Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 7 (13.2.1844)
- Date
- 1844-02-13
- Page
- Spalte 109-110 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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109 Studien. Geschichte der Samson'schen Freischule zu Wolfenbüttel. 11« beiläufig zur Lichtung der Begriffe geboten wird, das ordnet sich in a. und b. durch den Unterricht in der Naturgeschichte und Technologie zu einem systematischen Ganzen. Der Winter ist in ersterer vorzugsweise der Zoologie, der Sommer der Botanik mit Exkursionen gewidmet, in letzterer wird die Belehrung durch Zeichnungen und Besuche der Handwerker unterstützt. Der Gesangunterricht beschränkt sich auf Volkslieder, Choräle und Uebungen im Synagogengesang (diese nicht in regelmäßigen Stunden). Die beiden andern technischen Fertigkeiten Z e i ch n e n 93) und Schönschreiben 94) werden vernunftmäßig geleitet und wir haben sehr erfreuliche Fortschritte besonders dadurch anzuerkennen, daß der Schreibunterricht in seiner vollen Ausdehnung durch alle Klaffen hindurchgeht, die Schüler daher in der ersten Klaffe nicht wieder verlernen, was sie in den untern sich angeeignet haben. Zu G edäch tniß übu ngen und zum freien Vortrage (meist) prosaischer Stücke sind regelmäßige Stunden festgesetzt. Hat cs sich aus den frühem Abschnitten offenbart, daß zu Zeiten die körperliche Ausbildung mit der intellektuellen nicht beständig gleichen Schritt halten konnte, so dürfen wir jetzt mit desto größerer Freude auf die Ausgleichung beider Theile der Erziehung Hinblicken. Während schon seit einem Decennium durch vielfache Bewegung und Spiele in freier Luft, durch Schwänge und Kegelbahn") hinter dem Hause für die Kräftigung des Körpers Bedeutendes geschehen war, sind auch hier die Fortschritte der letzten Jahre sehr wesentlich. Im Sommer wird täglich unter Aufsicht eines Lehrers im offnen Flusse36) gebadet und das Schwimmen erlernt. Eine Turnanstalt ist im Garten errichtet und das Turnen unter die bestimmten Lehrgcgenstände ausgenommen97). Kleine und größere Exkursionen in die schöne Umgegend, oft für den ganzen Tag, beleben die Munterkeit, erfrischen den Geist der Jugend, und die Spiele im Freien, an denen die Lehrer Theil nehmen, lassen oft den Charakter jedes Knaben besser erkennen, als lange Beobachtungen in den Lehrstunden; sie erleichtern zugleich, die D isciplin. 93) Der Unterricht im Zeichnen muß später jedenfalls auch in 2 Abteilungengetrennt werden, damit die ältern Knaben mehr im Zeichnen n a ch d e r Natur sich üben können. 94) Die hebräische Kursivschrift wird gleichfalls als Kalligraphie gelehrt. 95, Die Wiederherstellung dieser Bahn im Jahre 1836 verdankt die Anstalt der freigebigen Güte des einen der jetzigen Administratoren, des Hrn. Samson. 96) In einer völlig gesicherten Badeanstalt. 97) Obgleich es leider an einer bedeckten Halle für die Winterübungen fehlt, hat dennoch Hr. Dr. Cohen, als geschäftsührender Administrator alles wahrhaft Nützliche rasch und freudig erfassend, die Anschaffung eines Voltigeurpferdes bewilligt. Dasselbe ist provisorisch in dem Bibliotheks-Saale aufgestellt und soll den Winter hindurch zu regelmäßigen Uebungen benutzt werden. Diese, obgleich, das A und Sl jeder Erziehungsanstalt, läßt sich doch im Einzelnen unmöglich schildern. Theils beruht dieselbe auf den allen Schulen gemeinsamen Grundsätzen der Vernunft, Humanität und Erfahrung, theils spiegelt sie sich schon in dem Totalbilde der Anstalt, das ich zu zeichnen mich bemüht habe, theils endlich ist nirgends die Theorie so grau, wie in der Disciplin, das erfahren viele Eltern oft zu spät. Die Individualität derLehrer, wirkt mehr, als Gesetze98), der Einfluß von Außen stärker, als selbst militärische Strenge. Nur wenige Andeutungen mögen hier ihre Stelle finden. Dadurch, daß viele der aufgenommenen Kinder in ihren bisherigen häuslichen Kreisen, verwahrlost, verzogen, vernachlässigt worden, daß ihre Sprache noch oft ebenso verkehrt ist, wie ihre äußere und innere Ausbildung, bedürfen dieselben einer größer» Sorgfalt und Überwachung, als vielleicht unter andern Verhältnissen nothwendig erscheinen würde. Die pünktlichste, stets wiederkehrende Ordnung gilt daher als einer der ersten Grundsätze und ist zugleich das wichtigste äußre Hilfsmittel für die Disciplin. Sämmtliche Zöglinge empfangen bei ihrem Eintritte eine Ordnungsnummer für Bett, Kleidung, Schränke u. dergl., und den besten unter ihnen werden die übrigen zur Beaufsichtigung zugetheilt. Diese Aufseher haben ihre Bemerkungen in ein Buch einzutragen und dem infpicirenden Lehrer vorzulegcn. Ebenso versehen dieselben abwechselnd die Aufsicht in den Klassen über die Schulbücher, Vorzeichnungen und Schreibmaterialien. Die ältern Knaben sind überhaupt dazu angewiesen, wie ältere Geschwister ihren jüngern Mitschülern zur Seite zu stehen, und dürfen sich weder Thättichkeiten noch überhaupt harte Worte gegen'dieselben erlauben. Wiederholte Verstöße gegen die Ordnung und besonders Widersetzlichkeiten werden mit aufsteigender Strenge gerügt; die Strafen gehen vom sanftesten Tadel bis zur Rüge an der Sittentafel, ja bis zur völligen Entfernung aus der Anstalt und sind in ihren verschiednen Abstufungen bekannt genug. Körperliche Strafen sind nicht ganz ausgeschlossen, werden aber nur selten und mit größter Vorsicht angewandt"). Als vorzügliches Disciplinarmittel hat sich die Sorgfalt bewährt, mit der nach jeder Stunde die Schüler Censurnummern l0°) für Fleiß 98) Die im Jahre 1807 angefertigten und gedruckten Gesetze für die Zöglinge der S. Fr. Sch. sind vortrefflich, aber zu allgemein gehalten, als daß sie einen bedeutenden Einfluß zu üben oder überhaupt den Kindern als Richtschnur zu dienen im Stande wären. Wenige auf die Praxis hknzielende in den Klassen angeschlagene Gesetze sind viel passender und einflußreicher. 99) Von dem weichlichen, für kräftige Knaben ungeeigneten philantropischen Eifer gegen Körperstrafen ist man schon aus den verständigen Mittelweg zurückgekommen. Nur dann sind solche Strafen entschieden zu verwerfen, wenn das Ehrgefühl in den Kindern geweckt und rege ist» - 100) Die Folge und Bedeutung der Nummern sind: 1. Sehr gut, 2. gut, 2 — 3 ziemlich gut, 3. mittelmäßig, 3-4. sehr mittelmäßig, 4. fast schlecht, 4—5. schlecht, 5. ganz schlecht.