Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 73 (15.9.1925)
- Date
- 1925-09-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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i lILI Hr. 73 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 621 Palästina und der Kongreß \ Von unserem palästinensischen Korrespondenten. 1 A.G. Jerusalem, den 3. September 1923. i'l! Den ganzen Monat August hindurch war fast alles, was ] palüstina an den politischen Arbeiten aktiv beteiligt war, l!:f \i Auslände. Wer nur irgend konnte, benutzte die Gclegcn- ^- |^ zum Kongreß zu fahren, und wer seiner persönlichen!"',;*ung nach gerne im Lande geblieben wäre, den zwang I i.^Amt zur Reise. In den verschiedenen Institutionen lief j'ij Maschine mit Hilfe der Zurückgebliebenen weiter und II ' jfS wartete darauf, daß die Arbeit wieder in normalen V i komme. \j i Man verfolgte den Verlauf des Kongresses in Palastina gpolkr Anteilnahme, vermutlich mit größerer als irgend id:!:;c^a anders. Hcnn nirgends bekommt man das „Gelingen" A;::- -i\r Nicht Gelingen" der Konferenz so stark am eigenen ■ sie;i j^jjC zu fühlen, wie im Lande selbst. Ist bei den verc' i fliicdencn Richtungen im Galuth der Sieg des einen oder ^li';i )-s anderen Flügels wesentlich für den Aufstieg oder Ab- ™ f^« der Gruppe, so bedeutet für Palästina die Stärkung P [''et Schwächung der Parteien sofort merkbare, sehr reale j; ••".r;inderunnen im tätlichen Leben. Die Zusammcnsct/ung! In u;,f Lxtkutivc, die Verteilung des Budgets, die Strllung :!>,'f:'die Perspektiven der nationalen Fonds, die Stcllung- \:- -ihme zu den Arabern, die Aussichten auf größere oder '? v ■yincre Anleihen, der Ausbau oder die Schaffung von , jücii, das alles sind in Palästina keine prinzipiellen Fragen '? >,'.(] Beschlüsse, sondern' aktuelle Faktoren, die sich recht bald •'V31 'ilbar und wirksam bemerkbar machen, weit fühlbarer und die £ ivirksamer als irgendwo im Galuth, wo man eben doch;;:!■> .-leugbar „weiter vom Schuß" ist. Kein Wunder also, daß :rci; :: l3n in den . letzten zwei Wochen mit großer Spannung »•he % lt Wiener Telegramme verfolgte, sich über so manche '•''^verständliche oder halhvcrständlichc Nachricht den Kopf LC. j;rrhracli und heftige Diskussionen führte. Kein Wunder, ,t:' :3 man die Zahlen des Palästinabudgets immer wieder und '• wieder verglich, sie gegen die Bedürfnisse des kommenden i:L; bares abwog — notabenc, wie man sie auch drehte, immer Au »• :j klein fand, sich aber durch jahrelange Gewöhnung trair;Crt, achselzuckend in sein Schicksal ergab — und mit wgcduld auf die Beschlüsse des letzten Tages wartete, itr den Ausgang der Kabinettskrise und die neue Leitung fingen sollte. Nebenbei bemerkt hatte man in Palästina jirnit gerechnet, daß dieser Kongreß wichtige Acnderungen 'l'-. rringen müsse, sowohl was die administrative Seite, also ,:-"{di*n Aufbau der Zionistischen Organisation betraf, als auch ' vor allem, was die Finanzen anging. Denn daß man auf •ic Dauer nicht so weiter arbeiten könnte, wo sich der Zwiespalt zwischen Bedarf und Haben immer vergrößerte, war leider nur zu klar. Es macht ja in Palästina schon gar i /einen Eindruck mehr, daß man auf jede Frage, warum j, dis nicht in größerem Rahmen und besser gemacht würde, c-: % überall auf allen