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Der Orient · 1844-10-29 · Heft 44 (29.10.1844) · p. Seite 338

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 44 (29.10.1844)
Date
1844-10-29
Page
Seite 338 (sequence 3)
Language
German
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- 338 - Parallele mit. denen in Rußland, sagt der Verfasser (S. 5): „Hat etwa der russische Jude weniger Anspruch auf die Rechte eines Bürgers,, eines Unterhaus, als der russische Christa Warum soll hier ein Unterschied stattsinden? Etwa, weil der Jude in Rußland weniger gebildet ist, als der Jude in Deutschland? Ist das nicht auch ein Unrecht des Staates, der nichts thut, sie zu . bilden? Warum gründet man keine Schulen für sie, warum wird so wenig für ihre Bildung gethan, warum hält man sie im beständigen Druck? Würden sie sich etwa der Freiheit nicht würdig zeigen?^ Diese Fragen, sind aber sehr leicht zu beantworten. Es giebt keine russische Bürger, nach unserem germanischen Sinne, darum kann der Jude keinen Anspruch darauf machen. Der Russe ist entweder Edelmann oder Leibeigener, und derjenige Russe, der keines von beiden ist, ist gesetzlich so schlecht daran als der Jude. Aber der Unterschied liegt in der Willkür, in dem Fanatismus, in demjenigen Religionshasse, wie ec sich bei uncivilisirten Völkern, die eine Bildung affektiren, immer findet. Ist der Jude weniger gebildet als der Russe? Keineswegs. Der jüdische Bauer ist nicht ungebildeter als der russische, der jüdische .Kaufmann eben so civilisict als der russische, und wenn man die Bildung des Verstandes, die Kenntniß der Religion mitrechnen will, so übertrifft der Jude stets den Russen, der noch in eine Art Götzendienst sich versenkt. Schufen will die Regierung nicht gründen, weil die Abneigung die Idee nicht aufkommen laßt, für die Juden etwas zu thun. Als vor 4 Jabren der Plan zur Gründung von 200 jüdischen Elementarschulen und von 4 Seminarien übergeben wurde, weigerte sich die Regierung darauf einzugehen, weil sie die geringe Austeuer nicht bewilligen wollte. Seit dem das russische Reich besteht, hat es für die Erhebung der-Juden noch nichts gethan; oder was hat es bis auf den heutigen Tag zur Bildung der zwei Millionen Juden gethan? Es hat nicht nur Nichts für die Bildung gethan, sondern durch Machtgebote und Quälereien aller Art jedes Aufstreben nach Bildung gehemmt. Rußland hat sieben Universitäten, nämlich in Petersburg,.Moskau, Kasan, Dorpat,Helsingfors, Charkow und in Kiew, und in allen diesen Städten dürfen die eingebornen, russischen Juden nicht einmal wohnen! Rußland > hat sehr schöne vier Lyceen, nämlich das vom hochherzigen Kaiser zu Zarskoje Zelo, vom Herzrge von Richelieu in Odessa, vom Grafen Bes borodtko zu Ri eg in und das von Demidoff in Jaroslaw gegründete; aber darf ein Jude sie besuchen? Rußlands Versuche, Wissenschaft und Kultur zu verbreiten, sind nur Ausströmungen eines inhumanen Egoismus und daher selbst Unkultur; ein Staat, der so schroff nur eine einzige Klasse seiner Unterthanen duldet, verfehlt überhaupt den Zweck der Bildung und verdirbt mehr als er fördert. Diese Ausschließung der Civilisation trifft leider nicht nur die Juden, sondern auch die Protestanten , die römischen % tholiken.' Und um welcher Religion willen bringt nian die Humanität zum Opfer! Alle Welt weiß, -wie mit dem Popenthum, mit dem Klerus steht. Unwissen; heit und Trunksucht sind, wie die Reisenden berichten die zwei sichtbaren Faktoren ihres Daseins, in diesen Urlastern leuchtet die niedrigere russische PriesterschH dem Volke vor. Und dennoch ist das Volk bester als seine verdumpften Priester, religiöser als sein Christa nismus, der durch seine Phantasi'elosigkeit und Geistes: leerheit kaum eine Religion, .der Sklaven sein kann. Man sagt, der Jude betrügt den Staat, der Jude pG und defrauditt; aber die allgemeine Armuth hatte den Staat belehren sollen, daß nur der Hunger und die Noth ihn dazu treibt, abgesehen davon, daß es sehr selten geschieht. An der am strengsten bewachten Grenze beiBrch hörte ich nur von einem einzigen jüdischen Pascher, k freilich als würdiger Vertreter des todesmurhigen Amtes angesehen werden könnte. In schauerlicher, sinstmc Sturmesnacht hört man ihn hoch zu Roß hinbrausen; vor seiner Waffe erbebte schon mancher auf der hm liegende Kosak und die bleichen Gcenzbauern wissen viel: leicht von mancher Todesthat zu erzählen. Zweimal von den Russen gefangen, ist er doch entkommen; Rch land hat ihn reklamirt, aber ein ganzes Städtchen hat geschworen, daß er Oesterreicher sei. Uud was hat dieser Mann von allen seinen Todeskämpfen und von feinen kühnen Pascherthaten? Nichts als Armuth. Und MS haben die Kaufleute, deren Dienst er sein Leben geweiht? Nichts als Armuth. Es liegt etwas DamMsches in jenem bluttriefenden Nachtkämpfen, das nur die Gerechtigkeit, eines Staates bannen kann. — Doch ich kehre zu dem speciellen Thema des Buches zurück. In einer kurzen, namentlich aus Carmoly's ®)W uik in der Revue Orientale geschöpften geschichtliche!! Skizze über die, Juden Polens,-wird dargetham daß der gedrückte Zustand der polnischen Juden, ihre Abgeschlossenheit, ihre schmachvolle Tracht und Ausschließung m dem Ankäufe von Ländereien erst durch die Jesuiten iw 16. Jahrhundert bewirkt wurde. Der Wiener Vertrag 1816 hat sie vergessen und die Folgen der Jesuitenherrschast wucherten fort; oder vielmehr er hat die Juden nicht vergessen, sondern die Konstitution auf dir Bekenner des Christenthums beschrankt. Zu diesem allgemeinen traurigen Zustand kommen nun noch die täglich sich mehrenden, neckenden Bestimmungen. So wurdr z. B. ihnen verboten in den besseren Theilen der Stadl Warschau zu wohnen; Die Königstcaße, in der W des sächsischen Gartens, wo die Juden seit vielen Zähre» wohnten, wurde ihnen durch eine wüllkürliche Verordnung des Generals Zajonczek versagt. DieAbschli^ sung in eine Judenstadt oder in Judenstraßen ist erst das Eczeugniß der Knechtschaft Polens. Der FmE minister Lübeck! führte die Abgabe Koszerne von

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