Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Beilage zu Nr. 31 (30.7.1842)
- Date
- 1842-07-30
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Beilage $n Rr. 31 des Orients 1843. Deutschland. Berlin. -Die Suspension des Judengesetzes. Ueber den Statistiker'H o ffm a n n. Breslau. Schluß der Polemik gegen die Schrift des Hrn. Tiktin, so wie gegen die seiner Freunde. Stolp. Anfragen in Betreff gemischter' Ehen zwischen Juden und-Christen. Das Juden-Reglement von 1710 in Hamburg. Deutschland. Berlin »+ 19. Sirnu (Hamb. Neue Zeitung 22. Juni 1842.) Die Entscheidung über das Judengesetz ist einstweilen von dem König suspendirt worden. Von anderer Seite ist, wie schon die Brockhausische Zeitung meldete, ebenfalls eine lebhafte Debatte über die Judenfrage erregt worden, indem der Minister Eichhorn an sämmtliche Landräche ein Schreiben erlassen hatte, in welchem diese aufgefordert werden, an solchen Orten, wo keine jüdische Schulen bestehen, für den Unterricht der Judenkinder in den christlichen Schulen Sorge zn tragen, weil sich neuerdings herausgestellt habe, daß unter den Juden mehr Verbrechen als unter den Christen vorgefallen seien. Da nun diese Noriz durchaus falsch ist, so sehe sich die hiesige Judenschaft veranlaßt, durch ihre Aeltesten sich darüber bei dem Minister Eichhorn zu beschweren, und eine -Rücknahme jenes RescripLs, sowie eine Erklärung darüber zu verlangen. Der Minister erklärte jedoch darauf, daß nur der Concipient des Rescripts an der Aufführung jenes Grundes schuld sei, und daß dies ja gelegentlich in der „Staats-Zeitung " berichtet werden könne. Damit war die Judenschaft indessen nicht zufrieden, sondern beharrte auf der Forderung einer Erklärung, welche ihr billiger Weise auch wohl nicht versagt werden kann. Der Minister Eichhorn hat indeß sich noch nicht darüber entschieden. — Der Aufsatz des bekannten Statistikers Hoffmann über die Judenfrage, welchen die „Staats- Zeitung" enthielt und den jetzt das Berliner Lesekabinet hat als Broschüre drucken lassen, erregt allgemeines Mißfallen. So verdienstvoll die statistischen Berechnungen dieses ehrenwerthen Mannes sein.mögen, so schwach sind seine politischen Argumente. Er findet eine unauflösbare Schwierigkeit darin, daß die Juden durch ihre Religion genöthigt seien, eine besondere Nationalität zu bewahren', und daß es daher in ihrem eigenen Interesse liege, nicht emancipirt zu werden. Worin besteht aber diese Nationalität anders, als in der Ausübung ihrer Religion, und wie viel ist denn deren Cultus von jedem andern verschieden? Religion ist Religion, der Katholik kommt dem Protestanten so absonderlich vor, wie dieser jenem', und der Quäker ist uns wieder so eurios wie der Jude. Die Juden haben allerdings einen besonderen Sabbath, allein find sie denn so durchaus gezwungen, diesen streng orthodox zu bewahren? Sobald die Emancipation der Juden ausgesprochen ist, werden sie sich auch von ihrer Orthodoxie so gut zu befreien wissen, wie wir es mit unserem Sonntag thun, und selbst, wenn sie ihn beibehalten wollen, so gäbe dies immer noch keinen Grund, sie von den ihnen gebührenden Menschenrechten auszuschließen. Diese sind es, welche der Staat in Betracht zu ziehen hat, über die Religion, als ein absolut Innerliches darf er sich so wenig ein Macht-Urtheil erlauben, wie über die Philosophie, sonst zwingt er diese, sich unmittelbar gegen ihn zu kehren. Denn diese tragen die Gesetze in sich, welche nicht bloß „von gestern sind," sondern den ewigen Inhalt des Menschengeistes verkünden. Die Philosophie hat uns aber, indem sie die Oberherrschaft der Religion paralysirt hat, zur Duldung