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Der Orient · 1844-01-02 · 1 (2.1.1844) · p. Spalte 3-4

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Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
1 (2.1.1844)
Date
1844-01-02
Page
Spalte 3-4 (sequence 2)
Language
German
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3 4 Gutachten des Rabb« und Dr. Gutmann über den Frankfurter Reform-Verein. jede Reform in Kultus und Lehre beigetragen haben. Allein dies geschah immer nur privatim, indem der Einzelne das Recht der Gewissensfreiheit für sich in Anspruch nahm. Es gab auch wohl Manche, die mit ihrem Abfalle prahlten und dadurch ihre Aufklärurg vor den Augen der Welt zur Schau tragen wollten, daß sie die Bande der Religion abstreiften, ja dieser Hohn sprachen. Jedoch eine förmliche Verbindung zum Umstürze des väterlichen Glaubens war noch nicht da; nur Ihnen war es Vorbehalten, ein solches Werk zu unternehmen, welches aber, das hoffen wir zuversichtlich, nimmermehr gelingen wird. Ganz abgesehen von den unberufenen oder lügenhaften Zeitungsartikeln, so wie von der unerlaubten und perfiden Weise, von den verdrehten Mittheilungen von Privatansichten, über welche Sie sich in Ihrer Zuschrift beklagen, halte ich mich einzig und allein anJhrem ungeheuchelten und rückhaltslosen Gefinnungsausdruck, um das über Ihr Unternehmen gefällte Urtheil zu begründen. Ihre Erklärung lautet: „1. Wir erkennen im Mosaismus die M-öglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung." Dieser Satz ist so hingestellt, daß er den Anschein eines positiven Satzes haben könnte, im Grunde ist aber auch er negativ, wie die beiden andern. Menschliche Institutionen sind einer unbeschränkten Fortbildung fähig, denn sie sind zu keiner Zeit vollkommen, also auch zu keiner Zeit abgeschlossen; das kommende Geschlecht wird immer etwas Neues, etwas Besseres erfinden, was den früheren Geschlechtern unbekannt war. Anders aber ist es mir den göttlichen Institutionen, wozu vor Allem die geoffenbarte Religion gehört, wie sie die Schriften Mosis und der Propheten enthalten. Das Göttliche ist in sich vollkommen und abgeschlossen, und es darf nicht dem wechselnden Urtheile der Menschen unterworfen werden, sondern auch vielmehr diesem zur ewigen Richtschnur und Leitung dienen. Jener Satz enthält demnach implicite die Behauptung, der Mosaismus sei keine göttliche sondern eine menschliche Institution, die sich nach den jedesmaligen Begriffen und Einsichten der Zeit anders gestalten und auffassen läßt, wie etwa die philosophischen Systeme eines Plato oder Aristoteles, die jeder folgende Philosoph nach seiner individuellen Ansicht deutet und modelt, und dabei die unbeschrankte FortbildungsfähigkeiL jener Systeme zu Hilfe ruft, wenn er es nicht vorzieht, diese ganz bei Seite zu schieben und seine bessere Einsicht an ihre Stelle zu setzen. Könnte man noch irgend einen Zweifel darüber hegen, welcher Sinn mit jenen Worten zu verbinden sei, so würde man den Schlüssel zur Auffindung desselben in dem zu Ihrer Erklärung gehörenden Programme suchen müssen. In diesem tritt aber die Ansicht ganz unvcrholen hervor, daß nicht eine göttliche Offenbarung die Quelle der mosaischen Lehre und der Religion Israelis sei, - sondern der denkende Geist, wie er sich in Moses manifestirte, für den Urheber der Religionswahrheiten gehalten werden müsse; daß demnach eben dem denkenden Geiste , wie er sich auch in uns manifestirt, zustehe, sich zum Richter über die von Moses verkündete Lehre aufzuwerfen und das, was er Unvollkommncs darin entdeckt, durch ssme vollkommere Einsicht zu ersetzen. Obgleich das ganze Programm diesen Geist des krassen Nationalismus, wenn ich mich so ausdrücken darf, athmet, welcher die Vernunft zum höchsten Richter in Sachen der Religion erhebt und von einer übernatürlichen göttlichen Offenbarung nichts wissen will, st will ich doch der Kürze wegen blos zwei Stetten daraus Anfuhren. Gleich im Eingang sagen Sie: „Der Mosaismus war nicht nur das Höchste, wozu die vAbstraaktion, der denkende Geist sich bei jenen Urvölkern empor schwingen konnte, er war eine Offenbarung dieses Geistes selbst! Er schaffte der vernunftgemäßen Gottcslehre ihre Geltung unter den trüben, geheimnisvollen Wahnlehren jener Zeit; er setzte die höchsten Wahrheircn in ihre Rechte ein, indem er ihnen einen göttlichen Ursprung zusprach."- Also die Abstraktion, der denkende Geist ist der Urquell, woraus Moses die höchsten Wahrheiten geschöpft har, um sie seinem Volke und mittelbar der ganzen Menschheit zu verkünden; er setzte diese Wahrheiten dadurch in sihre Rechte ein, daß er ihnen einen göttlichen Ursprung zu sprach, M bei er blos dm frommen Betrug gespielt hätte, daß er sciru Lehre für eine von Gott unmittelbar ihm geoffenbarte ausgab, während 'fte das Resultat seines .eigenen Nachdenken seiner eigenen Abstraktion gewesen, was gleich nachher ron den Propheten gesagt wird, die, vom Mosaismus ausgehend, die höchsten, in ihrer Epoche möglichen geistigen - Resultate fanden, läßt den Sinn jener Sätze, die sittlich in ein gewisses Helldunkel gestellt sind, ganz klar am Licht treten. Die zweite Stelle findet sich S. 6. des Programms wo von den religiösen Meinungen der durch die geistige Bildung der Zeit Genährten und Getränkten die Rede ist, siir welche Sie den Verein gründen wollen, deren Ansichten folglich auch die Ihrigen sein müssen. Von diesen sagen Sie im: „Während sie also mit Recht das Äußerliche zum greßcen Lheile als bedeutungslos, als geistig unberechtigt, ja zuweilen als einer geläuterten Gesittung unwürdig erkennen, schöpfen sie den innern Gehalt, die göttliche Wahrheit, die ein früheres Geschlecht in der Lehre fand, jetzt nur aus den Schätzender Weisheit, die so viele große Geister aller Nationen gewonnen Hab en." Wir aber schöpfen die göttliche Wahrheit nicht ans den Werken sterblicher Menschen, seien diese auch noch io hervorragend und ausgezeichnet in ihrer Gattung, sondern aus der von Gott selbst geoffenbarten Lehre, welche er dem Moses und den Propheten zum Heile Israels und durch dieses zum Heile des ganzen Menschengeschlechts mitgetheilt hat. Wir glauben nicht, daß der denkende Geist des Menschen im Stande gewesen wäre, die ewigen Wahrheiten der Religion

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