Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 64-65 (14.8.1925)
- Date
- 1925-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,40 Goldmark —3 r 3 z—] ri y I //A mn. : i! /> \! Jj ....a^-JcLa L-...J v-_r^ •-'».aaktion und Verlag W 15, Meinckestraße 10. Erecfccint J'.j^jj ™—-»•«* TnU.X ß___-c___J- L_J J-_ T7___J?n__ Mjoo*' '■ |t]nidMbonB«iD«aU vr^rden in der Wihron* der einjolmta Linder berechne«. Berlin, 14. VIIL 1925 l -Jen Dienstag und Freitag. Bezug«prcu bei der Expedition | Anzeigen-Verwaltung tLnatlich 135 Goldmark. Vierteljährlich 5.25 Goldmark. § JüdischeRtaidschauG.m.b.H.. BerlinWlö.Meinekestr.10 . ^gggg^^^^^mm*ma^mi . Nummer 64/65 Telephon: An>t Bismarck 7165—70. Anr«ljj*npr«igi 8ie.p4ltN<mp«rriJle»eÜe 0.40 G.-M. MclUo *e»ue!a« 0.20G.-M. Anr«ls«DichJaßi Di*o»U£ uod hrelt«$ ntehmlllij 4übr. Telephon: Bismark7165-70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. För OctUrreirlii P<Ht»p»rlt«.iteti*ait Wien, Konto Nr. 15*030. FürTijch^clioiiowftJtci: Poiupirlcmeiuunl Pratf. Konto Nr. 59410. Für Polen i Po»t»ptrlc».»«n*mt VC'*r»cb«q, Kooto Nr. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. rsnn o« TD XXX. Jahrg.;;flr ZlonUmu» erstrebt für das Judische Volk die Schaffung einer öfSontlkh - rechtlich gesicherten Holmatütto In Palästina. „Baseler Programm.« Zum XIV. EndDimnskiafeenlügjrel Wen» es gea Auf ein Lustrum zionistisch-parlamentarischer Tätigkeit wird dieser Kongreß zurückschauen. Vor fünf Jahren Iut nach der Unterbrechung des Krieges, die zionistische Vertretungskörperschaft, damals Jahreskonferenz ge- •mnt, sich wieder versammelt. Es war ein anderer Zionismus, der jetzt zur Beratung stand. Nicht mehr f > bei den Vorkriegskongressen lag der Schwerpunkt •-Demonstration und prinzipieller Diskussion, sondern he Bahn war inzwischen für das wirkliche Werk frei gec'/Ofden. Die da zusammen kamen, noch zerrissen und zerf jrbt von den schrecklichen Erlebnissen der Kricgswaren berufen, das jüdische nationale Heim aufzubauen. I' Seitdem sind fünf Jahre schwerer Arbeit, großer l'liilfnungcn und großer Enttäuschungen verstrichen. Wir : hben heute, was wir vor fünf Jahren nicht hatten, eine ['Verstellung, in welcher Weise sich die Verwirklichung Unserer Idee vollzieht. Wir wissen heute klarer als wir vorher wußten, daß Deklarationen das nationale Heim ^-cht schaffen können, daß die politischen Akte der \ Miour-Deklaration und des Friedcns-lnstrumcntcs uns;■ :hts gaben als eine Chance, es unserer Weisheit, Tat- \ :~it und Geschicklichkeit überlassend, was wir daraus i :: machen vermögen. Die Balfour-Deklaration ist kein |, iges Versprecher.; wenn das nationale Heim nicht i. stellt, so haben wir an keine dritte Stelle Beschwerden \\: richten. Ein geschichtlicher Prozeß vollzieht sich v - cht nach den Gesetzen der Mathematik, sondern nach Gesetzen des Lebens. Wir haben, indem wir das Versprechen der Balfour-Deklaration akzeptierten, die Verrichtung übernommen, die Realität zu schaffen, die mit \'-:r Deklaration übereinstimmt. Dann erst wird das lionslc Heim existieren. Wir sind bei unserer Arbeit hart mit den Tatsachen Lebens zusammengestoßen. Es ging nicht alles so, jyic man es. ausgedacht hatte.; Andere Faktoren waren ii und meldeten sich. Viele von uns waren erst-craunt, dann entrüstet, daß nicht alles glatt ging. Man j:iclt das für einen Verrat Engands. Wir mußten uns jipt gewöhnen, die Tatsachen leidenschaftslos zu er- [.'binnen und abzuschätzen. Wir mußten erst lernen, daß h;ein anderes ist, gedankliche Konstruktionen zu ersten, da die Gedanken bekanntlich nahe beieinander p^tz haben, und ein anderes, im Räume zu bauen, wo l^Hdic Dinge stoßen. Unsere Aufgabe Ist es, so zu; ■ -cn, daß das Stoßen und die Reibung auf ein Mindest- |: herabgesetzt wird. Dazu bedarf es .aber eines klaren | ollcns des Zieles und der Methode. Was wollen wir? Wollen wir den Judenstaat? | ist kein Zweifel, daß wir ihn wollten. Als Herzl das ' ''Uem der Judenfragc in seiner Tiefe aufgegangen war, j /pte er, daß es nur eine Lösung gibt, nämlich die .