Gebieten und in allen Kreisen die sterco- |; rype Antwort bekommt: „Ejn Kcssef", „Kein Geld da". )■ Ins ist jedem so selbstverständlich und geläufig, daß es f. höchstens auffallen würde, wenn man einmal eine andere •; Antwort erhielte. Aber mau ist auch vor solchen Ucbcr- Was also Palästina von lein eine Erweiterung rgrößerung cjes fiuanf bellen Rahmens. Man wußte, daß auf eine beträchtliche fif: -Gerung der nationalen Fonds vor der Hand nicht zu n'l | rechnen sei, dachte deshalb auch nicht an sofortige bcdeutende Hilfe. Aber man hoffte und wartete auf die Ein-!' leitung einer Aktion zu Anleihen — man mag sie National- Z »leihe oder irgendwie anders nennen — die nach, einer :i Arbeit von ein oder zwei Jahren unseren Aktionsradius so ] ^weiten sollten, daß wir einmal Atem schöpfen könnten. •;■ Licnn man soll sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß unser 1 bisheriges Budget uns keine Entwicklungsfreiheit gab, auch; man aufgehört hatte, von „Krisen" zu sprechen, weil « schließlich auch nichts weiter genutzt hätte. Aber wer « einmal erfahren hat, was es heißt aus der Palästina- ... txekutive ein paar hundert Pfund zu rechter Zeit hcraus- : pichen, weiß auch, was es heißt, mit vier oder fünf- ' ^nderttausend Pfund im Jahr Kolonisation zu treiben. *; .i.iiuuu cniiein.. inaii i.-u aiiLii r- 8 wclitnigen bisher sicher gewesen. Wa: r |i d.m Kongreß erwartete, war vor alle;! ji c':r Arbi-itsmöglichkeitcn durch die Vcrj Das Budget als solches konnte keine großen Ucbcrraschungen bringen, denn es war von vornherein klar, daß eine bestimmte Erhöhung .stattfinden würde, die aber den sehr stark gewachsenen Bedürfnissen nicht entsprechen konnte. Dagegen war es unbestimmt, oh sich der Kongreß oder besser gesagt, seine Finanzkommission ernsthaft mit der Aulcihefrage, sowohl für Bodenkauf wie für Kolonisation beschäftigen würde. Die Telegramme der ersten Kongreßtago, die •-• in einer sehr lakonischen Kürze — von einer Anleihe über zehn Millionen Dollar unter Bürgschaft dos Völkerbundes sprachen, erregten deshalb Interesse. Freilich wußte man, als nachher nichts weiter über diesen Punkt verlautete, nicht recht, woran mau war, besonders als die Telegramme dos letzten Tages nichts davon sagten, ob dieser Beschluß bestätigt worden sei und wie man ihn ins Work zu setzen gedenke. Es bleibt für Palästina also abzuwarten. Man stellt das Land überhaupt auf eine starke Geduldsprobe. Als die letzten Berichte über den Kongreßschluß kamen, suchte man vergeblich nach der neuen Exekutive, auf deren Zusammensetzung man vcrständlichcrwcisc mit Spannung wartete. Aus den Vermutungen und zum Teil unverständlichen Angaben, die vorangingen, konnte man nichts klares entnehmen. Der Beschluß des Kongresses, die Wahl der Exekutive, dem Präsidenten und dem Aktionskomitee zu übergeben und zwar im Verlauf von drei Monaten, war wenig geeignet, die Spannung zu lösen. Auch wenig geeignet, gute Perspektiven zu eröffnen. Die Monate, die jetzt kommen, sind für die Kolonisationsarbcit im Lande die wichtigen und a u s s c h 1 a g g c b c n d c n vor allem, soweit sie die nationale Kolonisation betreffen, um die es sich ja bei der Budgetbestimmung dreht. Im Kolonisationsdepartement und im Arbcitsdcpartcmcnt ist es jetzt höchste Zeit, die Vorarbeiten