Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 49 (29.11.1842)
- Date
- 1842-11-29
- Page
- Seite 389 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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389 die irrige Angabe des Dr. Philippson in dem Wiener Kalender zu berichtigen, nach welcher das Waisenhaus blos von den Israeliten Stuttgardts gegründet worden sein soll. Wenn sich überhaupt bei dieser Anstalt von einem einzelnen Gründer reden laßt, so ist als solcher einzig und allein der Buchhändler I. Heß in Ellwangen zu bezeichnen; da dieser sowohl Plan und Statuten dazu hergab, als auch bei der Regierung und hei Privaten die ersten Schritte zur Gründung der Anstalt that. Nächst ihm hat dem Dr. Dreifuß in Stuttgart die Anstalt am meisten zu danken, indem dieser edle Menschenfreund, der seit Bestehen der Anstalt Vorstand im Ausschüsse ist, nie weder Zeitaufwand und Mühe scheuete, noch es an reichen Geldgeschenken fehlen ließ, um das Gedeihen der Anstalt auf alle Weife zu fördern. — Die medicinische Fakultät und der akademische Senat in Tübingen hat der K. Regierung für Besetzung der Professur, welche an jener Fakultät neu errichtet werden soll, die Herrn Dr. Arnold in Zürich, Dr. Henle in Berlin und Dr. Valentin in Bern vorgeschlagen und den letzten blos deshalb als den dritten bezeichnet, weil — wiewohl sich Dr. Valentin als Theoretiker in dem betreffenden Fache auszeichne — man doch nicht wisse, ob er auch praktische Uebung als Lehrer darin besitze. — Der akadem. Senat in Tübingen ertheilt beinahe in jedem Jahre auch an jüdische Studierende Scaatsstipendien. In diesem Jahre hatten sich nun zu solchen Stipendien 80 Studirende christlichen und 5 Studierende jüdischen Glaubens gemeldet; wahrend aber von jenen 54, wurde von diesen nur 1 zurückgewiesen. Noch günstiger stellt sich das Verhältnis; heraus, wenn man die ganze Anzahl der christlichen Studirenden mit der der jüdischen vergleicht: denn unter den o. 800 Studirenden sind blos 11 jüdischen Glaubens. Won diesen 11 widmen sich 2 der Theologie, 5 der Rechtswissenschaft und 4 der Arzneiwissenschaft. — Unter den Studirenden in Tübingen besteht schon seit mehreren Jabren ein Armenverein, um die Armen der Stadt und Umgegend nach einem geregelten Plane und Systeme zu unterstützen. Mitglieder desselben sind beinahe sämmtliche Studirende. Dieser Verein hat stets auch die armen Israeliten der Umgegend reichlich bedacht und seit 2 Semestern ist auch einer der jüdischen Studirenden Mitglied des Ausschusses, welcher zur Besorgung der Armenpflege in jedem Semester neu gewählt wird und aus 12 Studirenden besteht. Bei der letzten Wahl stimmten unter 324 stimmenden Studirenden 314 für den jüdischen Studirenden. Schweiz. Genf, 10. Ott. Die Angelegenheit der Juden in Genf ist bereits zum allgemeinen Gespräch in den Blättern geworden; man wundert sich allenthalben über die calvinistifche Toleranz und die Handlung überraschte um so mehr, als man allgemein hoffte, daß die neue Constitution Genfs (1842) die Emancipation der Juden aussprechen werde. Indessen hat hier die Zurückweisung der Petenten weniger überrascht. — Erfreulicheres jedenfalls habe ich aus Aargau mitzutheilen, dessen Quelle, wie ich gewissenhaft angeben will, der in Aargau erscheinende Schweizer Bote vom 3. Nov. ist. Entschuldigen Sie, daß ich etwas weit ausholen und mit einigen persönlichen Beziehungen referiren werde. Vorauf gehe die Mittheilung, daß der unten folgende Bericht meines Wissens nur in jenem Blatte zu finden und weder in ein allgemein-politisches noch in ein anderes mir zu Gesichte gekommenes Journal übergegangen ist. Der „Schweizer-Bote" wird, wenn auch nicht mit Namensangabe, von dem alten, wackern Zschokke aus Magdeburg redigirt, dessen Verdienste um Staat, Kirche und Literatur erst kürzlich durch eine von der Schweiz aus angeregte, in ganz Deutschland beifällig aufgenommene „Zschokke-Stiftung", welche sich die Verbreitung guter Volksfchriften zum Zwecke gesetzt hat, anerkannt worden sind. Der Schweizer-Bote ist dem Ultramontanismus, den Jesuiren, den Klöstern, der kirchlichen Intoleranz, dem Fanatismus und dem Aberglauben ein unversöhnlicher Feind, ein tödtlich gehaßter Gegner. Man merkt, daß Zschokke's Geist dieses Blatt durchweht; möchten besonders die zahlreichen Juden des südlichen Deutschlands dem Schweizer-Boten und der Zschokke- Stiftung beitreten! Neben ihm wirkt seit 1830 besonders der „Freisinnige", ebenfalls ein schweizerisches Blatt, zu Gunsten religiöser Duldung. — In seiner Nummer vom 3. Nov. beschreibt nun der „Schweizer Bote" die Einweihung eines neuen isr. Schulhauses in Lengnau, (Kantons Aargau). Der Artikel ist als eingesandt bezeichnet und M—r. unterschrieben; er rührt nach einer in demselben gegebenen Andeutung von einem vielgereisten , mit dem Schweizer Unterrichtswesen durch Autopsie genau bekannten (christlichen) Schulmanne her und hat noch eine besondere Ueberschrift: „Ein erfreuliches Zeichen der Zeit aus Israel." Die lsrael. Gemeinde zu Lengnau hatte 10—11,000 Fr. zum Bau eines neuen Schulhauses für ihre Jugend zusammengebracht. Die Einweihung fand am 24. October statt. Gegenwärtig waren die Abgeordneten des Kantonsschulrcuhes (Seminardirektor Keller von Lenzburg und Prof. Straub von Baden im Kanton Aargau), ferner die beiden Schulinspektoren des Bezirks Zurzach, (nämlich der Vicegerichtspräsident Steigmeier und der Pfarrer Suterm e iste r), außerdem viele christliche Einwohner Lengnaus und der Umgebung, endlich die Angehörigen der jüd. Gemeinde zu Lengnau und ein Theil., der Juden aus der Nähe. Des Morgens um 10 Uhr versammelten sich die jüd. Schüler aus Lengnau (etwas , über 100), nebst 50—60 Schülern aus der jüd. Nach-