Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1842)
- Date
- 1842-03-05
- Page
- Seite 80 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Jubiläen-Feierlichkeiten. Es ist eine atte/. ehrwürdige Sitte, den siebzigsten Geburtstag eines Familienvaters oder eines andern ehrenwertsten Mannes zu feiern. In Hamburgs jüdischer Gemeinde sind seit Kurzem drei solche Fälle vorgekommen, welche die herzliche und öffentliche Thellnahme eines größeren Kreises angesehener Männer erregten. Vor einigen Monaten feierte Hr. Gowa, Küster am hiesigen Tempel , seinen siebzigsten Geburtstag und empfing bei dieser Gelegenheit die Glückwünsche der Herren Direktoren und Prediger des Lempelvereins, so wie zahlreicher anderer Gemeindemitglieder. — Besonders lebhaft aber war die Theilnahme, welche sich vor einigen Wochen bei gleicher Vercmtaffung in Bezug auf Hrn. Eduard Michaelis äußerte. Dieses wackere Mitglied unserer Gemeinde hat sich um dieselbe wirklich anerkennungswerthe Verdienste erworben. Seine Humanität und Unerschrockenheit, wir möchten sagen, moralische Tapferkeit, hat Hr. Michaelis (wenn wir nicht irren, aus dem Posenschen gebürtig, jetzt Mitbesitzer einer hiesigen Papierhandlung) besonders zur Zeit, als hier unter Kriegsnoth rmd allgemeinem Elend der Typhus grassirte, durch den Besuch der Lazarethe und durch unermüdliche, aufopferungsvolle Sorgfalt für die Leidenden auf unzweideutige Weise kund gethan. Als ruhigere Seiten wiederketrten, war es wiederum Hr. Michaelis, der durch die Teilnahme an der Gründung der Israelitischen Freischule, deren Statuten er zuerst entwarf, und durch seine vorzügliche Mitwirkung bei der Stiftung der hiesigen israelitischen Vorschußinstitutes den: hamburgischen Gemeinwesen «n? schätzbare Dienste leistete. Die Feier des 25jährigen Jubiläums jener beiden Institute gab daher eine willkommene Veranlassung, Hrn. Michaelis öffentlich Dank und Anerkennung zu Theil werden zu lassen, während sein siebzigster Geburtstag besonders seine näheren Freunde um ihn versammelte. Möge Hr. Michaelis noch lange als Lhätiger Vorsteher jenes Vorschußinstitutes wirken, dessen Mitglieder ihm am 28. März d. I. ihre Huldigung und eine Ehrenmedaille darbrachten (auch die patriotische Gesellschaft ernannte Hrn. Michaelis, der durch seinen Vorgang zur Begründung zweier ähnlichen Vorschuß-Institute unter den hiesigen christlichen Bürgern die Veranlassung gegeben hatte, zu ihrem Ehrenmitgliede und votirte ihm ihren Dank). Nicht minder ist es zu wünschen, daß Hr. Michaelis noch lange mit Nath und That das Gedeihen der israelitischen Freischule fördere, zu deren Mtdirectorer 1816 zum ersten, 1824 zum zweiten und 1834 zum dritten Male (er bekleidet noch jetzt jene Funktion) erwählt wurde. Endlich feierte auch Hr. S a l. Cohn (S ch o l e m Cauhen), der sich als hebräischer Dichter und Uebersetzer eines großen Rufes in der Nähe und Ferne erfreut, vor wenigen Lagen seinen siebzigsten Geburtstag und erfreute die Anwesenden durch einen hebräischen und deutschen Vortrag. Die Rüstigkeit dieses Greises berechtigt zu der Hoffnung, daß er die hebräische Literatur noch mit zahlreichen poetischen Gaben bereichern werde. (Hr. S. C. hat dem Vernehmen nach, eine hebr.Uebersetzung des kleineren Geschichtswerkes von Jost druckfertig liegen. Hr. Dr. Immanuel Wo hl will, Direktor der Jakobsohn-Schule in Seesen bei Wolfenbüttel, weilt jetzt zum Besuche seiner hiesigen Verwandten und Freunde unter uns. Dem Vernehmen nach beabsichtigt er demnächst zwei Lehrer für das von ihm geleitete Institut zu engagiren. (Auch in Ostfries- Land und in Mecklenburg