für das neue Jahr zu treli'en. Der Boden, der neu besiedelt werden soll, ist zu bestimmen und abzugrenzen, die Gruppen, die zur Ausicdlung kommen, sind auszuwählen und vorzubereiten, die Vorbereitungsarbeiten durchzuführen, erste Unterkunftsmöglichkeiten zu schaffen usw. usw. Die bestehenden Botriebe müssen jetzt für das neue Wirtschaftsjahr ausgestattet werden, sie müssen wissen, womit sie zu rechnen haben, danach ihre Bestimmungen treffen, für Saaten bzw. für die nächsten Anschaffungen sorgen und was dergleichen Dinge mehr sind. Die Arbeit in den Kolonien muß in ihrem Umfang und in ihrer Art für das neue Jahr bestimmt werden, in den Städten sind eine Reihe von Aktionen einzuleiten, die natürlicherweise an den Anfang des neuen Arbeitsjahrs gehören. Im politischen Departement steht mau vor einer Reihe von wichtigen Aufgaben, die nicht einzeln aufgezählt werden müssen. Die neue Arbeitsperiode seit Antritt des High Commissioncrs ist bisher ein unbeschriebenes Blatt und es wird sehr darauf ankommen, wie die Einleitung lauten wird, die dieses neue Buch unserer Kolonisatiousgeschichtc eröffnet. Und so könnte man ein Arbeitsgebiet nach dem anderen vornehmen und aufzeigen, daß die kommenden Monate wichtige Aktionen und Neuerungen bringen müssen. Hat man doch so manche Frage in ihrer Lösui.g zurückgestellt, weil man von der Noukonstdlation und den Beschlüssen des Kongresses ihre Lösung abhängig machte. Nun hat man die bestehende Exekutive in ihrer Arbeit belassen und drei Monate Zeit gegeben, um eine neue Leitung zu wählen. Die Folgen •sind klar. Man wird in diesen drei Monaten das Nötige erledigen, die Maschine in Gang halten, aber es wird niemand wagen, neue große Dinge in Angriff zu nehmen, Neuerungen und Umwandclungeu durchzuführen, weil man ja doch nicht wissen kann, wie sich nach drei Monaten das Blättchen wenden kann, ob man im Amte bleibt, und wie die neue Leitung aussehen wird. Denn trotz aller Wahrscheinlichkeitsprognoscn, die mau nach dem Verlauf des Kongresses und den Kräfteverhältnissen, die er offenbarte, stellen kann, ist man der endgültigen Gestalt der Exekutive keineswegs sicher. Und es wäre keinem Mitglied der bestehenden oder vielmehr der vorigen Exekutive zu verdenken, wenn es sich in diesen kommenden drei Monaten von allzu verantwortungsvollen: Handlungen fernhält, ja, es wird wohl nicht ausbleiben, daß in dieser Intcrimszcit so manche wichtige Forderung unerfüllt bleibt, weil ja immer der plausible Grund da ist, es handle sich um ein Provisorium. Alle diese Ucbcrlogungen helfen dem Lande sehr wenig. Es ist post feslum und post factum. Wenn das ausführliche Protokoll und die endgültig redigierten Beschlüsse ankommen, wird man wissen, ob dieser Intcrimsexckuiivc detaillierte Direktiven auf den Weg gegeben worden tind. Dann wird man ungefähr über die Perspektiven der nächsten Kongreßperiode urteilen können. Zur Zeit diskutiert jeder Kreis im Jischuw für sich die Frage, welche von seinen Forderungen man nun in nächster Zeit erfüllen wird. Der eine sorgt um die Hypotheken, der andere um die Agrarbank. Der tun die Unterstützung der Mittelklasse, der um die Schchunath Owdim. Der um die Maßnahmen auf dem Bodenmarkt, der um die Frage der Neukolonisation. Der schließlich um die neue Gesellschaft zur