Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1844)
- Date
- 1844-03-05
- Page
- Seite 80 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 80 - tcn in mancher Stadt, wo höchstens ein Koscher-Wirthshäuser sich aufhalten konnte, nun schon eine angesehene jüdische Gemeinde, Rabbiner und Tempel, wie in Ca sch an, Stuhlweissenb urg, Waitzen, Erl au, Szathmar u. s. w. zu finden seien. 2. Anzahl und Vertheilung. Ist schon überhaupt die Anzahl der Einwohnerschaft in Ungarn schwer zu bestimmen, so giebt es hinsichtlich der Juden noch besondere Schwierigkeiten, die eine genaue Angabe unmöglich machen, unter Anderm ist, trotz den Verfügungen des neusten Gesetzes, die Matrikel noch nirgends eingeführt worden. Die neuen vaterländischen Statistiker weichen von einander zwischen 2 — 30,000 ab; doch meine ich, wir zählen mehr. Die Meisten bewohnen den Norden in seiner ganzen Ausdehnung von Ost bis West, somit unter die Slaven vermengt, und da die Letzteren noch in dumpfer Gefühllosigkeit dahinbrütend, an Nationalgefühl und.Freiheitsliebe ihnen nachstehen, so werden sie, wenn nur ihre beleidigte Menschenwürde^! erst wieder ausgesöhnt wird, ein starker Hebel zum Fortschritte werden, und die tragen Massen, die bisher fest den Staub umklammerten, oder gar von „Jenseits der Karpathen" angezogen werden, emporheben, und durch seine beiderseitshin verwandtschaftliche Natur die Auflösung des so lange Widerstand leistenden Slavismus in den schon in Ga'hrung gerathenen Magyarismus befördern. Da sie aber unaufhörlich aus den anstoßenden syrischen Ländern Verstärkung erhalten, so kann bei der Gegenseitigkeit der Wirkungen und bei den Sympathien, die unter Landes- und Stammesgenossen stets anzutreffen, und erst durch eine lange Reihe von Jahren sich verlieren, der Uebergang eines Theils jener viehisch behandelten Völker in ein besser und glücklicher sich befindendes Land unmöglich ohne Folgen für die übriggebliebenen Unterdrückten bleiben, und theilweift die schmählich ihrer Würde Beraubten zur Nachahmung ausmuntern, theilweise auf die Herrscher oder besser die Gefängnißwärter — zur Nachgiebigkeit zwingen, oder zu stärkern Unterjochung veranlassen? Gleichviel, da doch selbst die seelenlose Saite, zu hoch gespannt, reißt, und den Uebertre wenden oft empfindlich verletzt, so wird auch die Geduld der Völker im schlimmsten Falle reißen, und dann wehe dem, den die aus den Fugm mit Macht losgetrennten Theile treffen!-Der Süden, wie er überhaupt wenig bevölkert, zählt auch der Juden wenig, hingegen zeichnet diese ein bedeutender Wohlstand, ja oft großer Reichthum vor jenen aus, die zum größten Theil arm und kümmerlich leben; denn sich glücklich schätzend, der die ganze Menschheit so zärtlich an die Brust drückenden Polizei, oder den nach Sibirien so verführerisch lockenden Göttinnen.entgangen zu sein,' bringen dieEingewanderten selten mehr, denn ihren guten Willen und unverdrossene Thätigkeit mit, und Mancher von ihnen, der Glück findet, und sich ein ansehnliches Vermögen erwirbt, ubersiedelt sich in die wärmern Gegenden, wo der vorherrschende Freisinn und die größere Möglichkeit, durch den lebhafteren Handel seine Kräfte zu vervielfältigen, unwiderstehliche Lockmittel sind. Am meisten bevölkert sind die Gespannschaften: Preßburg, Neutra, Zemplin, Trent sch in, Sarosch danndie südlicheren Sz a b o 11 u. Szathma r, wie auch P e st h. Große Gemeinden giebt es in den Handel treibenden Städten P e sth, Preßburg, Arad, Szegedin, Temesvar, Großwardein, Raab, Papa u, s. w. 3. Ursprung, Sprache und Sitten. Wie ich Ihnen früher gesagt, wanderten einstens aus den slavischen Nachbarländern Juden in unser Vaterland ein. Und wirklich giebt es unter uns nur wenige, deren Groß- oder Urgroß-Vater nicht ein Russe, Pohle, Mähre oder Böhme gewesen sei; und dies ist so auffallend, daß es mir oft bewiesen zu sein scheinen wollte, als wäre Ungarn vor hundert Jahren ganz judenleer gewesen: gleichwohl leidet es keinen Zweifel, daß zu allen Zeiten unserer viel da waren, und Vertreibungen höchst selten verordnet, nie aber ausgeführt wurden. Ausfallend ist ein kleiner Haufe Siebenbürger, die viele und wesentliche Stücke des Mosaismus angenommen, ausschließlich aus ihrer eignen Mitte heirathen, sich selbst untereinander als Juden betrachten, aber einzig ungarisch sprechen, auch, ihre Gebete nur in dieser Sprache verrichten, der Form wegen sich zwar zu irgend einer herrschenden Landesreligion bekennen müssen, aber von der dortigen höchst duldsamen Bevölkerung genau gekannt, und mit dem Namen Szombasniker bezeichnet werden. Ueber ihren Ursprung herrschen viele sich widersprechende Sagen. Ihrer eignen Aussage zu Folge wären sie ursprünglich Christen gewesen, auf Aneistrung ihres Grundherrn aber, der ein polnisch-jüdisches Mädchen nur unter der Bedingung, daß er Jude wird, erhalten können, seien auch sie zum Judenthume übergegangen. Viele erblicken in ihnen spanische Flüchtlinge. Ich hatte sie für Ueberreste einstiger ungarischer Juden, die um einer Auswanderung zu entgehen, scheinbar sich zum Christentbume bekannt haben. Auch ist es höchst wahrscheinlich, ohne eben bewiesen werden zu können, daß die Juden in früheren Zeiten unter Ungaren ungarisch gesprochen haben, da es ein Hauprzug im jüdischen Charakter von jeher war, der Landessitte sich anzuschmiegen, und in den Geist des Volks zu übergehen, bis nicht die Scheidewand zu so unübersteiglicher Höhe gediehen ist. Denn, war auch die Unterdrückung von Oben für uns stets fertig, so hat es doch lange gewährt, bis die Abneigung so sehr in Blut und Mark übergegangen, und hat erst dann so unausrottbar tieft Wurzel geschlagen, als überhaupt die künstliche lateinische Verfinsterung des Mittelalters unter ihren Fittigen den Adel und die Pfaffen ihren fürchterlichen Spuk treiben ließ. — 'Außerdem gibt es auch fränkische Gemeinden in Lerne swar, Semlin und Carlsburg in Siebenbürgen, „(Fortsetzung folgt.) Druck von I. H. Nage l Verlag von C. L. F ritz s che.