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Jüdische Rundschau · 1925-07-21 · Heft 57 (21.7.1925) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 57 (21.7.1925)
Date
1925-07-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 57 JUEDISCHC RUNDSCHAU Seite 497 und ständig« User der „Jüdischen Rundschau", aber auch ,is Jude jenseits parteimäßiger Einstellung bedauere ich die Art, in der dieser Artikel (der G V. Zeitung) zu stände gekommen ist. Ich zweifle freilich nicht daran, da» jede jüdische Zeitung, ihr Organ ebenso wie ein zionistisches geeignet ist, Wallen für das Arsenal der völkischen Belegung zu liefern, vor allem, weua in dieser Art und Weise zitiert wird, NVic es seitens der „Schlcsischcn Volksstimmc" geschehen ist. p3S Bedauerliche aber ist, daß Sic ohne jede Prüfimg dieses Zitat — ich muß annehmen, Sic haben es aus genannter sciilcsischcr Zeitung -- übernommen haben. Der fragliche' Auf- *at/, welcher zur ^aficnscnmicdc diente, findet ri*h in Nummer VK) der „Jüdischen Rundschau44 auf Seite 162 unter dem Titel „1>*C frankfurter Zeitung und der Jüdische Klcrikalis- ^„g". Es wird darin die Chalukkah-Orthodoxie dem jungen lischuw gegenübergestellt, und das kann für keinen jüdischen [.cscr zweifelhaft sein. Das völkische Organ hat gefälschte Zitate veröffentlicht, die es erst ermöglichen, das Veröffentlichte als in sich abgeschlossen und verständlich erscheinen zu lassen. Bei flüchtiger Lektüre des Artikels, den ich nochmals bciiügc. ergibt sich sofort iür jeden Juden die sinnentstellende Fälschung. Ich bedaure es, daü" durch einen Mangel an Sorgfalt in der Redaktion der C. V. Zeitung dieser Artikel in dieser Weise zu stände gekommen ist. Es erweckt den Anschein, als ob jüdische Zeitungen in inneren f ragen sich mit denselben Methoden bekämpfen wollen, mit denen von gewissen deutschen Zeitungen Prcsscfchdcn ausgciochtcn werden, und Präsidentenwahlen in Deutschland „gemacht" werden, mit Methoden, die man als Jurist als Verstöße gegen Treu und Glauben zu bezeichnen ßC0 Ich bin überzeugt, daü den Herren der Redaktion Ihrer Zeitung diese Methoden fern liegen, und es sich wirklich um fin Versehen handelt. Ich bitte Sic daher, im Interesse der Sauberkeit des jüdischen Lebens in Deutschland, daiür Sorge zu tragen, daß dieses Vergehen 6cinc Korrektur findet." * Die „Kölnisch« Zeitung" vom 14. Juli veröffentlichte unter dem Titel „Zionismus und Patriotismus" einen Aufsatz, in dem in völlig mißverstandener Weise über die Beziehungen der Ziouistcn zu Deutschland gesprochen wird. Wir behalten uns vor, auf diesen Artikel ausführlich einzugchen. Heute wollen wir nur darauf hinweisen, daß die von der polnischen £citu»n* am gestellten Behauptungen zum großen Teile aus dem Arsenal des Verbandes nationaldcutschcr Juden stammen. Die schiefe Einstellung zum Probleme Deutschtum- Zionismus (oder besser gesagt Deutschtum—Judentum) rührt ] daher, daß leider in den meisten auch den Juden wohlwollenden ] nichtjudischen Kreisen wesentliche Bcgriile wie Staat, deutsche ] Gemeinschaft, Kultur nicht scharf auseinandergehalten werden.! Man gewinnt immer den Eindruck, daß nicht vorurteilslose | fortschrittliche Ucberlcgung, sondern der Qeist der Völkischen i alle diejenigen beeinflußt, die sich an das Problem von Staat,! Staatsvolk, Deutschtum und Judentum heranwagen.; *! Der „Israelit", Nr. 20, vom 