Förderung der Steinindustric und der andere wieder um den Bau von Synagogen in den Kwuzoth. So geht es weiter in die Unendlichkeit. Unterdessen tut jeder die ihm zugeteilte Arbeit so gut wie er kann und wartet auf die neue Leitung, die das Schicksal der jüdischen Heimstätte für die nächsten zwei Jahre entscheiden soll. Kmplann zu Ehren Lord Pluir.crs in Jerusalem Jerusalem. (J. T. A.) Am 8. September fand im Garten der Jcrusalcmcr Stadtverwaltung ein Empfang zu Ehren des neuen Oberkommissars, Feldmaischulls Lord Plu m er, statt. Die Stadtverordneten, die Führer der politischen Gruppen und die Vertreter der Kaufmannschaft und der verschiedenen Berufe im Lande wurden bei dieser Gelegenheit dem neuen Oberkommissar vorgestellt. Zur rechten Hand des Oberkommissars saß der Präsident der palästinensisch-arabischen Exekutive Musa Kazim Pascha, zur linken Hand saß der Leiter des politischen Departements der zionistischen Exekutive Colone! F. H. Kisch. Lord Plumer unterhielt sich angelegentlich mit allen erschienenen Gästen. Lord PInsaers Reise nach Transjordanien Jerusalem. (J. T. A.) Ganz unerwartet begab sich Lord Plumer mittels Flugzeug am 7. September nach Amman, der Hauptstadt von Transjordanien. Der Besuch wird mit der inneren Krise der transjordanischen Regierung in Zusammenhang gebracht, die in den gespannten Beziehungen zwischen dem Emir Abdullah und seinem Premier R i k a b i Pascha ihren Ausdruck findet. Es verlautet ferner, daß Lord Plumer mit Abdullah und den Mitgliedern der transjordanischen Regierung über Vorkehrungen zwecks Einhaltung einer strikten Neutralität im Kriege zwischen den Franzosen und den Drusen in Syrien verhandelt hat. Die transjordanischen Behörden verhafteten den Scheich eines Beduinenstammes, der die Drusen unterstützte. Bis jetzt herrscht in Transjordanien vollkommene Ruhe. Arabische Forderungen nnd Wünsche Oberkommissär Lord Plumer hat gleich nach Ucbcrnahme seines Amtes und Entgegennahme der Berichte der einzelnen Ressortchefs mit dem Studium der von den einzelnen politischen und religiösen Gruppen unterbreiteten Denkschriften, welche deren Wünsche und Beschwerden enthalten, begonnen. Entsprechend der von den arabischen Nationalisten für die nächste Zeit beschlossenen Taktik richtete die arabisch-palästinensische Exekutive in ihrem Memorandum an Lord Plumer die konkrete Forderung, die Juden von den höheren Amtsstcllcn, sofern sie noch solche bekleiden, insbesondere jedoch aus dem Einwand c rtui gsa m t zu entfernen. Die arabische nationale Presse ist bezüglich der Erfüllung ihrer Wünsche sehr optimistisch; das Organ der arabischen Exekutive „Fe lest in" will sogar wissen, daß Plumer entschlossen sei, den Stadtrat von Tcl- Awiw seiner autonomen, munizipalen Rechte, hauptsächlich aber des Rechtes auf eigene Polizei, zu entkleiden und auch andere Institutionen der Stadt aufzuheben. t!"