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Der Orient · 1844-12-10 · Heft 50 (10.12.1844) · p. Seite 392

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 50 (10.12.1844)
Date
1844-12-10
Page
Seite 392 (sequence 15)
Language
German
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392 daraus hingewiesen, daß dieimIahr 1836 versammelte Kreis- Synode, deren Mitglied ich war, sich einstimmig in ihren Rabbinen, Lehrern und Gemeindedeputirten dahin geäußert hat, daß sie die Messiaslehre in geistigem Sinne auffasse und keineswegs eine Zurückführung nach Palästina erwarte, mit welcher Aeußerung die nämliche Kreissynode den Antrag verbunden hat, daß alle diejenigen von Messias und Erlösung handelnden Gebetstücke, in welchen diese Zurückführung ausdrücklich genannt werde, und die sich mithin nicht auf die geistige Erlösung deuten lassen, aus dem Gebetbuche gestrichen werden sollten. Auf gleiche Weise hat die Rabbinerversammlung in Braunschwiig auf den Antrag ihres Präsidenten in ihrer großen Majorität dafür gestimmt, daß alle die Gebetstücke abgeschafft oder umgeandert werden sotten, in welchen die Sehnsucht nach der Rückkehr nach Palästina und nach der Wiederherstellung des jüdischen Staates ausgedrückt wird. Eine Umgestaltung der Gebete kann aber um so unbedenklicher vorgenommen werden, als selbst nach den strengsten rabbinischen Autoritäten zwar das tägliche Gebet ein im mosaischen Gesetze begründetes Gebot ist, nicht aber der Inhalt des Gebetes. So wie nun die einzelnen. Geberstücke aus den Ansichten und Bedürfnissen der Zeit hervorgegangen sind, so können sie auch nach der Veränderung dieser Ansichten und Bedürfnisse abgeändert werden. Kehren wir nach dieser Abschweifung zu dem Reformvereine und zu Ihrem offenen Briefe zurück. Sse wundern sich höchlich darüber, daß 'sowohl ich als alle die, welche gegen den Reformverein sich ausgesprochen, diesem den Vorwurf gemacht haben, daß er nur negire. Allein schon der Umstand, daß wir Alle, die wir uns gegen den Verein ausgesprochen, wozu seitdem auch noch!Dr. S a m u e'l H i r s ch in seiner „Reform im Iudenthum" gekommen ist, (der von der einen Seite dem Reformvereine im Principe Recht giebt, von der andern Seite ihm P e r fi d i e, R e n o m m a g e) Ignoranz zur Last legt) diesen Vorwurf einstimmig gemacht haben, ist, wenn auch gerade Nichtsein vollständiger Beweis, doch jedenfalls ein starker Grund zur Vermuthung, daß jener Vorwurf wohl begründet sei, und Sie mögen sich winden und drehen wie Sie wollen, so werden Sie doch mit der ganzen Kunst ihrer Dialekt, welche Ihnen zu Gebote steht, keinen Unbefangenen bereden, daß die vom Reformvereine aufgestellten Grundsätze einen positiven Inhalt haben. Ja selbst Ihr eigener Versuch, den Vorwurf der Negation von dem Vereine abzuwälzen, zeugt für die Wahrheit unserer Behauptung. Sie sagen: „Der Verein findet das Iudenthum mit allen seinen Auswüchsen als ein Bestehendes, er will keine neue Lehre schaffen, er will nur diese Auswüchse vertreiben. Kann hiernach sein Zweck ein anderer sein, als Verneinung? aber freilich Verneinung eines Nichtigen, die eben hierdurch etwas Positives wird." — Wardieses der 'einzige Zweck des Vereins, wollte er wirklich keine neue Lehre schaffen, sondern blos die alte und echte in ihrer Reinheit wiederherstellen, .lag es, wie Sie.weiterhin sagen, nur in der Absicht, die dogmatische und praktische Autorität des Talmuds' abzulehnen, wodurch man dann von selbst an die Bibel gewiesen wurde, nun wozu sollte dann der erste Satz dienen, den der Verein an die Spitze seiner Erklärung gestellt hat? war es wirklich seine Meinung durch die Verwerfung des Talmuds auf die Bibel zurückzugehen und diese in ihrer Integrität bestehen zu lassen, so hätte er sich recht gut mit den zwei letzten Sätzen begnügen können, wozu die Behauptung von der Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung der mosaischen Religion? Dieser Satz, wie Sie selbst nicht umhin können einzugestehen, wurde vorsätzlich in einer solchen Unbestimmtheit hingestellt, damit sich Jeder dabei so viel oder so wenig denken könne, als er wolle, und damit Männer von den verschiedenartigsten Ansichten innerhalb des durch das ausgestellte Bekenntniß gezogenen Kreises Platz finden mögen. Da hätte aber der Verein wohl viel klüger gethan, wenn er den ersten Satz unterdrückt und sich mit der Verwerfung der Autorität des Talmuds und mit der Verläugnung des Messiasglaubens begnügt hätte. Dann eff hätten Leute mit den verschiedenartigsten Ansichten über die Bibel und ihren Ursprung, über den Mosaismus und die Verbindlichkeit seiner Gebote Zutritt zu dem zu begründenden Vereine gehabt. Wollte man aber die Autorität der Bibel als eine göttliche Lehre, die nicht aus dem denkenden Gerste des Menschen entsprungen, mit ausdrücklichen Worten anerkennen, um damit zu beweisen, daß man wirklich noch auf dem Boden des positiven Iudenthums stehe, mm warm dieses nicht klar und einfach und deutlich aussprechen, so dff es Jedermann leicht verstehen kann? Wozu das Heiligthun mit seinen Gesinnungen, warum nicht gerade heraus mit da Sprache, wie es Männern geziemt? Warum zuerst einen Satz an die Spitze Ihres Bekenntnisses stellen, der, auf das Gelindeste gesagt, schwankend und unklar ist, und dann eine Erläuterung hintendrein schicken in dem Programm, die wiederum so auf Schrauben gestellt ist, daß bei dem besten Willen ein bestimmtes Bewußtsein nimmermehr daraus zu entnehmen ff? „Nicht im Verdecken und Verstecken, nicht in dem klugen Schweigen, Neigen und Beugen, sondern in dem offene» Ausspruche des Gegensatzes wie des Einklangs liegt M Möglichkeit des Weiterkommens." Das sind ihre eigenen Worte, und man sollte meinen, Sie hätten recht eigentlich eine Satyre auf den Reformverein damit schreiben wollen. (Fortsetzung folgt.) Verlag von E. L. F r i tz s ch e. Druck von I. H. Nage!.

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