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Jüdische Rundschau · 1925-08-11 · Heft 63 (11.8.1925) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 63 (11.8.1925)
Date
1925-08-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 546 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 63 m imimnmlitM lir MMm Ii Msf-SMsia in laüre 5S84 0123/24} Maitis, EsiftyfdciEsnd nnfl BemniBise Vöh Moses Calvary (Erschienen im HACHINUCH, Jahrgang 87, Heft Z und 3, übersetzt vom Verfasser) Biese vmmtmn§ witec löi »r. Marlin Buhst, ßsr als erster zur firönäiiaö üiks IM&mm laaäerzlefi^feelnss äi&iei Auf drei Dingen beruht die Welt: der Lehre, der Arbeit und der Gemeinschaft. Die herkömmliche Schule, Hunderte von Jahren alt, war zum Lernen da. In den Gymnasien unterrichteten meist Gelehrte, in den Volksschulen Männer, die die Methodik des Unterrichts bchcrschtcn. Mit ernsthafter Erziehung, die diesen Namen verdiente, befaßten sie sich nicht, denn Erziehung leisteten die Familie und das Milieu mit ihrem Stil und ihrer festen Tradition. Die Bedeutung der Familie ist im Sinken, die Grundlagen der alten Gemeinschaft wanken, sie verliert ihre Form und wächst einer neuen Form zu. So blieb ein leerer Raum: es gibt keine Institution, die das Kind erzieht. Die Gesellschaft' verlangt diese Erziehung von der Schule. Die Schule, nicht zu diesem Zweck geschaffen, kann in ihrer jetzigen Form die Forderung der Gesellschaft nicht erfüllen und sucht heute Wege, sucht eine Form, die ihr ermöglicht, die ganze Entwicklung des Kindes zu beeinflussen. Eine solche Form ist das Heim, in dem Kinder und Erzieher ein gemeinsames Lehm führen ungestört von dem Chaos der sich erneuernden Welt. Es gab allerdings schon längst Internale, aber sie waren getragen von dem Geist der Epoche, in dem sie gegründet wurden, waren aufs Lernen gerichtet, in Wissenschaft und Religion, die Form ihrer Erziehung war ein Rest des Feudalismus, getragen von patriarchalischem Wesen oder vom Pohzcigcist, und auch sie müssen sich erneuern, um den Forderungen der Gegenwart gerecht zu werden. Die besonderen Bedingungen Palästinas bestärken uns in dem Bestreben, Form und Wege der Erziehung zu ändern. Die Schulen in den Kolonien und Städten erzogen uns kein Geschlecht, daß eine Bestimmung im Aufbau des Landes kennt und erfüllt. Die Spuren des Exils, der Krämergeist zeigen sich in ihrer ganzen Stärke auch in der Jugend, und dazu kommt die Krankheit des Orients überall da, wo Europäer eindringen, der Lcvantinismus: ein leichter Firnis von oberflächlicher Bildung, aut seelischer Leere, eine Gesinnung, in der man nebenbei die Tradition unseres Volkes beseitigt, nicht etwa nur die Religion, — unseren Stil verwischt, einem bequemen Leben zuliehe, einem Leben der Acußcrlichkcit und des Stolzieren*. Unsere Familie, unser Milieu können diesen Geist nicht bekämpfen, sie begünstigen ihn gerade. Eine so erzogene Jugend strebt natürlich dahin, das Land zu verlassen, sehnt sich nach der weiten Welt, einer Welt der beouemen Form, einer leeren Zivilisation oder — noch ■^cnnmmer, — sie versucht diese Form zu importieren. Die herkömmliche Schule kann, wie gesagt, gegen diesen starken Einfluß, den das Milieu auf Schritt und Tritt auf das Kind ausübt, nicht aufkommen. Wenn wir seiner Herr werden wollen, bleibt uns nur das Erziehungsheim. — Das Erziehungsheim paßt sowohl für die Mittelschule, wie für die Volksschule. Seine Methode und seine Einrichtung