16. Juli, stellt mit Bci friedigung auf Seite 5 fest, daß auch In Polen mit den Mitteln;' der Organisation und Vcrcinspropaganda für die Aufrcchti haihing der Sabbathhciligung ein systuua.ischcr Kampt geführt wird, in derselben Nummer teilt er jedoch sehten Lesern in einem ganzseitigen Inserat auf Seite 16 mit, daß die Firma Lew ln„seit Samstag, den 11. JuU, vormittags 10 Uhr'* wiedercröffnet ist und „billige Kaufgelcgcnhciten" bietet. — Wie wäre es, wenn der „Israelit" auch mit den Mitteln der Weigerung Inserate aufzunehmen für die Aufrecht-, haltung der Sabbathnclligung einen systematischen Kampf führen würde? | leipziger Brie! i Die in Leipzig seitens der Zionistischen Organisation 1 entfaltete starke zionistische Arbeit sowohl auf politischem S als auch auf kulturellem Gebiete, schließlich auch in der 1 I'ropaganda-Tätigkeit für den Kcrcn Hajcssod und den Kcrcn; Kajcmcth hat auch innerhalb der hiesigen Jüdischen Rcligionsj gemeinde zu Erfolgen geführt. Die Rcpräsentantcn-Vcxsamm-! lang der hiesigen Gemeinde, die eine liberale Majorität; besitzt, hat bei der letzten Etats-Beratung sämtliche von i den zionistischen Vertretern gestellten Anträge auf Subvcn- \ tionierung der von unserer Seite gegründeten Institutionen : angenommen. So wurde die „Hebräische Sprach- 1 Schule", die unter Leitung des Herrn Dr. Woskin-Nc- : hartabi einen großen Aufschwung genommen hat und etwa i 150 Schüler zahlt (du hehr. Kindergarten ist angegliedert) '"it M. 3000,— für das Jahr 1925 uutcrstüzt. — Die von der Zionistischen Ortsgruppe begründete „Jüdische Lesehalle und Bibliothek'7 die einzige Institution dieser Art in Leipzig erhielt M. 2000.—,■ das Chaluz-Heim, . w dem eine Anzahl Chaluzim, die hier das Bauhandwerk «lernen, freie Wohnung und Verpflegung erhalten, M. 1500.-, der Turnverein Bar- Kochba M. 10CO.-. schließlich wurde auch ein Beitrag für den „Kercn-Majessod" in Höhe von M. 500.— bewilligt. Wenn dieser I «ctrajr schließlich auch als GcMlcistung nicht ins Gewicht : "ilt, so ist durch diese Beitragsleistung doch zum Ausdruck . gebracht, daß sich die Jüdische Gemeinde verpflichtet fühlt, : ton Palästina-Aufbau zu unterstützen.! Selbstverständlich gab es noch einige Unentwegte, die; unsere Anträge mit der alten, längst bekannten liberalen ' 'jfcologic bekämpften. Doch während Im vergangenen lahr; üTsc Schar noch ziemlich erheblich war (in früheren Jahren; *arc an eine Annahme solcher Antrüge überhaupt nicht (»denken gewesen), so sah man diesmal nur noch cm kleines ™ufchcn, das die alte liberale Fahne entrollte. Die Mehrnc't stimmte vereint mit den Zionistcn und Orthodoxen für unsere Forderungen, und die Tendenz kam deutlich zum Ausdruck, möglichst den Bedürfnissen aller Schichten Inner- "an,b der Gemeinde Rechnung zu tragen. Es hat sich also ™>e Majorität zusammengefunden, die sich freigemacht hat 2n T^irnigem Partcistandpunkt und die versucht, auch?C|« Anschauungen des Gegners gerecht zu werden. Es f unzweifelhaft, daß dieser Fortschritt der sachlichen Mit- SN unserer Vertreter auf Allen Ocbictcn zu danken ist, ige dabei jhren radikalen zionistischen Standpunkt In keiner : ^,,8<; aufgaben, sondern bei jeder Gelegenheit zwar maß- J?;1 In der Form, doch ohne Konzessionen in der Sache ,Jr unsere Forderungen eintraten. Arbeltsjod eines einlas In Wien Ir« einem Steinbruch in der Nähe Wiens arbeitete «ine ÄPe Chaluzim, die demnächst nach Palästina abreisen sollte. Jährend der Arbelt lösten sich größere Felsstückc los, durch ■r?.