Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Beilage zu Nr. 38 (13.9.1842)
- Date
- 1842-09-13
- Page
- Spalte 7-8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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7 8 Dr. Formstechers Religion des Geistes, beurtheilt von Dr. Hirsch. nicht gebraucht werden soll, nur der Widerspruch, worin sich der Mensch mit sich selbst setzt, ein Widerspruch, der sich selbst vernichtet und die Menschheit wiederum nöthigt, zu Gott zurückzukehren. So ist Gott unabhängig von der Menschheit und die Menschheit schlechterdings, auch in der Sünde noch, abhängig von Gott. Die Sünde vernichtet sich selbst so, daß das Resultat Null bleibt und das ist das Lob Gottes, das selbst aus der Hölle emporsteigt. Der Pantheismus ist schlechterdings genöthigt, dieses absolute Sein-Können aber nicht Sein- Sollen der Sünde zu leugnen; ihm ist die Sünde blos das Noch-Nicht der Freiheit, während nur das Thier das Noch-Nicht der Freiheit ist, der Mensch aber entweder das Streben nach der Tugend oder das Versinken ins Laster sein muß. Der Mensch, weil er Thier und Geist zugleich, oder die Vermittelungsstufe zwischen Thier und Geist ist, soll sich den Geist aneignen, kann aber auch ihn sich nicht aneignen; aber weil er Geist werden soll, kann er nicht den Geist so ohne weiteres ausschließen und Thier bleiben, sondern der Geist rächt sich an ihm und treibt ihn unter das Thier. \ Gott hingegen ist die Freiheit, braucht sie sich also i nicht anzueignen, oder der Prozeß der Weltgeschichte ist 1 nicht der Prozeß Gottes. Und doch ist er wieder der I Prozeß Gottes, aber in einer ganz andern Weise als er 1 dieses dem Pantheismus ist. Die Beleuchtung hiervon wird unsere zweite Frage beantworten helfen. Gott ist die Freiheit) er braucht sie sich nicht erst anzueignen. Bei Gott findet daher keine'Willkür statt. Nur der Mensch kann willkürlich handeln, d. h. er kann das thun, was er nicht'braucht, er kann sündigen. Gott hingegen braucht nicht sündigen zu können, denn er braucht sich die Freiheit.nicht erst anzueignen, weil er sie ist. Wenn'Gott daher die Welt geschaffen hat, wenn er die menschliche Natur so eingerichtet hat, daß wenn sie sündigt, die Sünde sich absolut selbst vernichtet. so mußte Gott diesestthun. Warum? Weil er es gerhan hat. Aber wer zwang ihn? Gott selbst, denn er ist die Freiheit. Die Einsicht in die Notwendigkeit der Sache ließ ihn sich nötigen, die Sache zu thun. Gott ist unabhängig vonderWelt, aber erl ist der Welt nicht fern, sondern ist durch sich selbst genöthigt, sich in der Welt eine Wohnung zu bereiten, die Menschheit zur freiwilligen Aneig- 1 nung der Freiheit zu erziehen. Gott lenkt die Weltgeschichte nicht willkürlich, sondern er lenkt sie zu dem einen Ziele, das er sich mit Nothwendigkeit hat setzen müssen. Nur das ist zu vermeiden, weil es falsch ist, daß Gott nur in der Welt, d. h. in der Menschheit zu seiner Wirklichkeit kommt, nicht aber das, daß Gott au ch in der Menschheit sich eine Wirklichkeit geben muß *). Aber wie stehet es denn mit der einmaligen Schöpfung im Judenthum? Aber stehet denn etwas von einer einmaligen Schöpfung in der heil. Schrift? Von *) Wir wissen recht gut, wie sehr das auch und das entweder — oder, das immer in ein sowohl-— als auch Umschlagen soll, in der Schule verrufen ist. Indessen haben wir anderswo noch ausführlicher zu zeigen