Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1918)
- Date
- 1918-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger. Zum siebzigsten Geburtstage. Von Prof. Dr. Alfred Stern (Zürich). ie Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", die dem Leiter derselben ihre herzlichsten Glückwünsche zum siebzigsten /Geburtstag darbringen, haben ein Recht darauf, einen Üeberblick über sein Leben und Wirken, wenigstens in Form einer leichten Skizze, zu erhalten. Ter Aufforderung, eine solche zu bieten, kommt der Unterzeichnete um so lieber nach, da ihn eine mehr als ein halbes Jahrhundert dauernde Freundschaft, ein teures Erbstück der Väter, mit dem Jubilar verbindet. Ludwig Geiger ist am 5. Juni 1848 in Breslau geboren. Er hat selbst in einigen Feuilletonartikeln der „Breslauer Zeitung" vom September 1912 unter dem Titel „Aus meinem Skizzenbuch" die Kinderzeit, das Elternhaus, den Unterricht im Maria-Magdalena-Gymnasium anschaulich geschildert und pietätvolle Bilder der durch Güte und Anmut ausgezeichneten, den Ihrigen durch einen frühen Tod entrissenen Mutter sowie des Vaters entworfen, dessen Ruhm als Rabbiner, Theologe und Gelehrter schon damals seinen Höhepunkt erreicht hatte. Mit ihm und mit den Geschwistern siedelte er 1863 nach Frankfurt a. M. über, als Abraham Geiger dem Ruf als Rabbiner seiner Heimatstadt folgte, und verließ, noch nicht siebzehn Jahre alt, als Abiturient das dortige Gymnasium. Der frühreife Jüngling bezog die Universität Heidelberg, vornehmlich, um zur Vorbereitung auf den Beruf des Rabbiners Philologischen Vorlesungen zu folgen. Indessen nicht lange währte es, so hatte er nach starken inneren Kämpfen dem Vater durch die Erklärung seines Entschlusses, das Studium der Theologie aufgeben zu müssen, einen großen Schmerz zu bereiten. Wie der Vater sich damit abfand, „einen schönen Traum genährt zu haben", wie er „seinen Empfindungen Schweigen gebot, wo es den inneren Frieden des geliebten Sohnes betras", zeigt der wundervolle Brief vom 14. Januar 1866, den der Sohn in dem Gedenkbuch „Abraham Geigers Leben und Lebenswerk" S. 177 ff. zum Abdruck gebracht hat. Die Universitätsstudien wurden in Göttingen fortgesetzt, wo Ludwig Geiger schon im Frühling des Jahres 1868 den Doktorgrad in der philosophischen Fakultät erwarb. Seine von Georg Waitz ihrem Wert nach gewürdigte Doktordissertation trug den Titel: „Ueber MelanchthonS Oratio eontinens Historiam Capnionis. Eine Ouellenuntersuchung." Aus die Absolvierung des Doktorexamens folgte die der preußischen Oberlehrerprüfung, auf die Studienzeit in Heidelberg und Göttingen eine nicht minder reich ausgefüllte in Bonn und Paris. Dort gestattete ihm Böcking in bekannter. Liberalität die unbeschränkte Benutzung seiner an Druckwerken für die Geschichte des deutschen Humanismus reichen Bibliothek. In Paris konnten namentlich die handschriftlichen Schätze der damals noch kaiserlichen Bibliothek ausgebeutet werden. Eine Nebenarbeit war die Uebersetzung des „Paulus" von Renan, mit dem schon der Vater persönlich bekannt geworden war, ins Deutsche (Leipzig 1869). Die Berufung des Vaters als Rabbiner nach Berlin führte auch Ludwig 1876 in die Hauptstadt Preußens, die bald zur Hauptstadt des Deutschen Reiches wurde. An der dortigen Universität habilitierte er sich 1873 als Privatdozent. Einige Jahre genoß er noch das Glück innigen häuslichen Zusammenseins mit dem Vater, der ihm immer ein leuchtendes Vorbild blieb, und mit dem er so viele Züge gemein hat. Die erschütternde Kunde des durch einen Hirnschlag im Schlaf Hinweggerasften traf ihn während einer italienischen Studienreise. Er selbst, seit 1880 außerordentlicher Professor der Literaturgeschichte, im folgenden Jahre durch den Bund mit einer an Geist und Herz ausgezeichneten Frau beglückt, entfaltete eine immer ausgedehntere akademische Tätigkeit und machte sein Haus zu einer Stätte edler Geselligkeit. Der wissenschaftliche Ertrag seines rastlosen Fleißes läßt sich unschwer in drei Gruppen von Gegenständen zusammenfassen, die unter sich durch mannigfache Verbindungsfäden verknüpft sind. Die erste Gruppe betrifft die Geschichte deS Humanismus und der Renaissance, die zweite die Geschichte der neueren, insbesondere der deutschen Literatur, die dritte die Geschichte der Juden, zumal in Deutschland. Auf ganz natürliche Weise war schon in dem Studenten durch die Beschäftigung mit der hebräischen Sprache das Interesse an der Gestalt des großen Humanisten Reuchlin (in gräzisierter Namensform Capnion) geweckt, in dessen Leben der Streit um die Bücher der