« unermüdlichen selbstverständlichen Wohltätigkcitssinnes, Vic sie in dieser Vollkommenheit auf Erden nur bei Juden ^treffen ist. Jeden Donnerstag Abend und Freitag nachmittags, vor dem „Lcchtbenschcn" pflegte meine Großmutter in Begleitung einer triefäugigen'Jüdin namens Marjcim, '"rfr Aiimoniere, mit vollgefüllten Töpfen und Schüsseln und •£ha!cs" (in Deutschland Barches genannt) zu verschwinden, uer Weg der zwei Frauen führte zu den „Verborgenen", d. h.?u solchen Leuten, die ihre Armut geheimhielten. Eher hätte J:ch meine Großmutter die Zunge herausreißen lassen, als sie den Namen einer „Verborgenen" verraten hätte. Mittelpunkt ihres Betätigungsdranges, dauernd zu geben, Ü,1r für meine Großmutter, die j.Pischkc", das war die;■taliikabüclisc des AU'ir Baal-Ness. Unzählig waren die Ge- ^'"ll'iicn, b.i denen die l'Nehke bedacht wurde. Beim "r-!'a!inehmcn", d. h. bei Gelegenheit des Barchcshackens, 'Ao man verpflichtet ist, einen Teil des Teigs den Kohanim opfern, gab meine Mutter, deren Mann Lcvite war, Ablösung einen Betrag, das „Chalegeld", in die Büchse, i^'ß meine Mutter als Frau eines Kohens von dieser Ab- ^""Rspflicht entbunden war. Nach Hawdalah, am Sabbat- ^■tlang, gab meine Großmutter eine Spende in die Büchse. Jn jedem Montag und Donnerstag, die als Halbfasttagc fachtet wurden, vergaß man an die alten Juden nicht, ff Jeruschulaim vor der Klagemaucr für das ganze Volk ^racl Gebete sagen. Das waren die regelmäßig wiederkehod SPcndc"tt,rminc. Außerdem aber bot das Gelingen >." fr. Mißlingen irgendeiner Sache, jeder Ik-such und jede ä r?SC Von Qästcri» alle Feiertage und freudigen Ereignisse j,. °cr Familie willkommenen Anlaß, etwas in die Pischkc ''"Anzuwerfen. Diese, ein Hohlzylinder aus Blech mit einem jj «mitiven Vorhängcschlößchcn, hing in der guten Stube aji U °ftWand ncbcn dcm Misrachbüd, das zwei „dräuende h *5n" darstellte, die in ihren Pranken die zwei Tafeln des bundes hielten. »n Alter von 16 Jahren wurde ich in die Geheimnisse des v;°.n'^us eingeführt, d. h., um genau zu sein, ich hatte schon 1 früher von der neuen Bewegung, von Dr. Hcrzl und l^A? l>IauC' *tir dic Jutlcn cil1cn St,lat zu begründen, gehört. jn 'Wer von 16 Jahren aber wurde ich von einem Kameraden Studll,C ^,"'cror2am'salion .iSckeilt", in der Mitglieder von "cntenvcrbindungen Vorträge über Zionismus hielten. Es ist zu bemerken, daß derartige Schülcrvcrbiudungcn von der Sehlde verpönt waren und daß für die Zugehörigkeit zu einem derartigen Verein die allcrschwerstcn Disziplinarstrafen, Karzer und Ausschluß, angedroht waren. Zu Ehren aller Mitglieder unserer „Blase" sei es gesagt, daß kein einziger Junge vor Unberufenen das Geheimnis von der Existenz der Schülerverbindung ausplauschte. Line der Hauptaufgaben unserer Vereinigung war die Werbung neuer Anhänger für den Zionismus und die Sammlung von Spenden für den Nationalfonds, um von der Erlösung des Volkes den Boden des Landes zu erlösen. Im eifrigen Betätigungsdrang beschloß ich in den nächsten Ferien aus meiner Großmutter eine Zionistin zu machen und vor allem ihre leidenschaftliche Spcndcnhr.t für den Nationali'oiuls auszunutzen. Mit einer Keicu lM-jemeHi-Buchs.' ausgerüstet, trat ich die Reise aus der Gymnasialstadt nach Czortkow an und bald nach meiner Ankunft machte ich mich daran, meine Großmutter zu bekehren. Es galt in der Hauptsache ihre geliebte Meir Baal-Ncss-Pischkc gegen die mitgebrachte Nationalfondsbüchse umzutauschen. Meine Großmutter hatte auch schon vom Zionismus und von Dr. Hcrzl gehört und meine feurigen Agitationsreden waren für sie keine Ucbcrraschung. Sie wollte jedoch von meinem Plane nichts wissen. „Kind" — sagte sie mir — „Euer Beginnen