Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1844)
- Date
- 1844-02-13
- Page
- Seite 56 (sequence 15)
- Language
- German
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56 Der Geschichtssinn bei den Juden. „Wie kommt es, daß unter den zahlreichen Judengemeinden sich noch nirgends ein historischer Verein gebildet hat, der Materialien zu einer Geschichte der Juden, wo nicht in Deutschland überhaupt, doch wenigstens in den einzelnen Staaten, Provinzen, Städten u. st w. sammelt? Bei dem grauen Alter mancher jüdischen Kolonien in Deutschland finden sich gewiß im Besitze vieler Gemeinden und Privaten, Urkunden, fragmentarische Kroniken und ähnliche Aufzeichnungen zerstreut, die, wenn sie gesammelt, gesichtet und.aus dem hebräischen oder dem jüdische deutschen Jargon, in welcher sie geschrieben sein mögen, übersetzt würden, sowohl der Wissenschaft überhaupt manches neue denkenswertbe Moment zuführen, als auch den Juden insbesondere bei ihren Emanoipationskämpfen, wohl zu Statten kommen könnten. Wie kommt es, daßdie Juden in ihrem praktischen Sinn noch nicht auf den Gedanken gekommen sind, in ihrer Vergangenheit zu wühlen, um ihre Gegenwart und Zukunft dadurch zu fördern und zu unterstützen? Was in dieser Beziehung von Jost, von dem Verfasser der „Juden in Oesterreich" und in sonstigen Monographien geschehen ist, verdient gewiß Lob, aber es sind doch immer nur einzelne Bestrebungen, denen überdies nur spärliche Quellen zu Gebote standen. Warum trachtet man nicht, diese Quellen reichlicher auszugraben? In Prag z. B., wo der Jesuit Schaller nachgewiesen, daß die Juden zugleich mit den Slaven, wo nicht noch früher eingewandert sind, in Prag, wo der uralte jüdische Gottesacker mit seinen Tausenden von Grabsteinen und ihren wunderlichen Hieroglyphen, die Phantasie aller Geschichtsforscher reizt, wo die sogenannte „Alt- Neusynagoge", eines der ältesten Denkmäler christlicher Architektur, auf ihrem finstern Ungeheuern Dachboden von alten undurchsuchten Pergamenten birgt, welche wichtige und interessante Entdeckungen wären nicht da zu machen.?, wenn die Gebildeten in dieser alten Gemeinde aus ihrer unverzeihlichen Indolenz sich ausrichten möchten, um zu einem geschichts- und alterthumsforschenden Verein zusammenzutreten? Sonderbar, die Juden haben in neuster Zeit auf allen Feldern des Gedankens sich rüstig getummelt und der deutschen Wissenschaft und Kunst viele ausgezeichnete Talente zugeführt. Nur die Geschichte ist ihnen ein verschlossenes Feld geblieben, und vergebens würde man sich nach irgend einem bedeutenden Geschichtswerke umsehen, das einen Juden zum Vers, hätte. Grenzboten. Der S ch w a n e n o rd en. Nur die Unbekanntschaft mit den Symbolen und Zwecken dieses Ordens konnte einige jüdische Zeitschriften und manche jüdische Korrespondenten in politischen Blättern veranlassen, über Ausschließung zu klagen. Die Statuten dieses Ordens, welche von Hillert erschienen sind, zeigen hinlänglich daß dieser Orten durch Symbole und Zwecke ein dogmatisch-christlicher ist, so daß es wohl keinem Juden Einfallen wird, einen solchen haben zu wollen. Uebrigens verbreitet sich jetzt das Gerücht, daß der Plan zur Erneuerung dieses Ordens aufgegeben sei. — Malten's „neueste Weltkunde" zeichnete sich von jeher durch einen groben Judenhaß aus. Im Januarhefte schreibt ein Hr. Dr. Braun, daß die Juden, nach orientalischer Sitte, ihre Leichen zu früh begraben, daher nicht e'ivilistrt sind und keinen-Anspruch auf Bürgerrecht haben. Auch klagt Hr. B. darüber, daß die Juden päbstliche Namen führen und nicht deutsch sprechen können. Hr. Braun kenn« wahrscheinlich nicht die heutigen Juden, welche besser sprechen, als er schreibt, und hat wahrscheinlich nie die „Namen der Juden" von Zunz gelesen. Selbst die tobten Juden, die jüdischen Leichen sollen uns in der Emancipation hindern! G er echtigke it gegen die Todten. Vor Kurzem haben sich in Preußen „Kriegervereine" gebildet, aus denen bestehend, die im Freiheitskriege gedient, und die vorzüglich den Zweck haben, die absterbenden Kameraden aus den Freij heitskriegen mit militärischen Ehren zu bestatten. Die Regierung war so gnädig, diese Pietät zu gestatten und wenn [■ diese Ehre einen Juden traf, sie nicht trotz, des christlichen Staats zu verbieten. In vergangenem Monate wurde zu Frankfurt a. d. O. ein Jude mit solchen Ehren bestattet, ohne daß der christliche Staat gewankt. Wenn auch nicht vor dem Gesetze, so doch vor dem Tode ist Jude und Christ | gleich. I Die Emancipationsfrage tu Baden. In der 19. Sitzung der baden'schen Stände zu Karlsruhe gelangte endlich auch die Petition für die Judenemancipation an. Sie war nicht von der schlechtgeleiteten Gemeinde zu Karlsruhe, deren Vorsteher wohl die Course der Staatspapiere, aber nicht; die Bedürfnisse ihrer Gemeinde zu kennen scheinen, auch nicht vom Oberrathe Epstein, dem Haupte des Vereins zur Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Juden, denn dieser : scheint mehr an das Hospitz zu Jerusalem zu denken, sondern; von der Gemeinde zu Mannheim. Die ausführliche und; scharfgezeichnete „Geschichte der Judenemancipation im Großj herz. Baden" in den ersten Nummern dieses Blattes haben die Fahrlässigkeit jüdischer Seits zu wenig berührt. Die Juden in Ungarn. Die Israeliten des ganzen l Landes haben, wie die politischen Blätter melden, sich endlich * entschlossen, eine Petition um völlige Emancipation einzurei- | chen. Der Text der Petition ist zwar noch nicht veröffent- S licht worden, aber so viel wir erfahren, soll sie gut ausgear- E beitet sein. D i e Augsburger A ll g e m e i n e Zeitung hält es unter ihrer Würde, die Verdienste der Juden oder die Juden- Emancipation betreffende Artikel in ihre Spalten unentgeld- J lich aufzunehmen. So har sie einen Artikel, der Rothschild' s Verdienste würdig und einen andern der für die Emancipation der ungarischen Juden kämpft, unter die bezahlten Artikel gestellt. — Den Juden fehlt die Krone; darum buhlt die Dame Augsburg, nicht. Zur Geschichte P r a g e r A n t i q u i t ä t e n. In Prag, wo man aus Aberglauben es nicht wagt, den Boden der Alt-Neusynagoge zu betreten, wo die Angelologie in so hohem Ansehen steht, herrscht noch ein alter Gebrauch, in deutscher und bö h m i s ch e r Sprache die Leute in die Synagoge zu rufen. Wozu diese Zweizüngigkeit? Oder glaubt auch jetzt noch der Pöbel, daß die Juden sich, aus den Ruf, zum Genuß des Christenblutes versammeln? Verlag von C. L. F r i tz s ch e. Druck von I. H. Nagel.