-cn in eine Situation zu bringen, wo sie rechtlich, poli- ■;^ und kulturell nicht von andern abhängig waren, | '^cm Sclbstbestimmungsrccht besaßen. Die Form i;;"fr solchen Gemeinschaft ist der Staat. So verkündete; :;crzl die Idee des Judenstaates. Dem Volk ohne Land,; 15 Land ohne Volk — das war seine Formel. Es war };:c abstrakte Formel. Nichts lag ihr ferner als die Ab- | •■■■:ht einer Verkürzung, Benachteiligung, Unterdrückung rjfcrer. Er wollte eine Rettung für die Juden. Er war };7-.It von dem Rausch des Menschheitsbeglückers, ge- |,'a,bCn von dem Bewußtsein der Schönheit und des i'.'^'s dieser Idee, die der ganzen Menschheit nur Gute* f':inScn kann. Aber es war eine abstrakte Formel. L Ä'ir sind heute mitten drin in der konkreten Welt. |;;c abstrakte Formel hilft uns nicht mehr. Wir haben [VJ Jchen, wie wir jene positiven, für die Gesundung |";sf Judentums erforderlichen Bedingungen, die Herzl J^g'g in den Begriff Judenstaat zusammenfaßte, ver- \ Richen, auch wenn sich zeigt, daß für einen Judenj; 5atdic Voraussetzungen nicht da sind. Es gibt ein Volk [;;r,c Land, — aber es gibt kein Land ohne Volk. Palä- | ' S die Geburtsstätte unserer nationalen Kultur, unaust üblich verbunden mit Geschichte und Wesen des Judcn- \fö> ist uns unter Anerkennung unserer historischen | .'.;r«undcnhcit als der Ort zugewiesen worden, wo wir | ue nationale Heimstätte für uns ' errichten können. a l-s nationale Heimstätte ist uns Palästina geen forden, sondern in Palästina sollen wir das Heim h^aucn. Palästina hat eine Bevölkerung von 700000 ...lcn, ein Volk, das seit Jahrhunderten im Lande lebt l-'Ot m}t vollem Recht dieses Land als sein Vaterland f .j1 seine-Heimat betrachtet. Mit dieser.Tatsache haben ( ' Zu rechnen. Ihr haben wir unser konkretes poli- |:T| ft.cs 2icl anzupassen. Wir sind heute eine Minderheit l' Unde und wir überschauen jetzt bereits die.Möglichkeiten der Einwanderung. Wir wissen, daß selbst in dem günstigsten Falle, daß die starke Einwanderung ohne Rückschläge anhält, noch Jahrzehnte vergehen werden, che von einer jüdischen Majorität die Rede sein kann. Aber selbst wenn wir etwa in dreißig oder vierzig Jahren die Mehrheit der Bevölkerung bilden sollten, so wird es eine Mehrheit von vielleicht 51 Prozent sein. Mit andern Worten: Palästina wird stets von zwei Völkern bewohnt sein, von Juden und Arabern. Welcher von den beiden Teilen b\ Prozent und welcher 40 bildet, ist prinzipiell irrelevant. Denn auf keinen Fall ist eine Entwicklung des Landes möglich, wenn eines der beiden Völker die Rechte der Majorität im Sinuc einer Hcrrschaftsstcllung geltend macht. Die Zukunft Palästinas, seine friedliche Entwicklung und Wohlfahrt kann nur dadurch gesichert werden, daß es ein politisches System erhält, in welchem beide Völker (jlcichbercchtigt nebeneinander leben, verbunden durch die natürlichen Bande des Verkehrs, der Wirtschaft, der kulturellen Beziehungen. Das Land kann nur gedeihen, wenn zwischen den beiden Völkern ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens besteht. Ein solches Verhältnis kann aber nur entstehen, wenn diejenigen, die neu hinzukommen — und das sind in diesem Fall wir —, mit dem ehrlichen und aufrichtigen Willen kommen, mit dem andern Volk zusammenzuleben, auf der Basis gegenseitigen Respektes und selbstverständlicher Achung aller menschlichen und nationalen Rechte. Wir wollen also keinen