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Jüdische Rundschau · 1925-09-25 · Heft 76 (25.9.1925) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 76 (25.9.1925)
Date
1925-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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(q3 /rürrr?1-^ Einzelnummer 0,40 GoJdmzrk , r—, ri 1 I L-..-J L— JL. (iaküon und Verlag W 15. Mcinckcstraßc ia Erscheint j. :''j.n Dienstag und Freitag. ' Bcxtigsprci* bei der Expedition r. \ i'^nttlieh L85 Goldmark. Vierteljährlich 5.25 Goldmark. \ \ „<iitbonn«iii«oti wardan In dar Wihruofi &f alaialaaa Linder btrachnci. \ j fjmamcr 76 | Berlin, 25.1X1925 [ Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.sn.b.IL, Berlin Wl5, Meinekestr. 10 Telephon! Amt Bismarck 7165—70. Anxa^anpraia: 8 ftapalLNocparaiilaralla 0,50 C^M. SUllaof «*ad>« 0.25G.-M. Aaxeljjcoicklcfl: Dienstag and Fraitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bisraark 7165-70. Postschockkonto: Berlin Nr. 17392. Fflr Oeatarrrlcbi ToiUn^rlastmiimt Wirr», Konto Nr. J^CIO. {■ArTKcliadionlowalfrl! I'oiiip«rI:attrnanit l't*f. Konto Nr. VHI0. ICr Folani l'oatiparkanrnamt Waricliaa, Konto Nr. 1V07WJ. RedaktiontachluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. rD-in syvn 'i H XXX. Jahrj». , Zionismus erstrebt für das jüdische Volfr d£a Schzfgur.g einer ögfentlllch - rcchtHch gesicherten Heimstätte in PaI2sUna. „Cascler Programm." Idee und Illusion Wen Gott strafen will, den schlägt er mit Blindheit. ,c besondere Abart der Blindheit ist die Illusion, cr einer Illusion verfällt, ist ein betrogener Betrüger, gaukelt von einem Spiel falscher Vorstellungen, dem 7grausamcs Erwachen zur Wirklichkeit folgen muß. Ein deutscher Schriftsteller hat jüngst Erinnerungen 5 den ersten Kriegstagen veröffentlicht und sehr iendij? geschildert, wie damals in jeder Kneipe mit vergossenen Bier Landkarten auf die Tischplatte zeichnet wurden, in denen das künftige Deutschland, Irlich mit Einschluß Belgiens, des Baltikums und an- :l :.rcr schöner Länder, dargestellt werde. Die guten r "l;j{c waren völlig ahnungslos, und der besser infor- ::te Schriftsteller war klug genug, sein besseres i;scn in seinem Inneren zu verbergen und sich nicht •ch ein Wort der Ernüchterung der Gefahr auszu- , :en, gelyncht zu werden. Die Art, wie man in ntschland fast während des ganzen Krieges die Lage irachtctc, ist ein Musterbeispiel für Illusionismus. :n wollte die Wahrheit, weil sie unangenehm war, lit schon, und wandte alle Wut gegen jeden, der im ^verstandenen Interesse des Volkes die Illusion zu _!Floren versuchte, um ein vernünftigeres Handeln des -!kcs zu ermöglichen und es vor unnötigen Opfern j tiefschmerzlichen Verlusten zu bewahren. ' Es ist noch verständlich, wenn ein Volk, das von 'p.en Führern betrogen wird, sich Illusionen hingibt, cr es ist unverständlich, wenn mau Illusionen, die solche erkannt sind, künstlich aufrecht erhalten will J sich gegen ihre Zerstörung wehrt. Man verzichtet :;it auf die Erkenntnis der Realitäten, die einzige is einer vernünftigen und erfolgversprechenden ~.:ä ~\\ Es ist nicht wahr, daß Illusionen ein Volk stark , | :;hen. Viel eher kann man sagen, daß sie es dcmorali-; .:en. Das Bedürfnis nach Illusionen ist ein Zeichen; :r Schwäche. Dies ist — wenn man das blödsinnige :; ort überhaupt gebrauchen will — Defaitismus. .Gc- I": de der Verzieh t auf Illusionen zeigt, daß man stark .; > Denn nicht die Illusion macht stark, sondern •j Idee. -' 1 Eine schöpferische Politik ist ohne weit gesteckte " :ic unmöglich. Sie muß beherrscht sein von der Er- -ntnis dessen, was sein soll. Sie muß erfüllt sein n dem Willen der Gestaltung, der Umwandlung wirk- ■ cr Verhältnisse. Nicht ein