*« Chaluz Rosraan auf der Stelle getötet wurde, Sirh?d eK den übrigen Chaluzim gelang, sich rechtzeitig In ,cnerncit zu bringen, lanHEincr dcr Führer der zeirczionlstlschen Bewegung in Rußnamens Salomon Feldman der wegen seiner ziovSChV' Betätigung nach Narim, dem äußersten Sibirien, H oannt worden war, tratim dortigen Gefängnis in einen SP^trcik, den er so konsequent durchführte, daß er ihm *«*gen ist Die EroteanssicblfR In Palästina Im Juni 1925 Das „Commerdal Bulletin" teilt mit: Mau Ist weiter mit dem Einbringen von Weizen und Gerste beschäftigt, wobei 6ich herausstellt, dal} in den meisten Dörfern des Norddistriklcs die Erträge derart reich ausfallen, d»ß die Dreschböden nicht mehr ausreichen und weitere erforderlich wurden. Im Süden steht die Wintersaat, außer in Jericho, ein wenig ungleich; der Gesamtertrag wird knapp den Durchschnitt erreichen. Für Sesam und Durrha waren die Witterungsbedingungen im vorigen Monat besonders günstig, so daß diese beiden Arten sich sehr gut entwickeln und ausnahmslos hohen Ertrag versprechen. Kcrscnncb. Linsen u:id Dohnen sind eingeerntet, und zwar ist das durchschnittliche Ergebnis 10 bis 30% unter normal. Die Tabakpiautagen «eben recht befriedigend aus; die kühle Witterung hat das Gedeihen der Phnzc begünstigt. Es wird ein gutes Melonen jähr erwartet; die ersten Sorten sind bereits im Handel. Auch die Mandclcrntc ist gut; du* Aussichten für Trauben, Orangen, Oliven und Aprikosen 6lnd enttäuschend. Bücherstfian Bodenreform und Bodcnrcformpartc! In England". Von Dr. Karl Sehewc, Jena Verlag Gustav Fischer. Die steigende jüdische Einwanderung nach Ercz-Isrncl, der Hunger nach Paläst.naboden und die immer aujcnfälFg^rcn Gefahren der Bodenspekulation haben unter den Zionistcn das Problem der Bodenpolitik wieder In dni Vordergrund gerückt. Doch alle unsere Erörterungen und Vorschläge sind bloß laienhaft mehr dem Gefühl entsprungen als wissenschaftlich fundiert. Dazu müßten wir eben zunächst mit den Bodenreformbestrebungen der luhronden KuPurvö'^er vertraut sein. Kongreß veransta!? ungen der Berliner Zionistischen Vereinigung. 1. Montag den 27. Juli, abends 8 V, Uhr, in doQ Sophiensälen, Sophienstraße 17/18 2. Sonnabend, Hen 1. August, abenda 9 Ubr, im Gartenaaal der Logo.Kleiststr.lO. Thema: ,fPaTastina und der XIV. Kong-cfl" Referenten die Herren: BlumenfclfJ, Hantke, Felix Rosenblüth. Jerusalem Bornstein, Wiesbaden In der Diskus»ion: Klatzkfrl Zur Deckung dtr Unkosten wird ein Beitrag von MV. O.fiO erhohen. Aber von Henry George, dem priilvollni Amerikaner, welcher die grundlegenden Id^cn der Bodenreform In schirm Werke ..Fortschritt und Armut" niedergelegt und dann persönlich nach Europa getragen hat ist kaum mehr ah sein Name bekannt und ähnliches gilt von Adolf Damaschke, dem noch heute in regster Tätigkeit wirkenden Führer des „Bund Deutscher Bodaircformcr'. Womöglich noch weniger weiß man bei uns von den englischen Bodcnreformbcstscbungen. Und gcrado diese Kenntnis wäre wichtig, denn um wie vieles leichter könnten wir dann die Palästinaregieruiig. deren englische Obcrbcamtcn sich ihre Ansichten aus dem Mutterland zu holen gewohnt sind, unseren palästinensischen Er» fahrungen und Bestrebungen den cnglsrhcn Bodenreformern