ist gegen die Verheißung. Gott hat uns in seiner Weisheit in die ganze Welt zerstreut und Gott wird uns durch seinen Messias aus dnn Gölte; erlösen. Fs ist eine Vermessenheit, Gott in den Arm zu fallen und außerdem seid ihr ja alle mit curein Dr. Hcrzl keine richtigen Juden, die das Volk zu erlösen vermögen". Gegenüber dieser Argumenticrung wußte ich mir keinen Rat. Es dauerte Tage bis ich mir ein passendes Gegenargument zurechtgelegt hatte. Als wir eines Abends im großen Garten des Wunderrabbi spazieren gingen, machte ich mich vorsichtig ans Werk. „Großmutter" — sagte ich — „ist es wahr, daß alles, was auf Erden geschieht, von Gott vorher bestimmt ist?" „So ist es mein Kind" — bejahte Großmutter meine Frage. — „Also ist auch das, was Dr. Hcrzl tut und «agt, von Gott vorausbestimmt und wir alle, die wir Hcrzl helfen wollen, sind Werkzeuge Gotte.-»". Voller Bcgebtcnnig hatte ich diese Armentierung vorgebracht und meine Großmutter wurde stutzig. Diese neuartige Beleuchtung der Frage hatte sichtlich Eindruck auf sie gemacht. Trotzdem war sie doch nicht dazu zu-bewegen, den Ehrenplatz beim Misrachbüd, den ihre geliebte Pischkc innehatte, meiner Nalionalfondshüchsc einzuräumen. Das einzige, was ich erreichte, war, daß ich meine Büchse bei der Abreise bei der Großmutter zurücklassen durfte, „denn" sagte meine Großmutter „für jeden Fall handle es sich um eine jüdische Sache und kein Jude könne dawider sein." ...Viele viele Jahre waren ins Land gezogen; ich hm nicht mehr zu meiner Großmutter gekommen. Ich lebte in Wien, kam selten nach Hause und keinmal mehr nach Czortkow. Da brach der Weltkrieg aus. Czortkow wurde im August des Jahres 101 1 von den Russen besetzt und ei>: im Soinmrr l«)|7 von der drutsolu U Armvr zuruel.:-:-. >b; 1. Der Zufall, der uns An;-ehöri;;c der ö«Ucneichischen Ar;,;« e bald an die Front im Norden, bald au die Fronten im Sikicr*. und Osten stieß, führte mich im Herbst 1917 an die v o'.hynische Grenze. Ich erbat mir bei meinem Kommando Urlaub und nach beschwerlicher Fahrt unter Benutzung aller sich hicten Reisegclegenheitcn kam Ich eines Tages j'.-idur.orgon1; in die Stadt meiner Großmutter. Es war an einem Fre;'.ag. Im Laufschritt jagte ich in das mir wohlbekannte Haus, lief durch die Küche in die gute Stube und dort fand ich meine liebe, alte, gute Großmutter vor dem Misrachbüd gerade im Begriff, indie Natioualfondsbüchse, die neben dem Bilde hing, das Chalegeld hineinzuwerfen____ Fs sei mir erspart, das Wideisehrn zu schildern. Au, den vielen Gesprächen, die ich während der wenigen ürlaubstngc mit meiner Großmutter führte, sei nur wiedergegeben, was sie mir über ihre innere Wandlung erzählte. Während der Bcsetzungszeit hatte sie viel von den russischen Soldaten zu leiden gehabt. Am stärksten berührte sie jedoch der Umstand, daß sowohl bei den Oestcrrcichcrn wie auch bei den Russen jüdische Soldaten kämpfen mußten. „Das kann Gott nicht wollen" — sagte sie — „daß sich jüdische Kinder gegenseitig umbringen und überdies weder von der einen noch von der anderen Seite Dank ernten. . Wenn wir schon kämpfen und sterben müssen, dann für unscr eigenes Volk. . Ich bin zwar keine Zionistin geworden; dazu bin ich zu alt und ich könnte Euch auch wenig nützen. Aber, was Ihr tuet, kann nicht gegen Gottes