Unterwerfen unter die J iUichkcit ist Politik, sondern eine Umformung der I •irklichkeit. Die große Spannung zwischen der Idee, :r| khen dem, was sein soll, und der Wirklichkeit, was ist, erzeugt die ungeheueren Kräfte, die zur irklichung, zur aufbauenden Tat, notwendig sind. Idee führt uns zu schöpferischem Handeln, die ■sion täuscht uns über dessen Material. Der Glaube " die Idee macht stark, cr ist die Grundbedingung '•'es Handelns. Der Glaube an Illusionen aber "lit schwach, cr verführt uns zu Verkehrtheiten, die 1 der nicht geblendeten Welt uns das Ansehen von 'ren ßeben müssen; und cr kann nur eine Folge ^n, die große Enttäuschung. , Es ist ein Zeichen des Niederganges der zionistisch Bewegung, daß eine unbegreifliche Nervosität immer zeigt, wenn man fast selbstverständliche dachen sagt. Man will die Tatsachen nicht hören, "n lechzt nach Illusionen, man glaubt nur in einer /^Sphäre des Illusionismus leben zu können. Dies;'- vielleicht der wahre Grund der Krise, über die so :5' bei uns gesprochen wird. Illusionismus ist die 'Jclilcppung und Verschärfung einer inneren Krise; i;;^ es liegt im Wesen der Illusion, daß eines Tages c!l die Ernüchterung folgen muß. Deutschland hat; verstanden, obwohl der Krieg seit der Marne-Schlacht ./'Wen war, das Volk vier Jahre lang in der Illusion ^Sieges zu erhalten. Ob zu seinem Nutzen, vor allem zu seinem seelischen Nutzen, mögen andere bellen. ' . »st falsch zu sagen, daß die Stärke Herzls seine ■/Morien waren (wie Dr. Ringel in der vorigen ■^«ncr der „Jüdischen Rundschau" behauptet); sie "'cjJ seine Schwäche. Seine Stärke war die Idee. sie hat er uns Hoffnung gegeben. Denn er; tc im jüdischen Volk die Kräfte zu eigenem;:*"cn. Er sprach den Satz: Die Befreiung des jüdi- Volkes kann nur das Werk des Volkes selber ■':i.Er setzte uns ein Ziel und beschwor dadurch ver- ■rbf u seclisclle Kräfte. Das Volk, das dies einmal y "at, kann nicht mehr zurück. Es ist erstarkt ■^}n\ Willen zu seiner nationalen Wiedergeburt, un« •^Ä von den wechselnden Bedingungen der äuße« ^.Es :bat nicht nötig, sich Illusionen hinzugeben.! EG Wegen des Versöhnungstages entfällt die Dienstag- Nummer vom 29. d. M. Die nächste Nummer der „J. R." erscheint Freitag," den 2. Oktober. Die Silzasg des AMioas-Comltes Wie wir erfahren, wird die Exekutive der Zionistischen Organisation am 30. September in Paris zu einer Plenarsitzung zusammentreten, an der auch die noch in Europa weilenden Mitglieder der Palästina- Exekutive und des Finanz- und Wirtschaftsrates teilnehmen dürften. Die Sitzung wird den Termin der Aktions-Comite-Sitzung festsetzen, in welcher gemäß dem Kongreßbeschluß die Präsidenten Wcizmann und Sokolow ihre Vorschläge bezüglich der Neubildung der Exekutive zu unterbreiten haben. Wie wir hören, besteht die Absicht, als Termin dieser Sitzung den 15. Oktober vorzuschlagen. Wir haben am Vorabend des Kongresses versucht, an dieser Stelle so klar wie es im Augenblicke möglich war, auf die gegenwärtige Konstellation der Tatsachen der zionistischen Politik hinzuweisen. Dies geschah in dem Bewußtsein, daß wir unserer Aufgabe nicht gerecht werden können, wenn wir nicht lernen, Tatsachen richtig einzuschätzen, statt Kämpfe im luftleeren Raum zu führen. Es ist merkwürdig, daß dieser Aufsatz einen Sturm der Entrüstung in der Zionistischen Welt hervorgerufen hat. Er wurde der Gegenstand von Angriffen auf dein Kongreß; die zionistische Presse von der „Wiener Morgenzeitung" bis zur Lemberger „Chwila" und dem Londoner „Jcwish World" entrüstete sich über die Kühnheit, aus Tatsachen Konsequenzen zu ziehen. Das Londoner Blatt nennt das „Sklavcngeisi". Mit keinem Worte jedoch wird auf die Tatsachen eingegangen, weder auf die rein physischen