Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 3 (15.1.1842)
- Date
- 1842-01-15
- Page
- Spalte 45-46 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8555529-9894039-9894043--1983-3529025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
45 Philonische Literatur. Dr. Großmann's Abhandlung über die Ordnung der Schriften Philo's. 46 wohl mit gutem Grunde auf die dem Judenthume inwohnende dynamische Kraft vertrauen konnte, so gibt es doch eine Zeit des Schweigens und eine Zeit des Redens. Furcht vor Mißdeutungen kann für jenes keinen Grund mehr abgeben. Das viele Schweigen hat uns nie Vortheile gebracht, und es wäre besser gewesen, es hätte unfern Vorfahren nie an Muth und Kraft der freien verständlichen Rede gefehlt. Dem Wahrheitsfreunde ist die Wahrheit in jedem Gewände willkommen; und die Lüge wird auch das Heiligste zu sich herunter ziehen. Wenn wir nun empirisch und rationell die Ueberzeugung gewonnen, wie nothwendig es ist, unsere Jugend mit dem bekannt zu machen, was ihnen einst als Widerspruch gegen die empfangene Religion jedenfalls doch nicht verborgen bleibt, und ihnen das aufs anschaulichste vorzuführen, was ihre Religion dagegen bietet: — so fristen wir uns aber auch gleichzeitig gewissenhaft zu der Warnung verpflichtet, diesen Unterricht nicht früher eintreten zu lassen, bis erst die festeste Grundlage im eigenem Glauben Wurzel gefaßt; bis erst der junge Israelit sich geistig gekrästigt hat an min ü'2)rü) nwrtf; bis erst der Kopf, Gott im Geiste und in der Wahrheit hat denken gelernt und das Herz die reinste Menschenliebe eingesogen — dann erst zeige man ihm, daß das Leben Widersprüche hat und bietet, und wie diese zu lösen sind. — Philonische Literatur. Dr. Großmann's Abhandlung über die Reihenfolge und die chronologische Ordnung der Schriften des Juden Philo. (Fortsetzung.) Jedoch auch die alexandrinischen Juden sind mit derselben rabbinischen Form dieser Wissenschaften bekannt gewesen und haben sie mit den Palästinensern und Babyloniern gemein gehabt, was, wenn es die Aeußerungen Philo's über die Cherubim nicht bewiesen, gewiß die allegorische Deutung jener Doppelhöhle Abrahams (Genes. 23, 9) außer Zweifel setzen würde. Denn daß Philo den Ausdruck CP2n3 etymologisch erklärt i%iyvcoGig nal woHrf (2, 150, 14* Armen. 2, 515), als ob jenes Wort aus 12 d. u 112N IztlyvcaGig (von 123 Hift), 21 nollri und D*>2 für^2 iTtiGzrjw zusammengesetzt wäre (s. Delitzsch, Jesurun, Grimma 1838. S. 193.), daß er ferner diese Cherubim zu Richtern des Paradieses d. h. der Weisheit (140, 33) und zu Symbolen der höheren Eigenschaften Gottes, der schöpferischen und der königlichen (144, 6,. 11. 561, 15. Arm. 2, 512. 616) macht, baß er das Höchste aller Weisheit darin setzt, nur diese Wesen genau zu kennen, wie die Worte kundgeben: „Wenn Jemand dies erst ahen und die Natur dieser Wesen gründlich erforschen wird, so verzichte ich freiwillig auf alles Uebrige, was unser Streben und Forschen verdient, und wäre es mit Gottähnlicher Schönheit umgeben" (Arm. 2, 515. zu Ex. 25, 22)' was kann damit Anders gesagt sein, als daß die Geheimnisse der Kosmologie und Theologie in der Gestalt der Cherubim versinnlicht seien? Damit aber die Beschaffenheit und das Wesen dieser kabbalistischen Weisheit, das nebenbei auch noch mit andern symbolischen Hüllen überdeckt und verschleiert ist, desto sicherer der Einsicht des ungelehrten Volkes entzogen werde, jedoch so, daß es den Augen der Eingeweiheten klar genug bleibe, so hat er sich über jene Doppelhöhle, in welcher die abgeschiedenen Leiber der Vorsteher der zwiefachen Weisheit, die Leiber Abrahams und der Sara ihre Ruhe genossen, in dem zweiten Buche de. somniis so verlauten lassen, daß er sprichr: zo dm7*ovv gtztjXcuov (Genes. 23, 9) cd dnclal x&i 7t‘6Qi{ici%r}T0i [Lvrj^iai rj zs itsql zov ysyovozog %cd 7] tisqI zov 7C£7toirjxozog, alg ivzQsepszeud dczsTog (662, 42), ferner: tyvxcov oocpcov ciqigzov tvdicdzrjfMcc zo din7.ovv <S7cr\Xa.iov (670, 49), sodann: Xsßgcav avzri {.wruiccg huGziy (.irjg ncd aocptag ^r]GavqocpvXci%ovGa, (237ß 7. zu Num. 13, 22), endlich: „der Baum des Lebens ist die Kenntniß nichE' allein der Geschöpfe, sondern auch der höheren und letzten Ursache des Weltalls" (Arm. 2, 5. Genesis 2, 7). Wenn nun unter den ugzuol und Goyoi, die unser Schriftsteller erwähnt, die Rabbinen verstanden werden sollen, unter den aber jene des höchsten Fleißes werthen rabbinischen Ueberlieferungen, welche nicht niedergeschrieben, sondern mündlich und mittelst des lebendigen Wortes von den Vorfahren auf die Nachkommen verpflanzt seien (348, 14. 33), wenn mit zo ysyovog und ro 7zs7toir}u6g, nach Philoneischer und Platonischer (Tim. 30, 6) Art zu reden, Gott und die Welt als die hauptsächlichsten Gegenstände der Philosophie (419, 21) bezeichnet werden: wer kann dann Anstand nehmen, das geheime Symbol jener geheimen Lehren nicht nur anzuerkennen, sondern auch zuzugeben, daß diese noch älter als Philo sein müssen, zumal da er es nicht allein mit ausdrücklichen Worten und offen bekannt (672, 28 folgg.), sondern es auch durch die That kund giebt, er stütze sich ganz auf das Ansehn der Rabbinen? Dabei will ich ganz übergehen, daß Philo, wenn er Erklärungen von Eigennamen giebt, nicht dem punktirten und auf palästinensische Art ausgesprochenen hebräischen Texte gefolgt ist, und daß er außerdem das Aramäische und Neuhebräische zu-Hilfe genommen hat, wie ein sehr erfahrner Kenner, unser Franz Delitzsch, ein im Hebräischen und Rabbinischen sehr bewanderter junger Mann, in dem schon erwähnten Buche Jesurun S. 32. und an andern Stellen gezeigt hat; noch will ich einen besondern Werth auf die dem Philo eigenthümliche und allenthalben streng von ihm befolgte Terminologie legen, welche unbedingt das Gepräge der Hagada an sich trägt; allein wenigstens ein Beispiel dieser Art, unser siebentes, möge noch kurz berührt werden, näm-