Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 15 (9.4.1844)
- Date
- 1844-04-09
- Page
- Spalte 237-238 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Studien. Zur neuesten Geschichte der jüdischen Gemeinde in Berlin. 238 ^fehlen. Wissenschaftlich gebildete Rabbiner finden überhaupt kaum länger als seit einem Jahrzehnt Anstellungen in deutschen Gemeinden, die meisten der jetzt fungirenden sind daher für eine so wichtige Stellung noch so jung und zu wenig durch ihre bisherigen Leistungen erprobt, und eine aufmerksame Beobachtung hat uns davon überzeugt, daß gar Manchem unter ihnen die nur durch eine längere amtliche Wirksamkeit zu erwerbende Erfahrung und Menschenkenntniß abgehe, die so sehr geeignet sind, den Frieden in der Gemeinde aufrecht zu erhalten. Ein eigenmächtiges, stürmisches Verfahren entfremdet ihnen einen Theil der Gemeinde und ruft statt Liebe und gegenseitiger Verständigung Haß und Zwietracht, statt gemeinsamen Fortschritts eigensinniges Beharren auf der einen, und hastiges Voreilen auf der andern Seite hervor. Darin aber werden Sie gewiß mit uns übereinstimmen, daß ein Fehlgriff bei Besetzung des Rabbiner-Amts nicht leicht wieder gut zu machen sei, und nicht allein unsere Gemeinde, sondern Juden und Iudenthum überhaupt in allem Guten und Wiinschenswerthen sehr empfindlich beinträchtigen würde. Deshalb haben wir Ihnen die Wahl eines Rabbinats-Affessors vorgeschlagen, dessen Stellung wir uns in folgender Weise gedacht haben: 1. Er soll die sabbatlichen und festtäglichen Vorträge in der Synagoge halten. Da es jedoch weder möglich noch wünschenswerth erscheint, daß ein und derselbe Redner an jedem Sabbat predige, so wird die-Zahl der von ihm zu haltenden gottesdienstlichen Vorträge genauer zu bestimmen sein. 2. Ueber Anordnungen hinsichtlich des Gottesdienstes wird derselbe nach gemeinschaftlicher Berathung mit seinen Kollegen dem Gemeinde-Vorstand Vortrag halten und die demnächst gefaßten Beschlüsse nach geschehener Mittheilung an die Synagogen-Vorsteher und unter Mitwirkung derselben zur Ausführung bringen. 3. Ebenso wird er über öffentliche Einrichtungen für den Religionsunterricht der Jugend dem Gemeinde-Vorstand die betreffenden Vorschläge machen, der die nöthigen Einleitungen zu treffen haben wird, um dieselben in's Leben zu rufen. Wie weit er an dem öffentlichen Religionsunterricht sowohl durch Beaufsichtigung desselben als durch eigenes Lehren sich zu betheiligen haben wird, muß näherer Bestimmung Vorbehalten bleiben. 4. Es erscheint.uns wünschenswerth, daß demselben der Religions - Unterricht in unserm Seminar übertragen ■ werde. 5. Da ihm alle rabbinischen Befugnisse zustehen, so wird er auch, wenn es von ihm verlangt wird, wie jeder andere Rabbinats-Assessor, Ritualfragen beantworten, Trauungen vollziehen und sonstige Ritualfunktionen als rabbinische Obliegenheiten verrichten müssen. Was nun endlich seine Qualifikation betrifft, so wird sich über seine Schul- und Universitätsbildung durch seine betreffenden Zeugnisse, über seine rabbinische Befähigung durch ein von einem bekannten Rabbinen ausgestelltes Diplom, so wie über seine praktische Tüchtigkeit durch seine bisherigen Leistungen in einem ähnlichen Gemeinde-Amte auszuweisen haben. Wir wollen auch nicht verfehlen, Sie damit bekannt zu machen, daß der Rabbinats - Verwalter, Herr Oettinger, ein Schreiben an uns gerichtet hat, in welchem er seinerseits die Angemessenheit der Wahl eines Rabbinats-Assessors, der deutsche Vorträge zu halten und den Religionsunterricht der Jugend zu leiten befähigt sei, hervorhebt. Im Vorhergehenden sind Ihnen zwar nur allgemeine Grundzüge mitgetheilt .worden, es dürste aber auch nicht wohlgethan sein, tiefer in das Einzelne einzugehen, da das Gelingen eines so wichtigen Werkes weniger von kontraktlichen Bestimmungen als von der Persönlichkeit, dem Eifer, dem Murh, der Klugheit des zu erwählenden Rabbinats- Affessors abhängcn wird. Die Autorität, die das Gesetz einem Rabbiner einräumen würde, dürste unter den jetzigen Umständen die öffentliche Meinung unfehlbar gegen'ihn einnehmend die Autorität aber, die ein gediegener Mann durch das der Gemeinde eingeflößte Vertrauen sich, erwirbt, kann ein Rabbinats - Aessor eben so gut wie ein Rabbiner gewinnen. Freilich haben wir von dem zu wählenden Rabbinats- Assessor viel gefordert; Gottlob aber giebt es, wenn auch keine allzugroße, doch auch nicht eine zu beschränkte Anzahl von Männern in Israel, unter denen Sie die Auswahl haben werden. Wenn wir mit göttlicher Hilfe den rechten Mann getroffen haben, so können wir auch mit Sicherheit darauf rechnen, daß die Liebe der Gemeinde ihn in seinem schwierigen Amte unterstützen werde; wir dürfen darauf rechnen, daß es den vereinten Bemühungen des Rabbinats, des Vorstandes, der Gemeinde-Beamten, so wie aller Wohlgesinnten in unserer Mitte gelingen wird, die nöthigen und allgemein gewünschten Verbesserungen, wenn auch nicht ohne lebhaften Meinungskampf, noch ohne verderbliche Spaltung in Ruhe und Frieden durchzuführen. Diesen alten Ruhm, den schönsten, den wir kennen, lassen Sie uns unserer theuern Gemeinde erhalten, damit sie wiederum an der Spitze der deutschen Iudengemeinden als ein leuchtendes Muster dastehe. Sollte aber wider Erwarten der von Ihnen zu erwählende Rabbinats-Assessor nach einigen Jahren seiner amtlichen Wirksamkeit den Erwartungen der Gemeinde nicht entsprechen, oder sich sonst ein Bedürfniß zur Besetzung des erledigten Rabbiner-Amtes Herausstellen, so steht es uns ja noch immer frei, diese Maaßregel in Antrag zu bringen, zumal sich voraussetzen läßt, daß sich auch für eine solche Stelle immer mehr geeignete Kandidaten heranbilden werden. Es liegen dem Rabbinate überdies so viele und so wichtige Pflichten und Geschäfte ob, daß es mit der Zeit dringend nothwendig werden wird, zwei wissenschaftlich gebildete Theologen in demselben zu haben, so wie wir denn auch srüherhin in