der Wahrheit zu eignem Nutzen zu brauchen und aufzunehmen. Als einen Beweis von diesem dem Bessern hingewandten Sinne führe ich hier an, daß die von einem hier domicilireuden Kandidaten gehaltenen Vorträge sich während einer acht monatlichen Dauer eines sehr gewähltenAuditorii erfreuen. Daß bei solchen Verhältnissen die hiesige öffentliche Schule, ein sehr sicherer Kulturmesser' einer Gemeinde, mit zu den bessern der Provinz gehört, namenttich da sie von einem aus tüchtigen, ihr ehrenvolles Amt mit Eifer verwaltenden Männern bestehenden Vorstand geleitet wird, versteht sich von selbst. Dank sei ihnen hier für ihr uneigennütziges edles Streben im Namen der Gemeinde gebracht! — Auch ist von den hiesigen Vereinen besonders der .Jüngling-Verein und die Talmud-Tora zu erwähnen, von denen ersterer den Zweck hat, Knaben za tüchtigen Handwerkern zu erziehen; obgleich mit schwachen Mitteln versehen, hat er doch schon viel Gutes gestiftet! — Nur durch Tüchtigkeit im Leben können wir unser Ziel erreichen, nur durch Intelligenz den andern Mitbürgern imponiren, daß sie uns achten lernen und uns endlich für bürgerliche Gleichstellung würdig halten. — So haben wir hier einen jüdischen Arzt, der durch seine ausgezeichneten Fachkenntnisse sich das Vertrauen und die Achtung aller Bewohner erworben! — Hingegen müssen wir Alles vermeiden, was uns verächtlich macht und uns einen Schein von Dünkelhaftigkeit giebt. A. Berlin, 24. Febr. Durch die treffliche und unparteiische Reecnsion der ,,Protokolle der ersten Rabbinerversammluug", welche uns Ihr Literatur-Blatt gebracht hat, sind wir von der Bedeutsamkeit und Wichtigkeit deS Instituts der alljährlichen Synagoge n - N ersa mm l u n g — so wollen wir die sogen. R.-V. benennen (lute ,,Kirchen-Versammlung") — umso mehr überzeugt worden. Dies klingt vielleicht etwas paradox; allein die Kritik hat nach unserer Ansicht erst klar gezeigt, wie die Versammlung sich hätte begründen sollen, was sie leisten könne und wie deren Fehler nur dem Anfänge, dem ersten Auftreten beizumessen seien. Wessen Geist von pietistischen Dünsten nicht umnebelt ist, muß zugestehen, daß eine Synagogen-Versammlung, die tüchtige Männer in ihren Reihen zählt, den: jüdischen Leben und der Wissenschaft viel, sehr viel nützen könne; wessen Sinn die Wirklichkeit mit ihren verschiedenartigen, sich durchkreuzenden Bewegungen kennt, wird cinräumen, daß eine Versammlung aus freien, offenen, den Volksgeist nicht unterdrücken wollenden Männern dem Judeuthnm ein festes Fortbestehen sichern ivürde. Allerdings müssen jüdische - Päbstlein, die von der Gährnng der wichtigsten Elemente, in welche die heutige Gesellschaft begriffen ist, nichts ahnen, die sich eine eigene, blos ans.Juden bestehende Welt denken, kopfschüttelnd auf eine Versammlung sehen, die