näherbringen, ließe sich die dortige Bewegung für uns interessieren und als Bundesgenossin werben. Einen hochwillkommenen Einblick mm in die englischen Verhältnisse gewährt die obengenannte Broschüre der» licilincr Forschers. Wahrend in^ Deutschland Damaschke es durch Tatkraft und praktischen Sinn verstanden hat, alle Bodenreformbestrebungen in seinem „Bund" zusammenzufassen und durch langsame, doch stetige Erziehungsarbeit sämtliche Schichten und Parteien des deutschen Volkes zu durchdringen, haben in England aus dem Leitgedanken, das Boclcnmonopol sei die Grundursache jeglicher Ausbeutung, allen wirtschaftlichen und sozialen Unrechtes, sich drei Bodenreformgruppen herausgebildet. Diese Gruppen, die einander oft heftiger bekämpfen als ihren gemeinsamen Feind: die Landherren 6amt Anhang, gehen auf einen gelegentlichen Ausspruch Henry Georges zurück, man müsse das Bodenmonopol „hinauskaufen, hinaussteuern oder hinausstoßen". Die gemäßigteste Richtung ist die des „Landnatlonallsicrungsbund". Sein schon dreimal In das Unter» haus des Parlamentes getragener Gesetzentwurf tritt d.für ein, daß der Staat mit clnemntal allen englischen Boden aufkaufen und den bisherigen üruucihcrrcu dai Ersatz des angemessenen Grundwertes durch tilgungspflichtige Staatspfandbricfc verbürgen soll. Eine Mittelstellung nimmt das „Vereinigte Komitee für die Besteuerung der Grundrente" ein. Sein Programm zielt dahin, den Wert des Landes, soweit er nicht durch die eigene Arbeit des diu.. . . ..in r* geschaffen Ist, wegzustcuern, also den Wert des Landes an 6ich zuzüglich der durch die allgemeine Entwicklung der Gemeinschaft entstandenen Vcrbcss rungen. Die Grundsteuer soll allmäl.lLh zur wi.hligstcn St-ucr im Lande werden. Dieser Richtung entspricht Im sprachverwandten Amerika ungefähr die Singletax-Bcwcgung. die nber, wie schon ihr Name sagt, die Grundsteuer zur alleinigen Steuer ausgestalten will. Am radikalsten ist die dritte, von Outhwaitc geleitete Commonwealth-Gruppe, welche das Gemeinwohl In der Enteignung aller Privatböden anstrebt. Danach 60llcn die Privateigentümer ohne Entschädigung in Pächter umgewandelt werden, welche fortab in den von den Grafschaften zu verwaltenden „Landpachtbund der Gemeinschaft" einzahlen müßten. Unser Gewährsmann Sdicwc verweilt sehr ausführlich bei der Person und Entwicklung Outhwaltes. Dieser war ursprünglich liberaler Abgeordneter; als jedoch im Krieg und nachher die liberale Partei ihre Grundsätze preisgab, ging er zu den Unabhängigen Sozialisten ühcr; schließlich jedoch, ab weder diese noch die große Ubour Party »eine Bodenreformgrundsätze annahm, aenuf er sich eine eigene Partei. Doch konnte sie sich bei den jüngsten Pavlamcntswahlcn ebensowenig durchsetzen, als die Gcsinnungs- und Parteigenossen Outwaitcs In Nordamerika. Nun liebäugle er In seiner Verbitterung mit den Kommunisten, obgleich ihr Ideal von der Allgewalt des Staates in krasgem Gegensatz steht zu den Tber leo, ja anarchistischen Ideen Outhwaitc», welcher den Zwang.6i.ut verwirft und in der Grafschalt die „Friedensinsel der Seeligca" lieht. Wenn diese drei Gruppen gleichsam das Laboratorium der Bodenreformideen darstellen, welchen die Triebkräfte der Entwicklung entspringen, so Ist von größerer praktischer Wichtigkeit wie sich die drei großen Parteien des Londoner Parlaments zur Bodenreform verhalten. Die