hängt von dem Ziele ab, dem wir zusteuern: Aufbau des Landes, das heißt produktive Arbeit in Handwerk und Landwirtschaft. Es dürfte nicht leicht sein, den Lchrplan der Mittelschule diesem Geiste anzupassen — die gegenwärtige Mittelschule ist selbst noch nicht zu ihrer rechten Form gelangt, ihre Abiturienten, mit Ausnahme der Lehrer, sind unsicher und können sich vielfach den Forderungen des Landes nicht anpassen, und vor allem stehen sie nur einem kleinen Teil der Einwohner offen; wir brauchen Volks-Erzichungsheimc. Die Verbindung zwischen Schule und Haus könnte an sich erhalten bleiben. Es gibt hier im Lande Versuche, die Grenzen der Schule und ihres Einflusses auf das Kind nur dadurch zu erweitern, daß die Schüler den größten Teil des Tages sich in erzieherischem Milieu befindch, einem Milieu, in dem sie nicht nur lernen, sondern all ihre Bedürfnisse befriedigen, die der Arbeit, des Spielens, der Mahlzeit und des Ranzen Gemeinschaftsleben;. Solche Institute können die Erziehung verbessern, aber wenn wir die vergiftete Luft unserer Städte und grollen Kolonien kennen, wenn wir ein völlig neues Milieu schaffen wollen, müssen wir Erziehungsheime auf dem Lande gründen. Es gibt solche schon in Europa, zur Zeit allerdings nur für reiche Kinder, sie kosten viel Geld, die Arbeit ist bei ihnen meist nur Zeitvertreib und manuelle Ucbung, und ich kannte 1022 in Deutschland nur ein F.rrirhunpshrim, das 1 audwaiscnheim in Vcekcnstcdt, in dem die Arbeit eine ernsthafte und wichtige Aufgabe im Leben des Heimes bedeutete. Aufbau des Landes heißt produktive Arbeit, in Handwerk und Landwirtschaft. Unser Ziel ist klar: die Kinder zu produktiver Arbeit zu erziehen, in ihnen die Liebe zur Arbeit, die Liebe zur Heimat zu entwickeln, Arbeitsgesinnung zu erzeugen und ihnen eine Bildung zu geben, die zur Grundlage eines geistigen Lebens dienen kann. Un«..?rc Gesellschaft hat ihre Kinder nicht da/.u vorbereitet, im Gegenteil, die Ideen dieser Menschen, auch soweit sie wertvoll und nicht von Lcvantinismus und Krämergeist angesteckt sind, sind ganz anders gerichtet. Ihr höchstes Ziel ist Bildung, Bildung durch Bücher. Die Weisheit des Buches, eine Tradition des Exils, loclct sie, sie wollen den Talmid Chacham, den Gelehrten erziehen. Natürlich wollen wir das Buch nicht entbehren, aber es gilt für uns, dieses Kind mit seiner Büchcrschnsucht der Arbeit und der Natur zu nähern. Die Arbeit ist ihm bisher, nach seinem Milieu und seiner Erziehung, nur ein Mittel zum Geldvcrdicnen, noch kennt es nicht die Freuden der Arbeit an sich, den Stolz irgend eine Arbeit korrekt, vollendet auszuführen. Gesunder ist sein Verhältnis zum Lande, und dadurch wird die Erziehung zur Naturnähc erleichtert. Das palästinensische Kind hebt Wanderungen. Es möchte das Land kennen lernen, in der weiten Landschaft Atem holen, und diese Neigung kann uns helfen, den Sinn fjir die Natur auch in der Andacht zum Kleinen zu erwecken, in der Beobachtung des Wurms und des Vogels, der Blume und des Baumes, der Steine und der Sterne, der Erscheinungen des Naturlcbens, und diesen Sinn zu entwickeln und zu vertiefen. Aber all das genügt nicht. Es gilt die Kinder reif zu machen für den Sinn der Gemeinschaft. Das jüdische Kind *t nur zu geneigt, seinen persönlichen Neigungen zu leben; allein das Erlebnis der Gemeinschaft kann es von dem Fluche dieses egoistischen Tricblcbens erlösen, ihm helfen, seine per- Glichen Kräfte in den Dienst des Ganzen