Judenstaat, sondern ein binationalcs palästinensisches Gemeinwesen. Im Rahmen eines solchen Gemeinwesens scheu wir die Möglichkeit, das zu gewinnen, was uns als Juden fehlt: die volle rechtliche Basis für den Aufbau eines eigenen, sozial-ökonomisch normal gegliederten, freien nationalen Volkslebens. Dieses Ziel wurde in vorbildlicher Weise formuliert — leider nicht durch den Zionistenkongreß, sondern — durch das unter dem Namen Churchills bekannt gewordene Weißbuch vom Jahre 1022, dessen wirklicher -Verfasser Herbert Samuel ist.. Die zionistische Exekutive hat im Jahre 1922 bereits die Erklärung abgegeben, daß sie ihre Politik im Einklang mit diesem Weißbuch führen wird". Leider ist aber diese Tatsache nicht genügend in das Bewußtsein der zionistischen Welt eingedrungen. Die Balfour-Deklaration und das Wilson-Programm der Befreiung der kleinen Nationen hat die Köpfe verwirrt. Viele Zionistcn glaubten vor fünf Jahren, der Judenstaat sei nunmehr Tatsache geworden. Sic vergaßen, daß selbst wenn dem so gewesen wäre, es noch Maßstäbe der Gerechtigkeit und der Sittlichkei im nationalen Leben gibt, die in keinem Fall mißachtet werden dürften; das jüdische Volk, das immer die Unterdrückung des Schwächeren verabscheut hat, kann auf keinen Fall mit: der Geste einer Herren-Nation auftreten. Statt uns den natürlich mißtrauischen Arabern in Freundschaft zu nähern, breitete sich ein gedankenloser Chauvinismus aus. Wir haben es versäumt, eine eigene aktive Politik der Verständigung gegenüber den Arabern zu führen und haben es vorgezogen, bei jeder kleinsten Gelegenheit mit Profesten und Beschwerden in das Vorzimmer des englischen Schutzherrn zu laufen. Diese Politik mußte sich als falsch erweisen. England selbst hat uns mehrfach an die Wirklichkeit erinnert, der jüdische Obc.rkommissär, der weiter blickte als der Durchschnittsjude, hat die undankbare Aufgabe gehabt, die jüdischen Illusionen Schritt für Schritt zu zerstören. - Sind wir heute weiter als 1021, zur Zeit des XII. Zionistenkongresses? Wir hoffen es, wir sind überzeugt, daß die Mehrheit der Ziouisten inzwischen sich besonnen hat, denn wenn sie noch beim XII. Kongreß demagogischen Schlagwortcn zugänglich war, so wird sie in Wien wahrscheinlich* ruhiger urteilen. Aber es wäre falsch, nicht zu sehen, daß in der letzten Zeit auch die Gegenströmung im Zionismus wieder an Kraft : Die Rcdakiion der „Jüd. Rundschau" wird für die Dauer des Kongresses nach Wi c n verlegt Adresse: Wien III, Lothringer Str., Konzcrthou*. In dringenden Angelegenheiten wende man sich an die Redaktion nach Wien. Die Nummer der „JücL Rundschau" am Dienstag, den 18. August fölit aus. Die nächste Nummer erscheint Frcitag,dcn 21. August, »— gewonnen hat. Die sogenannten Revisionisten bilden zwar eine verschwindend kleine Gruppe, aber ihr Gift verbrcilet sich auch in gesunde Teile des zionistischen Organismus. Ihr Führer Jabotinsky, der in Karlsbad 1021 noch großen Einfluß ausüben konnte, und inzwischen hauptsächlich unsern arabischen Feinden, die jeden seiner Artikel abdrucken, Material geliefert hat, ist in Jerusalem gewählt'worden. Seine Anhänger, besonders unter der Jugend, machen sich durch ihre militante Gesinnung und ihren Lärm bemerkbar. Alle Elemente, deren Temperament die langwierige, mühevolle prosaische Arbeit an dem langsam vorwärts schreitenden Aufbau nicht entspricht, strömen seiner Soldatcnromantik zu. Audi bei uns ist sowie bei den andern Völkern die Kriegspsychose nicht durch Beendigung des Krieges geheilt worden. Es ist charakteristisch, daß Jabotinsky gerade in Palästina gewählt wurde. In Palästina gibt es weite Kreise, die über die Enge des Landes nicht hinaussehen, die Zusammenhänge der Wcltpolifik nicht