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Der Orient · 1844-01-23 · Heft 4 (23.1.1844) · p. Seite 32

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 4 (23.1.1844)
Date
1844-01-23
Page
Seite 32 (sequence 15)
Language
German
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32 dieser Verhandlungen lauerten, bewogen die 1. Kammer, nur den Beschluß zu fassen, der Minorität der Petitionskommission beizupflichten, und: „diese Angelegenheit mit einer guten Empfehlung dem SLaatsministerium zu übergebend Noch ungelegener mußte diese Zudensrage in der II. Kammer kommen, wo *). Rotteck Berichterstatter der Peti- Lionskommission war. Die stürmischen Debatten in der Dankadresse, wo Rotteck, mit aller seiner hinreißenden Beredsamkeit, die Aufnahme einer Verwahrung in Bezug auf das, durch eine Ordonnanz zurückgenommene Preßgesetz nicht durchsetzen konnte; die kühnentworfene Motion, „daß eine Kommission den Zustand des Vaterlands untersuchen und danach Anträge der Kammer vorlegen solle," welche er, nach Aufwendung von vieler Kraft, dennoch nicht durchzubringen vermochte; diese und ähnliche Anträge hatten die 11. Kammer und namentlich Rotteck in eine Stimmung versetzt, aus welcher man im Voraus die Erfolglosigkeit der Emancipationsversuche entnehmen konnte, die überdies durch die gereizte Sprache der Petenten noch um so gewisser gemacht ward. Dr. Ladenburg gab in einer der überreichten Druckschriften eine so scharfe, tiefeingehende Kritik der Verhandlungen der LI. Kammer im Jahre 1831, daß mancher Abgeordnete nur mit großer Vorsicht das Wort zu nehmen sich getraute. Dasselbe war der Fall mit einer Schrift von Dr. G. Riesser, betitelt: „Kritische Beleuchtung der in den Jahren 183t und 1832 in Deutschland vorgekommenen ständischen Verhandlungen über die Emanzipation der Juden (Altona 1833)," welche namentlich v. Rotteck durch die beißendste Kritik ausreizte. Rotteck selbst sagte in der 68. Sitzung, den 27. September/ als er über alle diese Schriften einen Bericht erstattete, von der Rießer'schen Schrift: „Sie ist mit Geist und Gefühl geschrieben und sehr reich an Kenntnissen und Ideen, aber mit den beißendsten, selbst persönlichen Vorwürfen und in einem wegwerfenden Tone gegen [Me Beschlüsse der Kammer." Diese Gereiztheit zeigte sich namentlich bei denjenigen, die sich 1831 eine Blöße gegeben, da nur sie die Geißel der Kritik getrosten, und v. Rotteck gab für die Majorität den Ton an. Hartnäckig bei seiner ftühern Meinung verharrend, verwickelte er sich, je länger er sprach, immer tiefer in Widersprüche und Spitzfindigkeiten, und, als er endlich den großen Abstand merkte, der zwischen feinen Principien und feinem Verhalten in der Judensache obwaltete, rief er im Unmuth aus, wovon er hatte ausgehen sollen: „Der gegenwärtige Augenblick, der mit so schweren Sorgen um die allgemeinen Nationalsreiheiten erfüllt ist, worin wir unsere heiligsten Verfassungsrechte bedroht, das Wort gefesselt, die Vaterlandsfreunde angefeindet, verdächtigt, zum Lheil in Kecker geworfen sehun, ist nicht geeignet, neben der großen, das ganze Gemüth beherrschenden Angelegenheit, noch ein lebhaftes Interesse für einen minder dringenden Gegenstand aufkommen zu lassen." Dieses Argument war schlagend, denn es paßte für die bewegte Zeit. Nach langen Debatten und trefflichen Reden wurde der Antrag der Majorität der Petitionsßommisst'on angenommen, nämlich: „Zur Tagesordnung überzugehen, mit der ausdrücklichen Erklärung des den Gesinnungen und Beschlüssen der Kammer von 1831 entsprechenden und fortwährenden Wunsches, die Emanzipation der Israeliten möglichst bald realisirt zu sehen." Abermals sahen also die Juden Badens ihre Hoffnung auf eine völlige Gleichstellung scheitern, aber es war ihr fester Vorsatz, Ln den Anstrengungen nicht zu ermüden und die vierjährige Erfahrung sich zunutze zu machen. Bei den Verhandlungen über das Budget (in der II. Kammer den 18. Okt. 1833, in der 1. Kammer den 7. Nov.) setzten sie durch, daß „die Summe von 1500 fl. für jedes der beiden Budgetjahre als Beitrag zu dem Aufwaude für den israelitischen Kultus bewilligt werde und daß von nun an für den israelitischen Kultus eine Rubrik im Staatsbudget einzuführen sei." Eine andere Frucht des erlittenen Schiffebruchs war, daß sofort in Karlsruhe ein „Verein zur Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Baden" gegründet wurde, der folgende 3 Grundsätze aufstellce: 1) Zweck des Vereins ist die Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Baden. 2) die Mittel zur Erreichung dieses Zweckes sind theils ständige, rheils außerordentliche, nur durch die Forderung des Augenblicks Yervorgeruftne. 3) Als ständige Mittel sollen angesehen werden: Beförderung des Ackerbaues, der Handwerke und überhaupt der Arbeitsamkeit unter den ärmern Klaffen; Vorschläge zu besseren Einrichtungen im Schul- und Synagogenwesen; endlich, die Anwendung aller gesetzlichen Mittel zur Erlangung vollkommener und unbedingter Gleichstellung. Dieser Verein hat die Verhandlungen der Kammern von 1833 drucken und unter den Israeliten Badens vertheilen lassen, und, bei jeder Eröffnung der Kammern, vergißt dieser Verein nie, mit einer oder mehren Petitionen zu erscheinen. Den 28. Marz 1835 traten die badischen Stände wieder zusammen, und auch die Juden erschienen aufs Neue mit ihrer Fordrung, da doch auch die Beschränkungen fortdauerten. Namentlich war es der oben erwähnte Verein, der eine höchst würdige, auf die Beschlüsse von 1831 und 1833 Bezug nehmende Petition bei der II. Kammer der Ständeversammlung einreichte, mit der Bitte, "dieselbe dringend empfohlen an die Regierung gelangen zu lassen. Mit Recht konnte der Verein behaupten, daß der, von den Kammern stets vorgeschützte Bildungsmangel ihm als ein leeres, bedeutungsloses Wort erscheine. Ackerbau und Gewerbe standen nicht im Misverhättniß zu der jüdischen Bevölkerung, und schon im Jahre 1833 zählte man 28 jüdische Elementarschulen mit 3000 Schülern; im Jahre 1826 32 jüdische Volksschulen mit 44 Lehrern, und schon in jenem Jahre war der sechste Theil der Israeliten Badens dem Ackerbau und dem Gewerbe zugethan. (Beschluß folgt.) Druck von I. H. Nagel. Verlag von E, L. Fritzsche.

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