Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1844)
- Date
- 1844-06-11
- Page
- Seite 192 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Vergangenheit. . geschlagene Spekulationen! drängten gewaltsam den verarmten Handelsmann, den unglücklichen Spekulanten in einen Wirkungskreis hinein, für welchen er weder Bildung noch Neigung besaß. So bekamen wir häufig vom Schicksale gedrückte, in den Kreis der von Natur so froher Jugend hinein geschleuderte, seufzende Lehrer, die durch ein quälendes: „Muß" ihren Lehrerberuft wählten. Sie kannten die Schicksale ihres früheren Berufs, weniger sich selbst als Lehrer; waren im Geschicke geprüft, icht aber im Können und Wissen; wähnten zwar, die Welt zu kennen, kannten aber nur selten den ihnen anvertrauten Kinderkreis und standen mit diesem in einem völligen Kontraste. Dieser voll des jugendlichen Lebens, sie voll des Seufzens und des Todes im Leben; dieser oft schmachtend nach schönen und guten Lehren, sie selbst unmündig, hierin gehörig entsprechen zu können; dieser voll Schmiegsamkeit, sie voll des stillen und lauten Unwillens, der sich häufig in Schmähnnd Schimpfworten aller Art bekundete und nicht selten Veranlassung gab, daß Schüler ihnen entzogen und einem anderm zugeführt wurden. Denn diese zur Schule zu schicken oder nicht, die Zeit, wie lange und zu wem sie geschickt wurden, das hing ganz von der Willkür der betreffenden Eltern ab und begünstigte zugleich, izumal in größeren Gemeinden, wo es der Winkellehrer mehre gab, den Stolz, den Eigensinn und die Parteisucht mancher Eltern. (Beschl Gegenwart. deren Pläne und Einrichtungen bloß auf die Bildung christlicher Lehrer berechnet sind, verlassen, ohne allseitige Fähigkeit und Tüchtigkeit für ein Lehramt bei Israliliten zu besitzen. Diese Behauptung bewahrheitet, sich gegenwärtig leider so häufig, daß alle weitern Beweise hie für überflüssig wären. Wie es oft mit der Neigung zum Berufe aussehen mag, ob nicht zuweilen auch ein von der Zeit nicht gut bedachter pekuniärer Zustand junge Leute auf diesen so löblich dotirten Stand hinführt, jedoch nur so lange hinbannen, bis günstigere Auswege sich ihnen geöffnet, das ist eine Frage, die sich gegenwärtig dadurch beantwortet, daß Lehrer wirklich diesen ihren Beruf aufgeben und einem andern zueilen. Bewegt sich nun gleichwohl der jugendlichkräftige ehrer unserer stolzen Gegenwart mit einer mehr entsprechenden innern Stimmung in dem frohen Kreise seiner Jugendschaar, kennt er sich in seinem Berufe näher und besser, versteht er es, die Aufgabe seines Amtes, die Aufgaben der ihm unholde Zeit zu lösen, so ist es für diese nur um so schmählicher, daß sie ihn verläßt, daß sie für ihn zaudernd stehen bleibt, während er in ihr vorwärts schreitet, wenigstens nach Maaßgabe seiner Bildung, die sie ihm giebt. ß folgt.) Personalchronik nnd Miscelle». Ludwig Marcus. Ueber diesen merkwürdigen Mann enthält die A.A. Z. vom 2. und 3. Mai in der Beilage einen Nekrolog von H. Sp ei n e in Paris, der auch im Orient erwähnt zu werden verdient. Ungeachtet Heine, der Proselyt, durch seine Vertheidigung der Iudenemancipation (deren Vertheidiger er langweilig, deren Gegner aber er blödsinnig nennt) über sich selbst den Stab brrcht, so ist er doch wegen seiner Autorität in gewissen Kreisen, wegen seines Verhältnisses zur A.A. Z. und wegen des Ernstes der zuweilen den Witz durchgeistigt, ein nicht ganz verwerflicher Zeuge für die Juden, ihre Fähigkeiten und ihr verzweifeltes, unerschütterliches Ringen nach der Freiheit. Der Held seiner Schilderung, Ludwig Marcus, war in Dessau 1798 geboren, hatte im Aeußeren viele Aehnlichkeit mit seinem großen Landsmann Moses Mendelsohn, verfaßte außer linguistischen, botanischen und astronomischen Schriften eine Geschichte der Vandalen in Afrika, hatte Prof. Duesberg zum.Mitarbeiter in seinem Studium der nordafrikanischen Geographie, hinterläßt ein ungedrncktes Werk über Abyssinien (das wohl S. Munk, sein Freund und wahrscheinlich künftig auch sein Biograph, veröffentlichen wird), nahm an der Zeitschrift für Kultur und Wissenschaft des Judenthums regen Antheil (u. A. schrieb er dafür den Aufsatz über die Beschneidung bei den Abyssinemnen), wurde Professor in Dijon, legte seine Stelle wiederum nieder, zog nach Paris, wo ihn Frau v. Rothschild frei» gebig unterstützte und starb im Wahnsinn daselbst am 15. Juli 1843. Am 17. Juli ward er auf dem Kirchhofe Montmatre begraben. Bei dieser Gelegenheit entwirft Heine biograph. Skizzen und Charakteristiken von Aunz (mit seltener Auen kennung), dem Kantianer Bendavid, M. Moser und dm, wie uns bedrücken will, von ihm arg verlästerten Ed. Gans, dessen Abtrünnigkeit er Heine, selbst ein Abtrünniger, mir ungemessener Herbigkeit tadelt. Rheinland und W e st p h a l e n. In dem Hospital der Protest. Diakonissen - (barmh. Schwestern) Anstalt zu Kaiserswerth wurde im vorigen Jahre auch 1 Jude verpflegt. * * * y Paris. Bei dem großen Leichenbegängnisse Lafsitte's, bei welchem gegen 20,000 der Bahre folgten, bemerkte man unter den Großen auch Rothschild und Mendizabal. Die Mädchen-Konfirmation. Ein Lobhudln Geiger's in der D. A. Z. glaubte diesem Herrn einen groß" Gefallen gethan zu haben, daß er ihn als Erfinder der Mädchen-Konfirmation, dieser grenzenlosen Albernheit, darstellle. Dafür muß er jetzt in den Tagesblättern büßen. Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.