Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1844)
- Date
- 1844-03-26
- Page
- Seite 104 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 104 - fertigen. Um ihnen ein treffendes Bild von dem maaßlosen Elende unserer bezammernswerthen Religionsgenossen zu zeichnen, will ich Sie mit der Art der Steuereinhebung bekannt machen. Die Negierung hat aus eigener Erfahrung die Ueberzeugung gewonnen, daß unzubeseitigende Schwierigkeiten bei dergleichen ELnkassirungen im Wege sind, und faßte dm Entschluß, solche öffentlich zu versteigern. Die Voraussetzung, daß Aussichten auf reichen Gewinn ein sicheres Mitd fei, selbst Juden herbeizulocken, die zur Unterdrückung der Eignen bereit sein werden, ihre Hand zu bieten, blieb in der That ungetäuscht. Die unmenschlichen Fleisch- und Lichtpachter, wie sie gewöhnlich genannt werden, scheuen sich nicht, die schlimmsten Handlungen zu üben, um nur reichen Gewinn von den armen Mitbrüdern zu ziehen. Gewaltthaten, die der Ähnlichkeit nicht aufzuweisen haben, werden ohne Zahl verübt, und die Magistrate, die zum Schutze der Bewohner eigentlich da sind, schämen sich nicht, sie bei ihrer Unmenschlichkeit zu unterstützen. Die beispiellose Jammerscenen wiederholen sich gewöhnlich mit jedem Freitage. Gesetzlich wird jedes Licht, das au den Festtagen in jüdischen Häusern brennt, mit 5 Kr. K. M. bezahlt. Der Arme, der sein und seiner Angehörigen Leben zu erhalten kaum vermögend ist, wird von den entmenschten Pächtern durch Exekution so sehr gedrängt, daß er Alles opfert, um nur des Lichtes Schein ungestört genießen zu können. Zwei Lichter muffen gezahlt werden, wenn man auch keine gebraucht, und je größer und angesehener die Stellung eines Juden ist (wie die der Vorsteher und Rabbiner) desto mehr zahlt er. — Die gefühllosen blutsaugenden Pachter suchen dabei dem armen Unverschuldeten einzureden, daß sie die Steuereinhedung nur zur Milderung ihres Joches in ihre Hände gebracht, damit sie sich desto sicherer in ihr unvermeidliches Loos fügen; denn Wehe dem, der sich seiner Pflicht nicht zur gehörigen Zeit entledigen kann, die unentbehrlichsten Hausgeräthe, ja oft das Kleid vom Leioe wird ihm entrissen, und nicht selten noch mit Geldstrafe bczüchtiget. Die exekutive Gewalt Oesterreichs ist mächtig genug, selbst die strengsten Institutionen zu schützen, besonders wenn sie ein Volk betreffen, das nur da zu sein scheint, um für Andere zu arbeiten. Wie ist da — frage ich Sie — eine glückliche Entwickelung möglich? Wer nicht dieser Scene Zeuge war, oder nicht das rechtlose und gewaltsame Verfahren dieser böswilligen Pächter mit angesehen, kann sich kaum eine lebhafte Vorstellung von ihnen machen, und auch ich will einen Schleier über sie ziehen, damit ihr Auge noch Sehkraft behalte, für die, welche ich ihnen noch vorzuführen gedenke. 2 Das Rekcutiren. Die natürliche Bestimmung des menschlichen Geistes, dessen Entwickelung nicht von ihm selbst abhängt, sondern der er unwillkürlich und unaufhaltsam gleich den Gestirnen, die ihrer vorgezeichneten Bahn folgen muffen, folgt, ist Freiheit. Jedes Hemmniß, das ihm in den Weg gestellt' wird, entrückt Verlag von E. L. Fritzschc. ihn dem natürlichen Ziele, er wird der Freiheit beraubt. Zwar weiß ich, daß wer sich der Gesellschaft angefchlossen, zugleich gewisse Bedingungen übernommen, die ihn oft der Bestimmung entrissen; allein die Pflichten, welche die Gesellschaft gegen ihn beobachtet, sind ausreichend, ihn zu entschädigen, und lassen ihm Wege offen, die für sein Glück geeignet sind. Wenn aber die Gesellschaft, trotz der genauen Beobachtung der Unverletzlichkeit und der treuesten Anhänglichkeit dennoch das treue Individuum verletzt und mishandelt, die ihm zukommenden Rechte nicht gewährt, auch es von der Bahn der Ehre und des Ruhmes zurückstößt, und mit tyrannischer Gewalt eö zu verdrängen trachtet, so ist es geknechtet, und der Freiheit entrissen. Daß bei solchem Bewandniß keine innige Anhänglichkeit denkbar ist, versteht sich von selbst, und nur gewaltsame Maaßregeln können das vom Individuum, das die Gesellschaft aus ihrer Mitte gestoßen, erzwingen, was freie, selbstständige aus freien Stücken ungezwungen thun. Ein solches Verfahren wendet auch wirklich die gatizifche Regierung gegen die Juden an. Ich habe ihnen schon gezeigt, welche Pflichten den Juden auferlegt sind; mit welcher Treue sie solche erfüllen, daß sie sich an allen Genüssen Abbruch thun, um nur die Staatslasten tilgen zu können, und dennoch ist ihnen kein Weg offen, der ihnen Trost für ihre Traurigkeit reichen könnte; ja und dennoch werden sie gezwungen, zum Wöhle des Staates zu arbeiten, und ihn vor innern und äußern Feinden zu schützen. (Fortsetzung folgt.) Personalchrvltik und Miseellen. Odrau, im März.- Der in der literarischen Welt all Aesthetiker und Altertumsforscher rühmlichst bekannte, emeritirte Professor Herr Joseph Mcinert zu Partschendorf in Mähren, spendet nicht nur den christlichen Notleidenden reichlich Almosen, seine Humanität umfaßt auch die jüdische Armen. Durch seine Verwendung wurde der jüdische Knabe Max Strakos am Klumpssuß operirt, und nun laßt er denselben auf seine Kosten das Handschuhmacher-Handwerk erlernen. Eine edelmüthige Handlung, welche die vollgültigste Anerkennung verdient. - F e r d: n a n d D i t t e l. Hr. Dr. Geiger ist zum Mitgliede des Komitees dr6 Vereins für die armen Weber im schlesischen Gebirge erwählt worden. Zu Tilsit leben 27i Juden, wovon 3 ohne Staalsbürgerrecht. In P e t e r s b u r g leben 732 Iuden; in Moskau 257, darunter 141 Polizeisoldaten mit 37 Frauen und ö7 Kindern. Druck von I. H. Nagel.