Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-06-04 · 23 (4.6.1844) · p. Spalte 355-356

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
23 (4.6.1844)
Date
1844-06-04
Page
Spalte 355-356 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8555529-9890798-9890823--3572-3530372
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

355 356 Studien. Briefe über das Zudenchuw von Dr. I. Ztub. Bildung des Menschen für alle Zeiten zu fördern, und daß, je weiter der Mensch auf dieser Bildungsbahn vorangeschritten, desto deutlicher der tiefe, reichhaltige Sinn der heiligen Schrift sich ihm erschließe: so wollen wir Alle mir ganzem Herzen unter die Worte der Verfasser unser Amen setzen. Diese schöne Wechselwirkung: der Fortschritt der religiösen Bildung durch die Gotteslehre einerseits, der Wachsthum des Verständnisses der Schrift unter den Menschen anderseits — ist der Offenbarung hohe Bestimmung, ist des Menschen erhabener Beruf. Der Mensch, vermöge seiner geistigen Kraft, ein Ebenbild Gottes genannt, trägt in seiner Seele eine ewige Wildungsfähigkeit, welche ihm zur Pflicht macht, sich immer mehr zu vervollkommnen, bis er in der Wirklichkeit das geworden, was er der Anlage nach sein kann: Gott ähnlich. An der Hand der geoffenbarten Religion vermag der Mensch dieses große Ziel der Gottähnlichkeit zu erreichen; dazu ward die Gotteslehre dem Menschen gegeben, daß er an ihr zur Vollkommenheit sich bilde. Diese Macht des göttlichen Wortes, wie die Entwickelungsfähigkeit des Menschen, ist keine bloße Möglichkeit, sie ist unbedingte N o t h w e n d i g k e i t, theilweise bis heute jschon in Wirklichkeit getreten, theilweise der Zukunft zur Verwirklichung Vorbehalten. Denn nimmer stehet stille das Rad dieser Fortbewegung zur Gottähnlichkeit, wie denn solcher Stillstand gegen Gottes Wille wäre; doch die rechte Bewegung giebt diesem Rade nur der es treibende Strom der Offenbarung, welcher dem Borne der ewigen Weisheit entsprungen. Diese menschliche Bestimmung in ihrer ganzen Fülle und nach allen Richtungen dem Geschlechte, welchem zu deren Erfüllung unzählige Zeiträume gegönnt sind, vorgesetzt, ist iin kleinen Maaßstabe auch die Ausgabe des Einzelnen, dem zu deren Lösung nur eine kurze Lebensdauer gestattet ist. Indem der Einzelne nach Kräften seinen Beruf erfüllt, liefert er als Glied der großen Gesellschaft den ihn treffenden Beitrag zur Erlangung des für das Geschlecht aufgestellten Zieles. U n b e sch r ä n k t kann sonach diese Fortbildung nicht heißen, da des Zieles Erreichung in Aussicht gestellt ist. Dieses Ziel ist die Erfüllung der Verheißung, daß Gottes Geist über alles Fleisch werde ausgegossen sein, (Joel 3, 1), Einer zum Andern nicht mehr sagen werde, erkenne den Ewigen, weil Alle ihn erkennen (Jerem. 32,34) und die ganze Erde erfüllt sein werde von der Erkenntnis Gottes (Ies. 11, 9), eine Erkenntnis', die kein bloßes Wissen ist, sondern Wissen und Gesinnung zugleich, Leben, vollkommenstes Leben des Geistes. Das istder überschwengliche Gedanke der Perfektibilität im Sinne des Mosaismus, die Seele dieser Religion, welche von den einzelnen Lehren, Verheißungen und Vorschriften, denen sie Leben einhaucht, getragen wird, der göttliche Geist, der über den Fluthen des Lebensmeeres, den Ereignissen der Geschichte schwebt, die beseligende Idee der Menschheit, welche in dem Messianismus ihre Realisirung feiert. Auf diese Weise erkennen wir bie immerwährende Bildungsfähigkeit unserer Religionslehre, welche in der Verbreitung nach Außen und in der innern bessern Auffassung sich darstellt; wobei aber die Lehre Gottes selbst 'ihre Unwandelbarkeit behauptet, und die Veränderung durch die Fortbewegung nur in dem sich entwickelnden Geiste des Menschen vor sich geht. — Wollen aber die Reformfreunde ihre Worte so verstanden wissen, daß die göttliche Lehre an und für sich der Vervollkommnung bedürfe, und immer mehr ausgebildet werden könne, so muß das Iudenthum gegen diese Behauptung die kräftigste Verwahrung einlegen, ihr den stärksten Widerspruch entgegen halten. Es läßt sich diese Ansicht der Reformfreunde auf eine zweifache Weise denken: entweder, daß die alte göttliche Offenbarungslehre, weil sie noch unvollkommen, durch spätere, weitere Offenbarungen Gottes gesteigert und veredelt werde; oder daß dem menschlichen Geiste selbst dieses Recht, die Lehre Gottes zu vervollkommen, eingeräumt werde. In ersterem Fall würden die Worte der Reformfreunde ungefähr nach der Ansicht Lessings in seiner Schrift „Die göttliche Erziehung des Menschengeschlechtes", aufzufassen sein. Allein dieser Begriff der Offenbarung ist auf dem Standpunkte des Iudenthums nicht wohl zulässig, wie denn überhaupt die Verfasser gar nicht von einer neuen Offenbarung sprechen, auch gewiß am wenigsten geneigt sind, mit dem Christenthume in dem alten Bunde nur die Vorbereitung und Verheißung zu sehen, welche mit der Stiftung des neuen Bundes ihre Vollendung und Erfüllung erlangte, oder gar dort in der alten Offenbarung nur den Fluch des Gesetzes zu beklagen, und hier in dem Evangelium die Gnade der Erlösung zu begrüßen. Auch ließe sich nach diesem Principe die Erklärung nicht begreifen, da gerade in diesem Falle von der Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung der Religionslehre gar keine Rede sein kann, insofern die Fortbildung schon lange ihre Grenze und Schranke gefunden hätte und die Möglichkeit ja schon längst zur Wirklichkeit geworden wäre. Es bliebe also nur der eine Interpretacionssall für diese Thesis übrig, daß dem menschlichen Geiste die Befugniß eingeräumt wäre, die geoffenbarte Lehre, fortzubilden und zu verbessern. Das hieße aber, den menschlichen Geist über das Wort Gottes setzen, die Aussprüche der Offenbarung den Vorstellungen der Vernunft unterwerfen. Mit dieser Subordination der Gotteslehre würde das ganze Fundament der Offenbarung aus seinen Fugen gehoben, die göttliche Gesetzgebung zu einer heidnischen Urmaterie, einer formlosen vXtj gemacht, welche der bildende Geist der Sterblichen zu Allem umzuschaffen befugt wäre, wie es ihm nur beliebte. Solcher stolzen Ueberhebungen des menschlichen Verstandes setzt die Schrift die Mahnung entgegen (Ies. 45 9): hn DwV D“! .6 D'T j’N ■jbyDi nt^yn .rio “)Dn idnm hdin ’ucnn — Wenn auch unsere Religionslehre der Vernunft das Recht des freien Erforschens und Begreifens der heiligen Urkunden nicht schmälert, gegentheils dieses schöne Vorrecht zur heiligen Pflicht macht: so ist doch damit noch nicht die Erlaubnis; ertheilt, mit der Offenbarungslehre nach Willkür zu schalten und zu walten, sie als ein unvollkommenes Werk zu erklären,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.