wirken, dort Hr. Landrabbiner Hirsch, hier Hr. Landrabbiner Dr. Holdheim für Anlegung, Erweiterung und Verbesserung jüdischer Schulen und Anstellung geeigneter und lediglich dem pädagogischen Fache ihre Kräfte widmender Lehrer.) Cs hat Hrn. Dr. WohlwilL gewiß viele Freude gemacht, daß gerade zur Seit seiner Anwesenheit in einer der jüngsten Nummern der hiesigen ,,wöchentlichen Nachrichten" bei Gelegenheit eines Aufsatzes über die Belohnung treuer Dienstboten auch der trefflichen Arbeit ehrenvolle Erwähnung geschah, die er im Jahre 1834 unter dem Titel: „Ueber sittliche Verbesserung weiblicher Dienstboten" (bei Hoffmann und Campe) veröffentlichte, nachdem ihr von Seiten der Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Künste.und nützlichen Gewerbe der Preis zuerkannt worden war. Hr. Dr. Wohl will war von 1823 bis 1838 zweiter Lehrer an der hiesigen israelitischen Freischule und hat seit seiner Berufung nach Seesen in Hrn. Dr. Anton Ree einen würdigen Nachfolger in jenem Amte erhalten. Veränderungen beim allg. Kranken hause in Hamburg. Durch das nach einer Langwierigen Krankheit am 4. December zu Neapel erfolgte Ableben des Hrn. Dr. Fr icke, bisherigen Oberarztes (ersten Arztes und Wundarztes) am hiesigen allgemeinen Krankenhause, ist eines der wichtigsten und einflußreichsten Aemter in unserm Staate erledigt. Dasselbe wurde seit mehreren Monaten interimistisch durch Hrn. Dr. Georg Hartog Gerson, >emen ausgezeichneten, erfahrenen und hochgeachteten Arzt, Wundarzt und Operateur Hierselbst verwaltet. Hr.Dr. Gerson kann mit Recht eine der glänzendsten Zierden des Hamburgischen ärztlichen Standes und zugleich der jüdischen Gemeinde genannt werden. Er machte in den letzten Kriegen als Arzt die Feldzüge der englisch-deutschen Legion mit und praktizirt nun seit langen Jahren in Hamburg. Gleich seinem verstorbenen Vater, dessen Andenken — er war ebenfalls Arzt — noch jetzt selbst unter den nieder« Ständen der hiesigen.Christen unvergessen ist, genießt er allgemeine Achtung und Verehrung bei seinen Standes- und Glaubensgenossen, so wie bei allen Leidenden ohne Unterschied der Confession, die seinem Rathe und seiner geschickten Hand sich anvertrauen. Mild, hülfreich, ein Freund der Armen und Kinder, ein Förderer jedes gemeinnützigen Unternehmens, ist ec nicht, wie wohl manche seiner Collegen, von Geldgier erfüllt oder auf den glänzenden Succeß jüngerer \ Aerzte neidisch; vielmehr leistet er jedem aufstrebenden Talente gern und willig Vorschub oder Aufmunterung. Seine ungemein ausgedehnte Praxis hat ihn übrigens dem theoretischen Fortschreiten in seiner Wissenschaft und Kunst nie ganz entfremdet. So ist er in weiteren Kreisen als Mitherausgeber der medizinischen Zeitschrift bekannt, die unter seiner und Dr. Julius Redaction (der Letztere ist der bekannte Schriftsteller über das Gefängnißwesen) eine Reihe von Jahren hindurch hier erschien und noch jetzt (zuerst unter Dieffenbach's, Fricke's und Oppenheim's, bis jetzt unter der beiden letztgenannten, von nun an unter Dr. Oppenheim's alleiniger Leitung) als „Hamburger medizinische Zeitschrift" fortdauert. Hc. Dr. Gerson halt auch an der hiesigen chirurgischen Lehranstalt öffentliche Vorträge; auch war ec einmal (1826) Mitdirektor der israel. Freischule. — Man ist mit Recht darauf gespannt, ob die Behörde ihm die erledigte Stelle am allgemeinen Krankenhause antragen, und, falls dieses gegen den bisherigen Gebrauch der Fall sein sollte, ob er nicht die uneingeschränkte Beibehaltung seiner- Pcivatpraxis dem öffentlichen Amte vorziehen wird. Verlag von C. L. Fri tzsche. Druck von I. H. Nagel.