erkennen und sich in ihrer politischen Haltung von kleinen Erlebnissen des Alltags bestimmen lassen. Sic sind in ihrem Traum, Palästina der jüdischen Hcrrrschaft unterworfen zu sehen, getäuscht, und haben die naive Anschauung, dieser Mangel an Erfüllung sei nur auf ungenügendes, nicht entsprechend energisches Fordern zurückzuführen. Ohne den Wortlaut der Balfour-Dcklaration und des Mandates nachzuprüfen, nehmen sie als gegeben an, England oder irgend eine andere Macht sei verpflichtet, zu erfüllen, was dieser oder jener Jude in die Balfour-Deklaration hinein interpretiert hat. Man hat ein geradezu masochistisches Vergnügen daran, alle Niederlagen, alle Zurücksetzungen, alle vermeintlichen Rechtsverletzungen gegen die Juden aufzuzählen. Man hat eine lange Liste der sogenannten Liquidierung der Balfour-Dcklaration aufgestellt, vom 3. Juni 1020 bis zu I lerbcrl Samuels letztem Weißbuch reichend. Der zionistischen Exekutive wird vorgeworfen, sie habe alles geschehen lassen, ohne zu protestieren, ohne eine, große politische Abwehraktion durchzuführen. Nunmehr müsse eine „nationale Politik" geführt werden, das alte Ziel des Judcnstaatcs wieder proklamiert, England ein Ultimatum gestellt werden. Auf dieses Programm kandidieren die Revisionisten. Sic fordern — und der Londoner „Jcwish Chroniclc" sekundiert ihnen eifrig dabei — eine Widerrufung des Churchill-Weißbuches von 1022. Es ist nicht ganz verständlich, wie mau sich die politische Offensive gegen England vorstellt. Politik ist vor allem eine Frage der Macht, und wenn wir im Gegensatz zu England treten wollen, müssen wir zuerst prüfen, welchen Nachdruck wir einer solchen Politik zu geben imstande sind. Es ist klar, daß England durch unsere Drohung nicht zu erschrecken ist. Wir haben nur das Mittel der Propaganda, nicht das Mittel der Drohung. Die Darstellung, als ob die Exekutive alles hinnähme, ohne unsere politischen Rechte zu verteidigen, ist falsch. Wir sind nicht die Verteidiger der Exekutive, aber wir glauben, daß die einzige mögliche Politik für uns darin besteht, unsere Sache zu erklären, unsere Forderungen vorzutragen, jedoch genau zu wissen, wieweit wir dabei gehen können, welche Sache so' lebenswichtig für uns ist, um einen Bruch mit England zu riskieren. Derartig lebenswichtige Konflikte hat es bisher nicht gegeben. Die meisten Dinge, die von der Opposition mit tragischer Pose angeführt werden, liegen durchaus im Wege der normalen Entwicklung einer Politik, die mit der Balfour- Deklaration weit vorausgeeilt war und nun das Problem 7ii lösen hat, Zeit zu gewinnen, um mit der Realität nachzufolgen. Dazu kommt aber noch als äußerst gewichtiges Moment, welches bisher kaum allgemein begriffen wurde, der Umstand, daß dieselbe Politik, die nach Meinung unserer Prestige-Politiker unsere Rechte vcr. kürzt, gleichzeitig eine positive Wirkung für unsere Arbeit hat. Denn der leitende Gedanke der englischer. Politik war die Gewinnung und Beruhigung der Araber. Den Arabern entgegenzukommen, hat man den Vorschlag der gesetzgebenden Versammlung und der Arab Agcncy gemacht, ihnen entgegenzukommen hielt Amen seine berühmte Rede. Vielleicht ist es für uns Juden,^ die gemeint hatten, nun endlich an einem Punkte der Welt im Mittelpunkt der Politik zu stehen, enttäuschend, zu sehen, daß diese Politik mm auch mit andern Faktoren rechnet; aber diese Faktoren sind eine Realität und wir selbst haben das größte Interesse daran, zu einem Ausgleich mit ihnen zu kommen. Bedauerlich ist nur, daß die Initiative eines Ausgleichs mit den Arabern bisher nur in' englischer Hand war, während wir selbst fast nichts dazu taten. Aber wenn wir uns die Zustände in den Nachbarländern Palästinas und im ganzen weiten