Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1844)
- Date
- 1844-07-30
- Page
- Seite 240 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 240 - VI. Nachdem ich den gegenwärtigen Zustand der jüdischen Bevölkerung Odessas, Handel und Industrie, und ihr Streben nach Aufklärung auseinandergesetzt, sollte ich noch ihren Bildungsgrad und ihren Charakter besprechen, um so mehr, da sich die Odessaer Juden in beiden so frappant von ihren Glaubensgenossen in den westlichen Gouvernements unterscheiden. Aber ihre Fortschritte Ln dieser Beziehung sind so bedeutend, daß sie denjenigen unglaublich erscheinen müssen, die mit den Umständen unbekannt sind, welche den Odessaer Juden die Erreichung ihrer gegenwärtigen Bildungsstufe erleichterten. Diese Umstände sind folgende: Erstens, die geographische Lage Odessa's und das mannigfaltige Gemisch der dortigen Bewohner, zweitens, die Gründung der jüdischen Schule im Jahre 1826. Odessa, an den Ufern des schwarzen Meeres liegend, von weiten Steppen umgeben, entfernt von den von Juden bewohnten Orten, wurde zuerst von den verzweifeltsten Abentheuecn bevölkert, von Leuten ohne Familie, die auf der weiten Welt ihr Glück suchten, und die gleich herumwandernden Vagabunden hier ihr Lager aufschlugen. Es versteht sich, daß derartige Personen ein lüderliches Leben führten und sich wenig um Sitte und Gesellschaftlichkeit bekümmerten. Nach und nach, besonders zur Zeit des türkischen Krieges von 1807 — 1812, gesellten sich zu den ersten Ansiedlern Auswanderer aus den westlichen Gouvernements, aus Weiß - und Kleinrußland; außerdem fingen auch ausländische Juden, besonders aus Galizien von den^Handcls - Vortheilcn angezogen, sich in Odessa niederzulassen an, so daß schon zur Zeit der Pest im Jahre 1812 die Bevölkerung nicht unbedeutend war. Die Grenzensetzung der Pest, die Eroberung Bessarabiens und endlich der allgemeine europäische Frieden erhoben noch mehr die Bedeutung Odessa's in der Handelswelt, und zogen viele neue Ansiedler — darunter auch eine Menge Juden — nach Odessa. Diese jüdischen Ansiedler, Auswanderer aus verschiedenen Städten und Gegenden brachten nun als Kolonisten in ihre neuen Wohnorte ihre eigenen Begriffe, Vorurtheile und abergläubischen Ansichten mit. Aber von ihrer früheren Heimath entfernt, in ununterbrochener Berührung mit andern Personen, und von neuen Interessen bewegt, vertrauten sie sich nach und nach mit den neuen Ideen, legten ganz ab oder milderten wenigstens die angeborenen Fehler; im äußersten Falle' gaben sie sich immer Mühe, diese Mg'ngel nach Möglichkeit zu verbergen, wenn sie auch die eingewurzelten Vorurtheile in den.engen .Familienkreisen nährten und sie nur in Berührungen mit denen äußerten, die ihre Begriffe und Ansichten theilten. Bei diesen Umständen mußte natürlich der jüdischen Bevölkerung Odessa's ein allgemeines Interesse und der Gemem- Geist überhaupt abgehen, Jeder lebte für ssich, um das Gemeinwohl unbekümmert; die Chassidim') tanzten auf den sammlungen bei ihren Rabbi's, welche in Masse kamen, um ergiebige Geldernten einzusammeln: Materialisten bekümmerten sich blos um ihren persönlichen Vortheil; nur wenige ir Odessa etablirte Ausländer hatten wahre Bildung und Kenntnisse, die meisten machten nur lächerliche Prätcnsionen cut[ (Zivilisation, — in ihrem aufgeblasenen Hochmuthe vermieden sie die Gemeinschaft der sogenannten russischen Juden und führten ein ganz abgesondertes Leben — so daß in den zwanziger Jahren noch der bezeichnende Charakter der ^Dbeffaer Juden ein völliger Mangel alles Gemeinsinns war. Aus dem Obgesagten ersehen wir klar, daß die OdeWr jüdische Gemeinde in sich alle Elemente europäischer Civilisation und des krassestesten Fanatismus enthielt, und gleich bei der Bildung der Gemeinde sie die Fähigkeit, jede beliebige Richtung anzunehmen, besaß, je nachdem sieder Leitung des finstern Chassidismus oder der wahren Aufklärung überlassen wurde. Aber hier wie überall besiegte der Geist des Lichts den Dämon der Finsterniß, und nach dem glücklichen Laufe da Umstände, war der Kampf nicht ein Mal von langer Dam! Mit wahrem Talente und klarem Verstände begabte Personen erhielten das Uebergewicht über die Unwissenheit der Müsst, die blind den Einflüsterungen einiger Gegner des BürgersinnZ folgten, die die Schwäche der Menge auszubeuten suchten. (Fortsetzung folgt.) *) Chassid, in der vielfachen Zahl Chassidim ist eine jiidische Sekte von Rabbinisten, auf die Lehre der Kabbala gegründet. Es ist hier nicht der Ort, auf den eigentlichen Wech dieser Sekte einzugehen, oder zu ergründen, in wie weit diese Sekte in der Gegenwart dem Zwecke ihres Stifters entspricht. Der Gründer war Israel Baal-Sch'em und lebte im Anfänge der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im Städtchm Mendzibosch'e (das sch wird wie das französische J ausgesprochen ) im Podolischen Gouvernement. Die erhitzte Phantasie der Ungebildeten, der Liebhaber des Wunderbam findet in den Lehren dieser Sekte eine besonders reiche Nch rung. „Emunat Chachamim," das heißt der Glaube an dir übernatürlichen Kraft des Gebets ihrer Rabbi's, und die Erzählungen vom heiligen Leben und den verrichteten Wunder» derselben bilden gewöhnlich die Gegenstände der Unterhaltes der Chassidim auf den Versammlungen bei ihren Rabbi's ober in ihren Bethäusern. Ihre Versammlungen sind gewöhnlich belebt von Gesang, Tanz, Händeklatschen und allgemein cynischer Lustigkeit; denn ein Chassid muß 'Gram und Kummer vermeiden und dies zwingt ihn nicht selten zu geistigen Getränken seine Zuflucht zu nehmen. — Die Chassidim begnüge» sich nicht mit den historischen oder reinmoralischen Gründe religiöser Dogmen. Jede Ceremonie, jedes Gebet hat lni ihnen eine höhere, mystische Bedeutung, eine Kraft, die nch ihrer Meinung auf die bimmlischen Sphären von Einfluß isu — besonders verleihen sie dem Gebete und dem Segen Rabbi's eine allmächtige Gewalt. Diesen Glauben suchen die Obern dieser Sekte und ihre Trabanten als das sicheck Mittel einer reichlichen Geldernte unter den Anhängern dM Sekte zu verbreiten und festzuhalten. Eine Ausnahme bilden in gewissen Beziehungen diese genannten Chassidim-Chabadiiik. Verlag von C. L. Fritz s che. Druck von I. H. Na g e l.