Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 49 (29.11.1842)
- Date
- 1842-11-29
- Page
- Seite 392 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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392 t(n; und bis jetzt noch nicht zu einen vermocht. Die Reformation ist nicht vollendet, u. nimmt so bedeutende geistige Kräfte in sich auf, erweitert ihr Feld so ungemein, daß uns dieAHnung nicht so ferne liegt — sie werde in einer Weltreformation enden. Daß es dem Juden wünschenswerth sein kann, in dieser allgemeinen Reformation gänzlich aufzugehen, wird die Vernunft vielleicht zugeben können, das Gefühl nicht. Aber nur mit dem Gefühl wird der Jude diese Frage beantworten. Und eben dieses nicht berücksichtigend, das doch so ganz und gar mit unserem inneren Leben verflochten ist — ja, das unsere Geschichte ist — unsere lebendige Geschichte! — glaubt die Christenheit es mit unserer Vernunft abzuthnn, denkt an den Sieg, da sie so ganz und gar auf falschem Terrain den Kampf verficht. Und was erhält sie in diesem Wahne? — Unser äußeres Bild, unser äußerlich entzweites Bild, den innern Zusammenhang verkennend, der keine Trennung duldet. Ja, das könnt ihr nicht begreifen, daß die Trennung jder Form, nicht auch die Trennung des Gehalts ist, und die Trennung des innern Elements sich nicht auch auf die Äußerlichkeit beziehen muß! Die Religion ist zwar ätherisch, aber »wir Menschen saugen nur ihre gröberen Stoffe ein — und daher formen wir Form von Inhalt nicht trennen, lassen sie ewig in innigster Wechselwirkkung stehen, eines verändert ohne das Andere nicht seine Gestalt. Auch die jüdische Religion ist gewiß nicht rein von groben Stoffen, aber sie hat einen Urstoff, den Christus auch herausgenommen und dem Christenthume ekngeimpft, als innerstes, innigstes Element, als einen rein ätherischen Stoff — , die Liebe, oder das reinste zarteste Gefühl — das Gefühl des innigsten Zusammenhangs - und Seins mit Gott als Geist — das Gefühl des innigsten Zusammenhangs mit dem Menschen als Mensch, das Gefühl des Urverbandes — der Einheit zu Gott — der Einheit zur Welt. Dieser ätherische Stoff nun, den das Christenthum eine lange, lange Zeit gänzlich von sich ausschied, wäre vielleicht auch bei uns schon längst zerronnen, hättet ihr ihn nicht durch .euern Druck so tief in uns zersetzt, daß nun keine äußere Macht ihn wieder herauszuscheiden vermag. Und diese Einheir zu Gott, ihr glaubt es wohl , sie lebt noch, denn sie beruht nun auch auf dem Gefühl der Duldung — diese Einheit zur Welt — nein, sie ist nicht allumfassend— war es wenigstes bis jetzt nicht im edelsten, erhabensten Sinn — und dennoch eine Einheit zur Welt! — Konnten die Juden dafür, daß ihr diese Welt so eng gezogen, auf sie selbst nur beschränkt, indem ihr zwischen euch und ihm als Grenzen aufstellte : Verachtung, Schande und Scheiterhaufen und als einzigen Uebergangspunkt zu Menschenrecht und Ehren: die Seligkeit, die feilgebotene Seligkeit — und. endlich, nachdem Jahrhunderte verflossen waren und ihrer so mancher ohne eure Seligkeit Menschenrecht und Ehre erlangt — da erst recht schüttelt ihr das Maaß der Verachtung auf sie, als hätten sie es sich erschlichen, und denket nicht, daß sie den furchtbar langen Weg gemacht durch Verachtung, Schande und Scheiterhaufen — mitten hindurch — sie sind nicht umgangen den fürchterlichen Weg, sie aber Menschenrecht und Ehre nicht erschlichen. Und darum trauert nicht, wenn auf dieser langen Reise sein Haar versengt, seine Kleidung abgetragen, manche Blöße sichtbar ist,!daß nicht sobald nach der überstandenen Angst die Besinnung zurückkehren kann — aber sie wird kommen und dann wird die Einheit zur Welt in dem erhabenen Sinne wieder in's Bewußtsein kommen, wie sie die Liebe, die Liebe des Schöpfers, die Liebe Mose's und die Liebe Christi will. Eine solche Einheit braucht der Jude nicht zu fürchten, ihr nicht zu widerstreben, und er wird es nicht, wenn man nicht verlangt, daß er der Einheit zur Welt, die Einheit zu Gott opfere. Diese Einheit aber kann er nur als Jude'bewahren, sie ist unauflöslich an ihn gekettet, wie die Seele an den Körper — nur der Tod lößt sie ab — aber der Jude kann nicht sterben, denn seine geschichtliche Bahn kann noch nicht zu Ende sein, was Jahrtausende geduldet, kann mit diesem Schmerze und in diesem Schmerze nicht untergehen — es kommt eine bessere Zeit, daß ist eine historische Hoffnung und zunächst eine göttliche — und kein Sträuben wird ihre Verwirklichung in die Ferne ziehen können. Bernhard Heß lein. Perfonalchronik und Miseellen. Unter den neuerdings bei der Redaction der Wiener Theaterzeitung für Hamburg eingegangenen Beitragen finden wir u. A.: von der isr. Gemeinde zu Trebitsch (in Mähren) 51 Gulden. Der Gaben von Dessau und Moisling ist bereits früher im „Orient" Erwähnung geschehen. Aus München (vom 12. Oct.) meldet der Nürnberger Correspondent, daß die isr. Gemeinde daselbst zur Feier der Oktoberfeste an jenem Tage alle Criminal-, Civil- und Militärgefangene auf ihre Kosten habe speisen lassen. Zur Literatur über die Damaskusgeschichte gehört auch folgende schon vor längerer Zeit erschienene Brochüre: Wiedenfeld: Was von der Behauptung, daß die Juden Christenblut genießen, zu halten sei. Ein Wort der Belehrung und Warnung 2 Sgr. (Elberfeld, Büschler). In Schlözer's Staatsanzeigeu Heft 22, p. 252 ff. findet sich ein merkwürdiges Actenstück, dem zufolge zwei Juden, Koppel und dessen Sohn Leser Levi mit der Strafe der Excommunication von Seiten des erzbischöfl. mainzischen Vicariats bedroht werden: gewiß ein höchst eigenthümlicher Fall. Als die beiden Juden vom Advokaten die Erklärung dieser Strafandrohung zu wissen verlangten, antwortete ihnen derselbe, sie dürften mit keinem Christen weder reden noch umgehen. Gort bewahre uns, versetzte darauf einer, wenn wir die Christen nicht einmal mahnen dürfen. Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Na g e l.