Konservativen stellen sich Schewe als die alten „Tones", als die ihres Klassenintercsscs klarbewußte Clique der Großgrundbesitzer dar und wenn sie auch programmatisch für den Kauf von Privatboden In Staatseigentum gc^cn volle Entschädigung eintritt, so sei das nur Augcnauswischcrci. Die Liberalen hingegen wären, gv-mäß Ihrer i ra.lit'on als „Whigs" die berufenen Vertreter einer ehrlichen Bou'rnrcfoim. Deshalb hu es kein Zufall, daß, um ein Beispiel aus naher Vergangenheit hervorzuheben, Lloyd George, der „Wül- Iiscr Tcuiel", wie ihn seine Gegner nannten, 1000 eine gewaltige Bodenreformbewegung in England initiierte. Schade genug, daß sie zunächst durch seine konservativen Gegner verfälscht und dann von Llovd George und seinen Liberalen, als sie sich im Rausche des Weltkrieges mit den Konservativen koalierten, verraten wurde. Die Labour Party schiidHicn schien zuerst auf Othwaites Ideen einzugehen. 1923 aber hat sie sich über Gutachten ihres „Sondcrkomitccs", das die Vertreter aller 3 Hodenreformgruppen einvernahm, für ein sehr gemäßigtes Programm entsdil;^n. Dieses stimmt Im Wesen mit dem Landnationalisicrungs-Progranim iibercin, Indem der Boden durch den Staat aufgekauft werden soll, will aber diesen K.iuf nur schrittweise durchführen und die Mittel hierzu dor, von der zweiten Gruppe proponierten, Grundsteuer von zunächst nur 6/t, °/o des Grundwertes entnehmen, Besonderes lntcrci.se bietet uns Zioiiinten der Ausblick des Verfassers in die Bodcnreformhewcgung der englischen Dominions voran Neuseeland und Australien; denn h'.er Innddt es sich — ähnlich wie In Palästina — um Neuland, wo noch nicht traditionelle Rechte europäischer Gründlichen der Durchfuhrung einer, von modernen Bodenreformideen geleiteten Politik entgegenstanden. Das Studium der Broschüre Schcwcs wird gewiß helfen, die Kenntnis des Bodennroblcmcs in zionistischen Kreisen zu vermehren und zu verticten. Dr, E.. M. Z w c I g Jerusalem. Eingesandt Herr Max Landau, Bcrlm-Charlottcnburg, schreibt uns: „In Nr. 26 der „Jüdischen Rundschau" fceschwert sich Dr. Ernst Simon über den Aufsatz des Herrn Wolf S. Jacobson in dem von mir herausgegebenen Sammelbuch „Vom Sinn de« Judentums", da ein darin enthaltender Passus ihn, als Zionistcn, verletzt habe; er rügt es ferner, daß der Herausgeber diesen Passus nicht gestrichen oder wenigstens kritisch zensiert hat. Darauf sei zunächst folgendes festgestellt: Der Aufsatz Jacobsons ist kein offizieller Artikel. Daß sein Titel als Ucberschrift der ganzen ersten Abteilung gewählt wurde, geschah deshalb, weil er für den Inhalt dieser Abteilung bezeichnend ist. Das gleiche Verfahren ist übrigens bei der Anordnung der Beiträge noch einmal angewandt worden (bei der Abteilung „Umkehr"). Dann kann ich aber — um auf die Sache 6tlbst einzugehen — beim besten Willen nicht einsehen, worin die „außerordentliche Taktlosigkeit" besteht, deren sich Herr Jacobson schuldig gemacht haben 6011. Herr Jacobson zitiert ein Wort Hillel Zeitlins — einer des Antizionismns gewiß unverdächtigen Persönlichkeit —-, das dieser zum fünfzigsten Geburtstag Nathan Birnbaums in einer Sondernummer der „Freistatt", an der in der Hauptsache Zionistcn mitgearbeitet haben, geschrieben hatte. Er zitiert ferner einige Sätze aus Fritz Mordcchai Kaufmanns Vorwort zu dieser Freistattnummer, unter denen — was Dr. Simon nicht mitteilt — sich auch folgender Paisus befindet: „Die ihn ehrten, und auch die in diesen Blattern zu seinen Ehren schreiben — viele Zionistcn sind unter ihnen; das sei freudig anerkannt — haben kein Mandat; es sind einzelne." Und zuguterlctzt, in den sich unmittelbar an diese Zitate anschließenden Sätzen, geißelt Jacobson die Haltung der Orthodoxie: „Ja, ich bin noch skeptischer, Ich fürchte, daß auch die große Masse der Gesctzcstrcucn den Jubiläumst3g Birnbaums kurzerhand abtut, daß sie tu Birnbaum einen Baai- Tcschuba sieht, dessen Weiterentwicklung man kritisch verfolgen muß, . , usw. Man sieht also: die Worte Hillel Zeitlins sind bei ähnlicher Gelegenheit in einem Kreise von prominenten Zionistcn ausgesprochen worden, und keiner hat es ihm übelgenommen; die Mitarbeit der Zionistcn wird von F. M. Kaufmann und nach ihm von Jacobson freudig anerkannt; und wo Jacobson glaubt, Kritik üben zu müssen, da kommt die Orthodoxie nicht besser weg als die zionistischen Kreise. Also wo in aller Welt ist hier die „Unduldsamkeit der extremen Orthodoxie"? Wo ist hier eine Versagung der „geistigen Gastfreundschaft"? Aber nun noch ein Prinzipielles. Gesetzt den Fall, es wäre wirklich der Beitrag eines Mitarbeiters mit einem abfälligen Urteil über den Zionismus verbunden gewesen — ich hätte nicht eingegriffen. Denn die Aufgabe des Herausgebers eines solchen Sammelbuchcs ist nicht indentisch mit der des Versammlungsleiters einer Jubiläumsfeier etwa, der darauf zu achten hat, daß alles hübsch honorig zugeht, und daß die Festreden der Teilnehmer sich nur ja der harmonischen üesamt- Rtlmmung annassen; sondern sie besteht darin, meine ich, ein literarisches rorum zu schaffen, das, auf gehobenem Niveau, unbeeinflußt, frei von den Hemmungen jeglicher Parteisolidarität, der ehrlichen und aufrichtigen Aussprache der Geister dienen soll. Und die redaktionelle Anmerkung zu dem Aufsatz Leo Herrmanns bedeutet keine zensierende Korrektur des Autors, sondern sie ist in vollem Einverständnis mit dem Autor niedergeschrieben worden, um ein naheliegendes Mißverständnis zu verhüten. Herr Dr. Simon hat ausgerechnet, daß sechzehn von den Mitarbeitern Zionistcn sind. Also halb auf halb, Parität! Nun, lieber Doktor Simon, Ich habe sie nicht gezählt. Prozer.lnorm In geistigen Dingen ist ein Prinzip, das mir denn doch etwas primitiv erscheint. Und vollends bei einer Sammchnitrifl, die es sich ausgesprocheaermaßen zum Ziel setet, nicht Parteirepräsentanten, sondern lebendige Menschen mit ailen Attributen lebendiger, d. h. nicht vergleichbarer Menschlichkeit um sich zu sammeln. Glauben Sic nicht, Doktor Simon, daß diese Sucht, alles nach dem Partcischlüssel zu behandeln, diese etwas spießig anmutende Empfindlichkeit eines geistigen Menschen unwürdig ist? Man mag sie einem unverbesserlichen Politikaster, einem verkalkten Redaktionsmenschen, der auf derlei Kunststückchen abgerichtet ist. Immerhin zutrauen. Einem Mann von Gepchmack sicherlich nicht. ... M » x L a n d i u, Berlin-Charlottcnburg." Hierin schreibt Dr. Ernst Simon: „Lieber Herr Landaul Ich kann nur versprechen, nicht wieder beleidigt zu sein, sonst erklären Sie wieder. Sic hätten unter dem „verknöcherten Redaktlonsmcnschen0 nicht mich, tondern irgend jemand anders gemeint. Mit den besten Grüßen ihr ttets ergebener Ernst Simon."

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