Tatsachen, wie Zahl der Araber, Möglichkeiten der Immigration usw., noch auf die politischen, betreffend die Haltung Englands und des Völkerbundes, sowie die offenbar vor sich gehende innere Umwälzung im ganzen Orient. ■ Daß Dr. Wcizmann in seiner großen Rede auf dem Kongreß es unternommen hat, Illusionen zu zerstören, sollten wir ihm zu einem großen Verdienst anrechnen. Denn es ist Sache des politischen Führers, dem Volke die Wahrheit zu sagen. Nur nebenbei sei bemerkt, daß ein Teil der Opposition immer den Vorwurf gegen die Führung richtete, daß sie das Volk zu Sensationen erzogen und mit Illusionen genährt habe. (Dr. Klatzkin z. Ii. war einer der Wortführer dieser Angriffe.) Jetzt wird gerade der entgegengesetzte Vorwurf erhoben. Wcizmann hat in jahrelanger Arbeit mit Klugheit, Geschick und Mut unsere politische Position aufgebaut; er wußte genau, daß dies die Voraussetzung für unsere Arbeit in Palästina ist, aber auch nicht mehr. Unsere politischen Erfolge haben eine vorher nie geahnte Erleichterung unserer Bestrebungen mit sich gebracht. Aber die Verwirklichung selbst hängt von unserer Kraft ab und von dein realen Palästiuawilleu des jüdischen Volkes, der sich bis heute noch nicht genügend in Taten manifestiert hat. Politische Erfolge können die Verwirklichung nicht ersetzen. Die politische Lage ist abhängig von unzähligen Faktoren, über die wir keine Kontrolle haben, sie ist notwendig labil. Unsere Sache ist es, sie stets in einer kontinuierlichen Linie zu erhalten, wir dürfen aber nicht uns der Illusion hingeben, mehr erwarten zu können in einem Augenblick, wo eher die Tendenz zu einem Abbau besteht. Wir müssen uns Innen, eine Handhabe zu bieten, um unsere Rechte zu schmälern oder zu entziehen. Dies aber könnte eintreten, wenn wir England durch Ansprüche herausfordern, die nicht als gerecht anerkannt werden können. Die Situation ist doch klar: England gab in der Balfour-Dcklaration ein großes Versprechen, im Sturm des Krieges und ohne genaue Prüfung, vertrauend auf die Elastizität der späteren Durchführung. Als die Verwirklichung begann, zeigten sich neue Faktoren: erstens die Stärke und das wachsende nationale Bewußtsein der arabischen Bevölkerung, zweitens die relative Langsamkeit des jüdischen Wiederaufbaus, die eine schnelle Verschiebung der Proportion der beiden Völker unwahrscheinlich erscheinen ließ, und drittens die wachsende Gegnerschaft gegen die Sache in England selbst. Die englische Regierung ging daran, sich diesen Tatsachen anzupassen. Daraus erklärt sich die allmähliche Verkleinerung der zuerst auf die Balfour-Dcklaration gesetzten Hoffnungen. Wir haben im Rahmen dieser politischen Konstellation Schritt für Schritt unsere konkreten Rechte und Forderungen zu verteidigen. Wir müssen daneben gleichzeitig eine große ideologische Kampagne führen, die immer wieder die ungelöste Judenfrage aufwirft. Aber es wäre sinnlos, einen Kampf um abstrakte Rechte zu führen, von denen wir im Augenblick gar keinen Gebrauch zu machen vermögen. Die Verhandlung vor dem Völkerbund hat gezeigt, daß die Welt an der Tatsache des Bestehens einer Landesbevölkerung in Palästina nicht vorübergehen wird und nicht vorübergehen kann. Die wachsende Gegnerschaft gegen die übliche Kolonialpolitik, die Sympathie für die Selbstbcstimmungsbcstrebungcn der kolonialen Völker, bringt es mit sich, daß der Zionismus in vielen Kreisen unpopulär wurde, nicht aus Antipathie gegen sein Wesen, sondern aus Entgegenkommen für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Araber. Es besteht eben tatsächlich in bezug auf Palästina ein „Dualismus" der Aufgaben und es ist unsere Sache, ihn zu erkennen und zu einem Ausgleich zu bringen. Professor Rappard, ein warmer