Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1844)
- Date
- 1844-02-06
- Page
- Seite 48 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360310-2360317--4346-3530064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
48 so muffen wir doch den am Schlüße der Betrachtung uns gemachten Vorwurf, .als haben wir den Muth nicht uns, zu dem Grundsatz der Freiheit vom Vorurtheil zu bekennen, als machten wir die allgemeine Sache her Menschheit nicht zu der unserigen und die unserige nicht zur allgemeinen durchaus, abweisen" u. s. w. Hier ist also abermals ein Punkt, wobei ich's mit Feind und Freund zugleich aufzunehmen habe. Es ist ein sehr gewöhnlicher Irrthum von Freunden und Feinden der Judenemancipation, letztere an demokratischere Regierungsformen zu knüpfen. Daß auch Sie, geehrter Herr, darin verfielen, nimmt mich um so mehr Wunder, als Ihnen Vorgänge wie sie gleich in der jüngsten Zeit, z. B. in der eben so demokratischen als intoleranten Schweiz, oder in dem liberalen und judenfeindlichen Baden stattgefunden, gegenwärtig sein mußten, überdies aber Sie selbst als Bürger oder vielmehr Nrchtbürger eines Freistaats die bevorzugtere Stellung Ihrer Glaubensgenossen in dem benachbarten absoluten Dänemark gewiß mehr als einmal zu beneiden gehabt haben! Um aber neuen Misdeutungen zu entgehen, muß ich hinzufügen, daß ich mich eben so wenig zum Absolutisten durch die Bemerkung stempeln will, daß die Sache der Juden unter schrankenlosen Herrschern von Joseph und Napoleon reißende Fortschritte machte, als zum Demokraten durch die andere, daß sie unter den freien Verfassungen Hollands, Englands, Amerika's, Frankreichs gedieh: ich folge hierbei eben nur dem Gang der Geschichte, welcher, gottlob! die Ansprüche der jüdischen Unterthanen eines Staats nicht an dessen Regierungsform, sondern an die Beachtung von Gerechtigkeit, Humanität, und allgemeiner Wohlfahrt innerhalb desselben zu knüpfen scheint. Dennoch muß es''mir in mehr als einer Beziehung widerstreben, wenn Sie geehrter Herr, Bauern die stillschweigende Koncession machen, Oesterreich den absoluten Staaten zuzuzählen, und auf diese irrige Pämisse hm, in sein Klagelied über den Absolutismus einstimmen. Ich habe bei allem Widerwillen, mich über Dinge der Art zu verbreiten, nicht umhin gekonnt, in meinem Buche darzustellen, daß die Regierungsform in Oesterreich nicht als eine absolute, sondern als eine monarchische väterliche zu betrachten sei. Ich habe diese letztere Bezeichnung nicht irgend einem feilen Journalisten nachgeschrieben, -sondern einem geehrten und fr e ie n Britten. Welch' ein Unterschied aber zwischen einer absoluten oder autokratischen und einer solchen monarchisch-väterlichen zu machen sei, wäre leicht durch Beispiele zu illustriren, wenn es nöthig und räthlich erschiene, zumal bei der verwaltenden Hoffnung, die österreichische Staatsverwaltung werde es nicht verschmähen, solchen Unterschied auch in Beziehung auf die jüdischen Untertanen unzweideutig an den Lag zu legen. Ich hatte mir allerdings meine Aufgabe leichter stellen können, wenn ich nach viel hundertmaligem Vorgänge, mich bemüht hätte, die Unvereinbarkeit der jüdischen Zustände in Oesterreich mit allgemeinen Grundsätzen des Rechts und der Humanität nachzuweisen: ich scheute aber weder etwas mehr Mühe, noch die Besorgniß, denen, die üllerall nur sich gerne herauslesen, weniger interessant zu werden, um wenn nichts anders doch dafür die begründetere Hoffnung eines Erfolges für mich zu haben. Diese aber hege ich um so zuversichtlicher, als ich mir schmeichle, daß meine tiefe Verehrung für das Walten der Negierung in Oesterreich meinem Freimuth in Entwicklung der traurigen Rechtszustande der jüdischen Unterthanen daselbst keinen Eintrag gethan haben werde! Ich hege sie um so zuversichtlicher, als ich bemüht war, den Konflikt dieser Zustande allerdings mir Kriterien verschiedener Art, als der Geschichte, cher allgemeinen und besonderen Gesetzgebung, des Staatsvortheils und der Staatsklugheit darzustellen, aber nicht irgend eines erträumten ULopiens und einer platonischen Republik, oder selbst irgend eines andern wirklich bestehenden Staates, sondern Oesterreichs, und wieder nur Oesterreichs! Nicht sollte das von mir Angeregte als ein Fremdartiges mit dem bestehenden schwer zu Veramalgirendes erscheinen: vielmehr sollte seine Gewährung als aus dem eigensten Organismus Oesterreichs hervorgegangen, seine Versagung, als solcher Organisation zuwider Laufend sich Herausstellen. Und darum hege ich Hoffnungen, zuversichtliche Hoffnungen! Und ich würde sie auch noch hegen, nicht wenn die Frage sich aus solchem drei und vierfachem Standpunkte gelöfet fände, worüber ich wahrlich bisher noch nicht eines andern belehrt worden bin, sondern wenn sie auch nur aus einem einzigen unangefochten bleiben müßte, weil ein jeder zur Umgestaltung der angezogenen Verhältnisse genügend erschiene! Und endlich hege ich freudig und zuversichtlich solche Hoffnung, weil an dem großen Baum voll herrlicher Blüthen und Früchte, diese hier schon seit sechs zig Jahren keimt und keimt, seit lange aber von keinem Sturm mehr an ihrem Gedeihen gehindert, sich nunmehr als eine Vollreife der Zeit und Civili'ation darstellt, welcher Wespenstiche nichts mehr anzuhaben vermögen. Von Ihnen, aber, sehr verehrter Herr, hoffe ich in Beziehung auf mich selbst angemessenere Würdigung bei weiterer Bekanntschaft zu erlangen, die ich mir recht sehr, hin nicht auf dem h ie r eingeleiteren Wege wünsche, da nur eine so drängende Veranlassung zu dessen Betretung mich bestimmen konnte. —- Empfangen Sie die Versicherung meiner aufrichtigen Hochachtung. Verlag von E. L. F r i tz s ch e. Druck von I. H. Nagel.