aller Religionen geführt und von diesem Princip solltei namentlich Preußen, einst der Sitz der Aufklärung, nicht lassen. —- Von dem erwähnten Statistiker Hoffmann ist kürzlich auch eine Schrift „Das Verhältniß der Staatsgewalt zu der Vorstellung ihrer Untertanen" erschienen, welche, da Hoff-! mann auch Mitglied des SLaatsrathes ist, nach dieser Seite hm viel Interesse darbietet. ' Hoffmann Ist - ein'Mann, aus-der , alten praktischen Schule, scharfsinnig, aber ohne eigentliche! philosophische Bildung und daher über den Versuch zur Theorie, über „Ansicht und Meinungen" nicht hinausschreitend. Er selbst macht jedoch den Grundsatz der „Staats-Zeitung," daß nur die Statistik den Inhalt unserer publüistischen Debatten bilden könne, glänzend zu Nichte, indem er sich auf das Gebiet der politischen Theorie begiebt und zugleich zugesteht, „daß er hier nur au'f einen beschränkteren Beifall rechnen könne, als ihm seine statistischen Arbeiten zu Wege gebracht hätten." — Breslirn, den 9. Juli. (Beschluß.) Wir wollen die sophistische Interpretation der Statuten, die nicht minder einem talmudischen Logiker, als einem gewandten Rabulisten Ehre machen würden, übergehen, müssen aber nur den damit im Zusammenhang! stehenden Pllssus von dem „alten jüdischen Gebrauche, nach welchem ein Rabbiner niemals abgesetzt werden kann" ö) näher berühren.' Wirklich niemals? Mit welchem Rechte konnte also der Vorstand zur Zeit, da der verstorbene Rabbiner-' Falk sich weigerte, mit Herrn Rabbiner Tiktin (gerade wie dieser heute mit dem Dr. Geiger) collegialisch zu wirken, dem erstern andeuten: .„daß im Falle er noch länger auf der Verweigerung der collegialischen Mitwirkung mit Herrn Tiktin verharre, angenommen werden solle, als sei er aus dem Beamten- Verhaltniß zue Gemeinde freiwillig getreten"? Hat Herr Rabb. Tiktin diese Verletzung des alten jüdischen Gebrauchs damals gemißbilligt? Indeß, in einem hebräisch abgesaßten Schreiben desselben an Falk 3 4) finden wir wohl viele Entschuldigungen darüber, daß ihm das Rabbinat vom Vorstände, „ nach dem Tode seines Vaters mit chen traurigen Umstanden der Rabbinerin- Mutter übertragen worden sei, und darüber, daß er es angenommen, kein Wort aber über den Schritt gegen den verdrängten Falk. Und handelt der Vorstand heutzutage dem Herrn Tiktin gegenüber auch nur um ein Haar anders? Oder wie wäre es, wenn ein Rabbiner sich irgend eines Vergehens gegen die geringste ceremonielle Observanz schuldig machte, würden nicht da alle neun oberschlesischcn Rabbiner mit sammt dem Lissaer und Posner Rabbinaten einstimmig auf dessen Absetzung dringen, wenn sie auch, wir sinds überzeugt, ein moralisches Vergehen weit milder beurtheilen würden? Nachdem nun Hr. Tiktin durch jene Interpretation der Statuten sämmtliche auf die Pflichten des Rabbiners bezüglichen Paragraphen als für ihn nicht verbindlich darzustellen versucht hat, und sich somit ausdrücklich das Privilegium einer 20jahrigen Unthatigkeit vmdicirt, scheut er doch nicht die Mühe, mit dem Vorstand über die Summe der von ihm jährlich zu liefernden Vortrage ordentlich Abrechnung zu halten, und es ergiebt sich doch ein Deficit an Erbauung von 6 Predigten, von denen, wie er selbst bemerkt, „das religiöse Heil der Gemeinde wohl nicht bedingt gewesen sein wird." Um dem lebhaften Verlangen der Gemeinde nach Vorträgen in rein deutscher Sprache auszuweichen, flüchtet sich der Herr Rabbiner hinter die Loyalität und verbarrikadirt sich mit einigen hohen Kabinetsordren und Ministeriac-Rescripten, m welchen Abweichungen vom Ritus ^und 'Neuerungen 3) Siehe Darstellung re. S. 6. 4) Siehe Darstellung rc. S. 24. Beilage BL