Freund des Zionismus und genauer Kenner internationaler Verhältnisse, hat kürzlich in Amerika gesagt, cr sei überzeugt, daß jedes englische Parlament, falls die Regierung ihm einen Antrag auf Annullierung der Balfour-Dcklaration vorlegen würde, den Antrag annehmen würde. Er hat nicht gesagt, daß die Regierung dies tun wird oder tun kann, im Gegenteil, er betonte, daß die Errichtung der jüdischen Heimstätte eine alle Mächte bindende internationale Verpflichtung ist; er wollte mit jenem Hinweis lediglich eine heutige Stimmung charakterisieren, die noch seiner, wie nach unserer Ansicht, in das politische Kalkül des Zionismus eingesetzt werden muß. Wcizmann hat in seiner Rede sehr richtig gesagt, die Ausführungen Jabotinskys glichen einer streng logischen mathematischen Deduktion, deren erste These der Satz: „Zweimal zwei ist fünf" wäre. Dies angenommen, stimmt alles weitere. Aber Palästina ist nicht Rhodcsia. Es ist verhängnisvoll, Tatsachen nicht zu sehen. Wir müssen unser politisches Ziel in Palästina mit den Realitäten des Landes in Einklang bringen. Weizmanns starke Betonung, daß durch unsere Arbeit die Rechte der Araber nicht verletzt werden dürften, trägt diesen Faktoren Rechnung. Seine Worte sind in der ganzen Welt aufmerksam verfolgt worden und es ist überaus interessant, wie sich die arabische Presse gerade mit . diesem Teil seiner Ausführungen beschäftigt. Bei Erwägung der Sachlage ist eine andere Politik als die der nüchternen Anerkennung aller realen Faktocn und einer Auseinandersetzung mit iiinen, im Zionismus heute nicht möglich. Auch liegt es im Wesen unserer Politik, daß sie, die auf Moral und Gerechtigkeit als ihre stärksten Stützen baut, keine Ziele verfolgen kann, die von der Welt als ungerecht empfunden werden. Wcizmann hat diese Situation verstanden und seine Politik wird von dieser Erkenntnis geleitet. Durch das Geschrei der Opposition hat ein Teil der Bewegung die Fähigkeit verloren, die positiven Seiten dieser Politik zu sehen. Wir wollen aber unser Volk davor bewahren, erst durch die schmerzlichen Resultate einer anders gearteten Politik über die Tatsachen aufgeklärt zu werden. Nehmen wir einen Augenblick an, Wcizmann würde seinen Posten verlassen. Ihm nahestehende Führer könnten seine Politik in derselben Richtung weiterführen, würden aber wahrscheinlich dann noch weit mehr in ihrer Autorität geschwächt werden als .Wcizmann selbst. Dann müßte schließlich doch die Opposition die politische Führung übernehmen. Wir würden dann sehen, wohin der Illusionismus führt. Es käme sehr schnell das schmerzliche Erwachen. Danmi kann unseres Erachtens heute nur die Weizmann'schc Politik geführt werden. Die Schwierigkeiten, die sich auf inncrorganisatorischem Gebiete ergeben haben und die seit Jahren immer akuter geworden hind, dürfen nicht mit politischen Fragen vermischt werden Es ist Pflicht der ganzen Bewegung, die politische Führung in ihrer Autorität zu stärken. Stark im Glauben an die eigene Kraft, treu der' Idee, entschlossen zu opferbereitem Handeln, müssen wir dennoch uns vor Illusionen hüten. Und eine solche Illusion ist es auch, wenn wir meinen, daß wir unsere außenpolitischen Vertreter dauernd diskreditieren und zugleich von ihnen autoritatives Auftreten nach außen fordern können. Die künftige schwere Periode des Zionismus kann nur durch eine sehr verantwortungsvolle, aller Realitäten bewußte (sehr undankbare!) politische Arbeit gesichert werden. Es ist . nicht leicht, diese undankbare Aufgabc^ auf _ sich zu nehmen. Aber es ist nur möglich, wenn wir zeigen, daß das Volk Verständnis hat für diese politische Leistung und nicht in Illusionen gewiegt sein will. R.W.

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