zu stellen. Dieser Einstellung dient die Form des gemeinsamen Lebens, die gemeinsame Arbeit und die gemeinsame Selbstverwaltung. Zu diesem Zwecke der Gemeinschaft müssen wir auch ein gewisses Maß von geistiger Vertiefung fordern. Nur der Mensch wird sich in der Gemeinschaft auf die Dauer wohlfühlen, der das Gefühl hat, mit seinen eigenen geistigen Kräften zu geben, und zu nehmen. Und vielleicht ist es nicht «'•hcrtlü«si>, auch von individualistischer Ein* cllung hcraua {« betonen, warum eine gediegen« Volk*«chidbildunz für uns Bedürfnis ist, auch wenn wir die Kind« zu einem Leben der Arbeit erziehen wollen. Unser Ziel i^t nicht der Bauer des russischen oder des deutschen Volkes. Eher könnte man schon an den Bauer Dänemarks, den Arbeiter Amerikas denken. Das jüdische Volk hat nicht nötig, auf eine barbarische Stufe herabzusinken, wenn es zu arbeitendem Leben zurückkehren will. Die unnatürliche Scheidung zwischen der gebildeten Oberschicht und dem ungebildeten Arbeiter stammt aus der' feudalen Epoche Europas, sie. hat Schäden genug in Europa gestiftet und beginnt sich dort schon umzugestalten. 2_ Schern lange möchte ich Gedanken solcher Art verwirklichen helfen. In diesem Sinne schlug ich dem Waisenrat für Palästina vor, ein solches Heim zu gründen, erhielt eine im Prinzip zustimmende Antwort, und als ich im Herbst 1022 nach Palästina kam, verpflichtete ich mich dem Waisenrat für die Leitung eines Landcrrichungshcimes für Waisenjungen und -Mädchen. Von all den Orten, die für diesen Zwrck in Frage kamen, richtete der Kat seinen Blick auf „Mcir Shcfcja". Die landwirtschaftlichen Fachleute warnten zwar, denn dort ist nur eine dünne Schicht anbaufähiger Erde, der Ort besteht aus Fclsbodcn. und der Anbau lohnte sich nach ihrer Meinung nicht. Trotzdem entschloß sich der Waisenrat für diesen Punkt und hatte seine Gründe dafür. Der Ort ist sehr gesund, nahe einer Quelle und von besonderer Schönheit. Er liegt auf einer kleinen Hochfläche zwischen Hügeln, und ein weiter Fernblick öffnet sich von ihm aus. Am Horizont ist der Karmel sichtbar, auf einer Höhe das weithin leuchtende Kloster der Muchraka. der Ort, da Elijahu mit den Baalspriestern kämpfte. Ringsum die Weingärten von Sichron Jakob, Shcfrja und Bath Schlomoh, olivcnhc-pflanztc Hügel, und auf der I lochebenc ein schattender, erfrischender 1 lain von Eukalypten und Kiefern, den der Baron vor 30 Jahren gepflanzt hat. Herrliche Luft, gemäßigt, nicht so feucht wie atn Meer, und doch fühlt man' die Nähe des Meeres, das etwa eine Wegstunde entfernt ist, ein linder Wind weht fast den ganzen Tag. Eine verlassene Ecke: die Kolonie Shcfcja verödet allmählich srit Jahrzehnten. Am Wäldchen liegt ein Haus, einst zum Sanatorium bestimmt, sein Name „Mcir Shcfcja", schon lange verfallen und ein Sit/, für Araber. Der Waisenrat beschloß, dieses Haus zu renovieren, als Mittelpunkt des Heims, und dorthin nur Mädchen zu bringen, die sich schon in. seinen Waisenhäusern befanden. Er pachtete von der JCA, auf deren Boden Shcfcja sieht, außer den 5 Dunam um das Sanatorium noch ungefähr 70 Dunam und erhielt von ihr einen Motor, der für die Kolonie und das Heim das Wasser von der Quelle heraufpumpt. Etwa 30 Mädchen aus Jcrusalcmcr Waisenhäusern kamen am 20. August 1023 dort an, in Begleitung von Frau Moidiinson, drei Erzieherinnen und Frau Calvary, die aufgefordert war, bei der Einrichtung zu helfen. Im September erkrankte Frau Atoshinson. Der Waisenrat