versucht, daß wir in diesem, aber auch nur in diesem Falle das Recht haben, so wohl auf das auch, als auf das entweder — oder zu hatten. Verlag von C. L. Fritz sche. der einmaligen Schöpfung unserer Welt allerdings, Aber sagt denn die heilige Schrift auch, daß diese einmalige Schöpfung ein Akt des Beliebens, der Willkür Gottes war? Gewiß nicht. Doch wozu alle Querfragen, wo die Sache selbst an sich klar ist, will man sie nicht durch eine spätere jüdisch-griechische Philosophie erst verwirren? Die heilige Schrift will weder Physik, noch Metaphysik lehren, sie spricht daher in Bezug auf Physik und Metaphysik die Sprache ihrer Zeit; aber sie will die religiöse Wahrheit, daß Gott die Freiheit ist und der Mensch sich zum Ebenbilde^Gottes machen und das Jrd ische beherrschen soll, einschärfen. Ihr Hauptinteresse, warum sie eine Schöpfungsgeschichte giebt, bestehet in dem bei jedem Tagewerk wiederholten Gedanken, daß Gott sein Werk sah und es war gut. Damit ist das Heidenthum abgewiesen, welches behauptet, daß der Mensch nicht frei sein könne, d. h. sündigen müsse, weil ein Ahriman, eine Hyle, oder eine blinde Nothwendigkeit, ihn zu einem größern oder geringem Schadender Natürlichkeit mache. Sie will zeigen, daß Gott dem Menschen Alles so bereitet habe, daß er nicht zu sündigen brauche und daß, wenn er sündigt, es seine und nicht Gottes Schuld ist. Noch eine Frage müssen wir beantworten, ehe wir von unserm Verfasser für diesmal Abschied nehmen können. Nämlich: ist dies, daß wir sagen, Gott ist die Freiheit, eine Apotheose des Menschen? Allerdings. Was Gott dem Mondbewohner ist, wissen wir so wenig, als wir wissen, was er dem lieben Vieh ist; aber wir brauchen das auch nicht zu wissen, und deßhalb möge sich die hochmüthige Bescheidenheit des Dilettantismus in der Philosophie keine Kopfschmerzen machen, oder besser, sie möge solche Fragen gar nicht aufstellen. Wir wissen, was Gott für uns ist; was ec den Engeln ist, mögen die Engel beantworten; und was er für sich ist, mag ihm selbst zur Beantwortung anheimgestellt bleiben. Freiheit ist für uns der absolute Begriff, der.für uns keine Schranke mehr bietet und deswegen, weil wir in der Freiheit keine Schranke mehr fühlen, sind wir nicht über sie hinaus; denn nur der fühlt eine Schranke, der über sie schon hinaus ist. Die Probleme, die in dieser Welt für uns unauflösbar sind, wollen wir in dieser Welt gar nicht aufstellen, und sie der zukünftigen Vorbehalten, wo wir aber wahrscheinlich Wichtigeres zu thun haben, als uns mit den närrischen Problemen, die wir hier nur pour passer le temps aufgestellt haben, zu beschäftigen. Es heißt den Kant schlecht verstehen, wenn man sich berechtigt glaubt, es ihm nachzuthun und solche nichtssagende Probleme, um von unserer Bescheidenheit auch eine Probe hu geben, aufzustellen. Kant war so wenig bescheiden als Sokrates, oder als die Wahrheit überhaupt bescheiden ist. Er hat kein Problem ausgestellt, sondern positiv geantwortet: Was das Ding an sich ist, wissen wir nicht, und er hat den Bew eis dieses unseres Nichtwissens'geliefert; ec hat die saure Arbeit nicht verschmähet, um zu dem Wissen zu kommen, daß wir das nicht wissen, dagegen giebt der Dilettantismus nur seine Fragen zum Besten; denn er ist bescheiden und will so weit gehen in seiner übergroßen Demuth, das pNH Dy ]wpo dhd auf sich anwenden zu lassen. Druck von I. H. Nagel.