Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 678 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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678 Erziehungsfragen. in dem" von Bialik besorgten agadiscben Lesebuchl) findet sich viel Wertvolles, wenn auch verstreut, so doch manche Perle.. Was für die Jüngsten gilt, ist auch Richtschnur für die Reiferen. Warum soll der jüdische Jüngling und die Jungfrau nur aus Horaz, Goethe und Heine oder gar aus weniger erwählten Dichtern erfahren, was Liebe ist und die anderen großen Eigenschaften der Seele? Ich bin der letzte, der die Poesie der großen Nationen verachtet. Zu viel verdanke ich ihr, und allzusehr bin ich noch in ihrem Geist aufgewachsen. Auch unsere Kinder werden sie lesen. Aber nicht bevor sie den Geist hebräischen Sanges in sich aufgenommen und durch ihn jene sittliche Festigkeit (denn es gibt keine Literatur, in der das Obszöne so wenig Eingang gefunden, wie die hebräische) erworben haben, die sie vor der Entfremdung, die jede fremde Nationalliteratur mit sich bringt und den schlimmen Gefahren, die sie für sittliche, speziell sexual-ethische Fragen im Gefolge haben, dauernd schützt. Wer von unseren Jünglingen wird nicht früher oder später einmal Balzac lesen. Das verhindert kein sorgender Vater — die wenigsten hätten auch nur je die Absicht. Aber vor Jehuda Steinberg wird mancher zurückschrecken. Und doch wollte ich, man gebe der Jugend Steinberg in die Hand, als daß man ihr die ״Trente histoires drolatigues“ anvertraute. Man soll doch endlich den Dingen ins Antlitz schauen und nicht aus kleinlichen Rücksichten ein größeres Übel an die Stelle eines kleineren setze». Kurzsichtigkeit ist das größte Laster des Pädagogen. Der Sang am Meer und das Deborahlied müssen vor der Literatur der Befreiungskriege, das Hohelied vor anderer Lyrik, Hiob vor Faust, Jehuda Halevy und Bialik — ich bin mir der großen Kluft bewußt, aber ein Poem wie המתמיד und manches andere Gedicht sollte jeder der unseren kennen — Eigentum der jüdischen Jugend werden. י) Dies steht freilich auf einer anderen Stufe. Wenn ich es im Zusammenhang mit Legenden usw. nenne, so geschieht es nur, um gerade agadische Stoße in ihrer unerreichten Schönheit statt anderes frühzeitig der Kindesseele darzubieten.