teilte mir mit, daß keine Hoffnung vorhanden sei, das Heim für Waisenjungen und -mädchen, für das ich verpflichtet war, in Kürze zu eröffnen und schlug mir und Frau Calvary vor, die Leitung des Landwaisenheimes für Mädchen in Shcfcja zu übernehmen. Nach den Worten von Fräulein Bcrgcr, der Geschäftsführcrin des Waisenrates, war der Plan des Heimes, daß die Mädchen dort bis etwa zum Alter von U Jahren, dem Alter der Volksschule entsprechend, lernten und arbeiteten und dann noch zwei Jahre in Arbeitskursen die Wirtschaft erlernten, so daß sie mit 16 Jahren bis zu einem gewissen Grade das könnten, was eine Bäuerin oder die Genossin einer landwirtschaftlichen Siedlung braucht. Dann würden sie noch in der Wirtschaftsschulc für Mädchen in Nahala! und in Kursen der „Hadassa" für Säuglingspflege weiter ausgebildet weiden. Wir nahmen den Antrag an, weil sich hier die Möglichkeit zeigte, erzieherisch etwas zu wirken. Zu den dreißig Mädchen aus Jerusalem kamen im Januar 1021 noch fünfunddreißig Mädchen aus Salcd hinzu und die Gesamtzahl wuchs im Laufe des Jahres auf siebzig, meint im Alter von 10—11 Jahren. Außer dem „Sanatorium" baute man his zum Ende des Schuljahres 1924 noch zwei Häuser, ein Badehaus und ein Haus mit Schlafräumen für die Mädchen. Auf dem Wirtschaftshofe, der etwa 300 Meter von dem Zentrum Mcir-Shcfcjns entternt, sich auf dem Boden der Kolonie Shcfcja, beland, errichtete man die Schule, ein Bcamtcn-Wchnlwujs, eine Waschküche, das allgemeine Magazin, den Hühnerstall und den Kuhstall, in dem am Schluß des Jahres ein Pferd, fünf arabische Kühe und eine Rassekuh standen, deren Anzahl der Waisenrat noch vermehren wollte. Es arbeiteten im Heim der Leiter, die Leiterin — die im wesentlichen das Haus unter sich hatte —, zwei Lehrerinnen für die Küche, eine für das Haus, eine für die Wäsche, eine für da? Nähen, zwei Lehrer für die Schule, eine Lehrerin, die einen halben Tag^ mit den Mädchen im Garten arbeitete, einen halben Tag m der Schule unterrichtete, eine Schwester, an deren Stelle später eine Acrztin, die sich auch an der Hausarbeit beteiligte und drei Arbeiter für Feld, Hof, Motor und Haus. Die Frauen der Mitarbeiter, zwei an Zahl, halfen in verschiedenen Arbeits/.wcigen. Es gab folgende Arbeitszweige: Kochen, Waschen, Nähen, Reinigung von Haus und Geschirr, Führung des Magazins, Arbeiten in Feld, Garten und Stall und etwas Buchbinden. Zur Gartenarbeit gehörte Tischlerarbeit für den Garten, und wir wollten diesen Zweig der Arbeit, soweit er für das Heim wichtig war, noch erweitern, und noch Kartonarbeit hinzufügen. In jedem Zweig arbeitete eine Oruppc von Mädchen. Man hätte eine solche Arbeit auf mehrfache Art und Weise ordnen können. Zunächst so, daß der Reihe nach alle Mädchen nacti kurzen Zeiträumen wechselnd sich in allen Arbeiten beteiligten. Aber wir waren der Meinung, daß auf diese Weise die Mädchen keine einzige Arbeit richtig erlernen und die Ergebnisse der Arbeit schlecht sein müßten, ganz abgesehen davon, daß diese Methode für Garten, Feld und Hof überhaupt ausgeschlossen war. Darum blieben die Mädchen bei uns in ihrer Arbeitsgruppe drei Monate und langer und weil diese Methode in einigen Zweigen leicht langweilt, durften 6ic innerhalb einer solchen dreimonatigen Frist zwischen Waschen, Hausreinigmig und Gcschirrdnigung wechseln. Von den siebzig Mädchen arbeiteten meist fünf bis sieben in ihrem Arbcitszweig an Vormittagen und ebensoviel an Nachmittagen. Kochen: Die Kinder bereiteten alle Speisen vor, kochten, reinigten das Geschirr, ordneten das Eßzimmer und die Eßtische. Einige verwalteten der Reihe nach die Speisekammer. und entnahmen ihr ailct» nötige. Die. großen Madchen machten sieh allabendlich Notizen über den Verbrauch. Nach c>m Abendbrot arbeiteten der Reihe nach vier andere Mädrhein der Küche und ebenso geschah es am Sahhith. Unser» Kräfte reichten nicht immer aus, die Nachmittagsarbeit, wie bestimmt war, in vier Stunden zu vollenden, obwohl in de: Küche zwei Lehrerinnen abwechselten. Die Küche seih-; war nicht praktisch eingerichtet, sie war dunkel, eng, oii;:e rechten Platz für die Gcschirrcinigung. Dadurch litt der Unterricht und die Ordnung in der Küche das ganze ja'nr hindurch, unter diesen Bedingungen war ein systematische Unterricht unmöglich. Der Waiscurat wußte das und baute jetzt ein neues Haus mit Küche, Speisekammer und Lfl. zirnmer. Waschen: Die Kinder wuschen, hängten, platteten alle Wäsche des Heimes mit einer Lehrerin zusammen und waren damit fünf Tage in der Woche beschäftigt. Nähen: Der Gedanke der Nähgruppc W3r, daß die Mr-.«i. chen da?, was si: in den Handarbeitsstunden in der Schule lernten, hier praktisch anwenden sollten, a'.Ic Bedürfnisse des Heimes befriedigten und daTJ die Großen für sich uria die Kleinen Wäsche und Kleider machten. Aber dieser 'Gedankt konnte nicht ganz, durchgeführt werden. Ts gibt in einem l anderziehungsheim, in dem die Kinder wirklich arbeiten, immer so viel auszubessern und zu flicken, daß damit de; größte Teil der Woche hingeht, und die Arbeit ist mris: so reichlich und dringend, daß die Sauberkeit und Genauigkeit darunter leidet und die Kinder nur ganz selten zu selbständiger, schöpferischer Arbeit kommen. T)ic Lehrerin konnte nicht auf den Emst richtiger, genauer Arbeit hinwirken, denr, sie mußte selber den ganzen Tag ausbessern helfen, weil die Bedürfnisse des Heimes es verlangten. Unter dieser Schwierig keit leiden, wie die Erzieherinnen erzählten, alle Heime, urA um die Kinder /u genauer, sauberer Arbeit auch beim Ausbessern zu erziehen, geschweige denn zu selbständiger neuer Arbeit, hätte noch eine Hilfskraft angestellt werden müssen, und die bewilligte der Waisenrat nicht. Peinigung des Hauses: Nach dem ersten Frühstück, zwei Stunden nach dem Aufstehen, ordneten die Mädchen ihre Betten. Dadurch, daß die Matratzen einige Stunden dem Licht und Wind ausgesetzt waren, schützten wir uns gegen Wanzen, die schon angefangen hatten, aufzutreten. Diejenigen Mädchen, die vormittags nicht bei der Arbeit, sondern in Xk: Schule waren, ordneten dreiviertel Stunden lang die Zinunrr, nachher beendete die besondere Gruppe diese Arbeit, säuberte Türen und Fenster, Hof, Straße und Wäldchen. Ein Mädchen verwaltete die Wäsche, ordnete sie in den Schränken etc. Am 'Freitag nachmittag waren alle Mädchen mit Gencralreini^un? des Heimes und mit Vorbereitungen zum Sabbath beschäftigt (sie wuschen sich, schmückten das Eßzimmer, verteilten Wäsche und Kleider, putzten die Schuhe etc.). Die Verteilung der Arbeit am Freitag übernahmen jedes Mal einige Mädchen. Garten und Feld: Die Kinder entsteinten den Boden, der von Felsen völlig durchsetzt war, keine geringe 'Arbeit, bereiteten die Erde zu Gemüse- und Pflanzcnfana vor, un3 säten in Mistbcctkäitcn die sie sich selbst gezimmert hatten, pfanzten, backten, gössen und ernteten; an Regentagen arbeiteten sie in der Tischlerei. Allabendlich