Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1842)
- Date
- 1842-02-19
- Page
- Seite 64 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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64 nung widerfahren lassen; doch scheint die Verwirklichung dieses Strebend dem Vereine nicht gelungen zu sein und wurde in mancher Hinsicht das Eigentliche des Fortschrittes verkannt. Der Fortschritt darf nicht ein sich selbst Erzeugendes, ein von der Vergangenheit völlig Losgeriffmeö sein. Dieses ist nicht selten der Fehler unserer heutigen - Reformatoren — und darum finden ihre Bestrebungen so geringen Anklang — daß sie die Geschichte übersehen, vergessen, daß der Mensch mit seinen Gefühlen nicht in der Gegenwart allein wurzle; daß das Ererbte und Ueberkommene sich in unserm Herzen, in unserm Gemüthe tief eingebürgert, unsere Gefühle sich so fest daran geklammert, daß sie nur mit dem eigenen Aufgeben sich von ihm trennen können; daß, wo dieser gewaltsame Sieg errungen wird, er gewöhnlich mit einer Niederlage, mit einem Lossagen von dem Nationalheiligthum oder mit dem mit Recht - verrufenen Indifferentismus endigt. Mögen einige starke Geister von dem, was Gewohnheit und Sitte heiligt, sich loszureißen und doch ihre Reinheit zu bewahren wissen: die Prüfung des Innern kommt allein Gott zu; aber dem größern Theile durch solches Aufgeben sein Heiligthum entreißen, ist ungerecht, denn welchen Ersatz können wir ihm dafür bieten?— Und vollends beim Gebete, dem Producte der Gemüthlichkeit und des Gefühles, bei diesem aus dem Herzensdrange allein hervorgehenden und dem Herzensdrange angehörenden Gottesdienste, was können hier Gründe des Verstand es aussagen? Weil nachgewiesen wird, es habe einst eine andere Formel existirt, darum sollen wir jene, an der wir uns stets erbauet, die bisher uns zusagte und befriedigte, ausgeben? Hier gilt doch in einem höhern Sinne die Berufung auf Maimomdes: minn ]D rteiXI JHDD I'tt; und was dem Gefühle zusagt, ihm lieb geworden ist und sich mit dem Begriffe der Hoheit der Gottverehrung und des Gebetes verträgt, darf uns nicht entrissen werden. Die Kritik mag auf dem Felde der wissenschaftlichen Untersuchung sich ergehen; aber das Resultat ihrer Forschungen ist nur mit äußerster Vorsicht in das Gebiet des Gefühles hinein zu ziehen, da das Gefühl nur langsam dem Verstände nachkommt: und wer wollte auch die durch jenes uns belebende und erquickende Wärme mit der Kälte des Verstandes vertauschen? Ein jüdisches Gebetbuch, das mit vollständiger Nichtberücksichtigung des Vorhandenen sich als eine neue Schöpfung ankündigte, könnte an sich manchen Werth haben und doch würden nicht die Gemüther sich ihm zuwenden. Sie selbst haben unstreitig dieses erkannt; denn wie leicht wäre es Ihnen sonst geworden, an die Stelle manches matten und seiner Form, mitunter auch seinem Wesen nach etwas zurückstoßenden Gebetstückes Kräftigeres und Lebensvolleres, wie dieses Gebetbuch an mehren Stellen hat, zu setzen? Aber die Redaction ist von dem richtigen Grundsätze ausgegangen, ein jüdisches Gebetbuch muffe seine Faden an das Bestehende anknüpfen; doch wie oft wurde von diesem Grundsätze abgewichen! Die Herren Redactoren wurden dafür bürgt ihre Gesinnung — nicht von einer Zerstörungs- und Neuerungssucht, von dem absichtlichen Streben das Alte und Bestehende aufzuheben, geleitet; um so befremdender ist dieses Gemisch von Hebräischem und Deutschem, durch welches die alten Gebete nur von ihrem Werthe verloren und die neuen nichts gewannen: bei nur etwas veränderter Stellung hätte das alte Gebet seine Form behalten und auch das neue deutsche Gebet sein Reche behaupten können. Ich will nur an die grausame Verrenkung des erinnern, wo z. B. das deutsche Gebet S. 240. sehr gut zu Ende des yvj gesetzt werden und dieses selbst nach seiner bestehenden gewöhnlichen Form unangetastet bleiben konnte. Ist Ihnen Maimonides ein Gewährsmann (S. 435.), so hätte doch nicht ganz unberücksichtigt bleiben sollen, was derselbe m nd nirD 'n TD NS Wp 'n anführt: Nt>N UW WODN 1ZOVL7 pDDD iWDjT $0 und ist Ihnen auch nicht zuzumuthen, daß Sie strict an diesem halten, doch durste dieses nicht ganz aus den Augen gelassen, nicht gewaltsam und-oft unnöthigerweise das Alte und Bestehende zersetzt und geändert werden. Dieses Durcheinanderwerfen der Gebetstücke, diese Bevorzugung fremdartiger, dem Publikum größtentheils unbekannter Gebete auf Kosten manches Trefflichen und Bekannten, dieses willkürliche Aufheben und Niederreißen kann für das Gebetbuch kein gutes Vorurtheil erwecken, da es manches Gemüthliche und lebendig Gefühlte ertödtet, in das Heiligste und Innigsterfaßte einen Eingriff thut, der leicht vermieden werden konnte! Sie haben dem Sefardischen Sidür die Litanei 'n ttD’ipm (vgl. das. entlehnt, und dieses unbedeutende Gebetstück wird;Jrw viermal wiederholt; wohingegen Sie für das herkömmliche und ihm wenigstens an Werth nicht nachstehende weder znp W> noch rjnr rrW ein Plätzchen fanden. . Sie wiederholen viermal D'plNl D'pnw DYtfn: eine ganz kalte Hymne; wäre nicht manches rührende gewöhnliche Gebetstück dafür wenigstens einmal anzubringen gewesen? Ueberhaupt lassen die von Ihnen gewählten Sefardischen Piutim kalt und gehen wenig auf das kindliche innige Verhältniß zwischen uns und Gott ein, das so trefflich in manchen der gewöhnlichen Gebetstücke ausgedrückt ist und denen eben dieses Gewohnheitsrecht, diese alte innige Befreundung, an welche sich die gemüthlichsten Remimscenzen knüpfen/ zu Gute kommt und ihnen den Vorzug vor andern erwirbt. (Fortsetzung folgt.)