hatten sie eine Besprechung mit der Lehrerin Tiber die Arbeit des Tago, die weiteren Notwendigkeiten und allgemeine Fragen der Gartenarbeit. Einige Kinder arbeiteten auch auf dem Felde, halfen beim Pflürjen, säten, hackten und ernteten. Wenn dringend? Arbeit vorlag, gingen alle Mädchen mit den Erwachsenen ein oder zwei Tage aufs Feld, um zu entsteinen un'I zu pHuren Durch einen solchen Tag der Arbeit fcii-rten wir zum beispiel das zehnjährige Bestehen des hebräischen Schulweikv Viele Kinder, die nicht in der Gartengruppe waren, legten sich ihre eigenen leicinen Beete an. Hof: Einige Kinder besorgten die Kühe, gaben ihnen?u fressen, molken, reinigten den Stall, und ebenso arbeiteten sie im Hühnerstall. Buchhindrn: Ann Mangel an Geräten arbeitete in die-rm Fach nur ein Mädchen. Wir beabsichtigten, den Zweig weiter auszudehnen. 4. Die Einheit, innerhalb deren die Schulfacher gelernt wurden, war zunächst die Klasse, aber sie sollte uns keine Fc.^c! sein, und das Klassensystem wurde, mehrmals mit dem der Fachstufen und Begabtenstufen verbunden. Besonders im Rechnen zeigte es sich oft, daß ein Kind den Anforderungen seiner Klasse nicht gewachsen war, so nalim es dann am Rcchemmtcrricht einer unteren Klasse teil und hielt die Kinder der höheren Stufe nicht auf, noch mußte es wegen unzulänglicher Leistung in einem Fache ein ganzes 'Jahr verlieren. Zuweilen zogen wir es vor, die Klasse in einen Fache in mehrere Abteilungen zu teilen, nach Kenntnissen und Begabungen der Mädchen, oder es ergab sich, daß ein Lehrer zur Erledigung seines Stoffes, anstatt der ganzen Klasse etwa vier Stunden zu geben, eine für die Begabten und drei für die anderen bestimmte, so daß jene Zeit für andere Dinge fanden. Das Programm der Schule war das der aehtklassisen Volksschule. Im allgemeinen übernahmen wir das Programm des zionistischen Erzichungsdcpai'tcr.icnts, vor allem darum, weil die Mädchen bisher nach diesem Programm unterrichtet wurden und wir in Neuerungen vorsichtig waren. Kleine Änderungen ergaben sich natürlich doch, sowohl im Programm, wie in Anordnung des Stoffes: besonders in den oberen Klassen beschäftigte uns das Problem, den Kindern nicht sowohl Einzelkenntnissc zu vermitteln, als sie durch Besprechungen, Privatlektürc ele. In die Fragen der Gegenwart einzuführen. Ich will hier nicht das ganze Programm geben, sondern nur einen Begriff von unseren Absichten und Methoden durch Anmerkungen zu einzelnen Fächern. Naturkunde: Es galt zunächst, den Kindern eine sehr reicht Vorstellung der Erscheinungen in der Natur zu eröffnen, bevor sie die eigentlichen Gesetze kennen lernen. Botanik, Zool-^if. Physik, Chemie — das alles ist zunächst ein Fach: die Erscheinungen In der Natur. Auf dieser Stufe heißt c*. dit Augen 'der Schülerinnen zu 'öffnen, Ihre cuync Tätigkeit m erwecken: Sammeln von Pflanzen und Tieren, Präparieren, Herstellen von Lehrmitteln. In den beiden oberen Schuljahren hätte die begriffliche Einführung in die Gesetze dtt Physik, der Chemie, den lebendigen Organismus, ru beginnen Geschichte und Erdkunde: Besonderer Wert war überall auf die jüdischen Vcrhältni«.-e zu hren. nhrr di-« allgemeine 0<" Hellichte kann so wenig wie die allgemeine Erdkunde einfac'' auf den Bedingungen des Judentums aufgebaut werden, e> galt, den Kindern ein ernsthaftes Verständnis der Weltgeschichte und der Erdkunde, besonders der Gegenwart, beizubrineci".

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