Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 24 (1938)
- Issue
- 9 (4.3.1938)
- Date
- 1938-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ב׳ה Journal exp6di6 par l'ödlteur V.b.b. JilDISCHC PRCSSC Redaktion and Administration: Wien, IX., Malzgasse 12 a, Telephon Nr. A-46-0-15; Tschecho- Slowakei: Bratislava, Republikplatz Nr. 37, Postfach 381 / Erscheint jeden Freitag / Redaktions- Schluß: Mittwoch Mittag Abonnementspreise: Ganzjährig: für Oesterreich 8 16, ,Tschechoslowakei Kt 80, Jugoslawien Dinar 150, das übrige Ausland Schw. Fr. 14, Einzelnummer «st. Gr. 40. Zahlungen für ״Jüdische Presse“, Wien, auf folgende Postsparkassenkonti: Wien Nr. D-93.614, Brünn Nr. 126.058, Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr. 193.316, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. TO, 4117, Berlin Nr. 122.619; für ״Jüdische Presse“, Bratislava: Prag Nr. 53.386. WienjBrallslajMJm 24. Jahrgang Das Manifest des Bundeskanzlers (K-l). Die in der ganzen Welt mit so großer Spannung erwarteten Erklärungen des Bundeskanzlers Dr. v. Schuschnigg vom 24. Februar waren mehr als eine Rede — sie stellten ein feierliches Manifest an die Oesterreicher und an die internationale Welt dar. Die zwölf Tage zwischen dem 12. und 24. Februar bildeten nicht nur für die Oesterreicher, sondern auch für die ganze Welt Tage der höchsten Spannung, Erregung und Sorge. Die Gerüchtemacher wußten über die Vereinbarungen von Berchtesgaden so viel zu erzählen, daß man hüben wie drüben ernste Zweifel an dem Weiterbestand Oesterreichs als selbständigen, unabhängigen Staat zu hegen begann und für alle jene, die noch nicht ganz dem Pessimismus verfallen waren, nur ein mitleidiges Lächeln hatte. Es ist alles vorbei und es hätte keinen!Sinn, dem zum Tode Verurteilten noch mittels künstlicher Einspritzungen das Leben zu verlängern. ״Finis Austriae!“ — dieses Epitaph sollte nur noch auf den Grabstein! gesetzt werden. Es ist anders gekommen und wieder einmal bewährte sich das Sprichwort, daß G-tt nur denjenigen verläßt, der sich verlassen gibt, der die Hände in den Schoß legt ■ and mit einem **mgnierten ״Kismet“ den Dingen ihren Lauf lasse. Der Führer Oesterreichs gehört aber nicht zu diesen Männern und auch das österreichische Volk zeigt wenig Lust, sich ganz einfach auf Befehl einsargen zu lassen. Wenn die große Welt keinen Mut aufbrachte, offen und klar für die Unabhängigkeit Oesterreichs eine Lanze einzulegen und mit nichtssagenden Redensarten ihr eigenes Gewissen betäuben wollte — die Oesterreicher zeigten sich der Situation gewachsen. Es war kein Entrüstungssturm ob des ihnen zugedachten Schicksals, sondern ein Aufbäumen aller Abwehrkräfte gegen jedes Diktat von außen her. Und der Bundeskanzler konnte erkennen, daß er nicht allein stehen wird, wenn er trotz der Ungleichheit der Kräfte darauf beharren werde, den Weg, den der Märtyrerkanzler Dollfuß gezeigt, unbeirrt weiter zu wandeln. So hat denn die erstaunte Welt auf gehorcht und mit gewaltiger Spannung auf das gewartet, was der Kanzler am 24. Februar zu sagen haben wird. Sie ist diesmal nicht enttäuscht worden. Wenn Worte jemals als eine Tat gewertet werden dürfen, so waren es diesmal die Erklärungen des Bundeskanzlers. Sie waren nach Form und Inhalt eine Tat, die all das weithin überwog und überstrahlte, was man in den letzten zwölf Tagen zu hören bekam. Jetzt wußte man es: Oesterreich will Oesterreich bleiben und traut sich die Kraft hiefür zu. Es bleibt Herr im eigenen Hause und läßt sich seinen Weg von niemanden vorschreiben. Die Manifestation des österreichischen Lebenswillens in den Tagen unmittelbar vor und nach der Kanzlerrede war derart klar und eindeutig, daß man fürwahr von einer Volksabstimmung sprechen dürfte. Das Volk hat gesprochen und sein Spruch bleibt!inappellabel. Das, was der Bundeskanzler über den Lebenswillen, die Aufgabe und die Ziele Oesterreichs zu sagen wußte, entsprach nach jeder Richtung dem Willen und den Wünschen aller gutgesinnten Oesterreicher. Sie fühlen sich gegen jedes Gift von jenseits der Grenzen immunisiert, basieren auf der Vergangenheit und gehen entschlossen der Zukunft entgegen. Die Maiverfassung von 1934 bleibt aufrecht, d i e Verfassung, die die Gleichberechtigung aller Bürger statuiert und keine Unterschiede nach Konfession und Rasse kennt. Die Vaterländische Front bleibt der einzige und maßgebende Faktor des öffentlichen Lebens und nur der, der sich ihr unterordnet, darf mitreden und mitwirken. Das Hakenkreuz wird nicht zum Symbol Oesterreichs und der Mythos des 20. Jahrhunderts wird nicht den G-ttesglauben ersetzen. Die Oesterreicher wollen kein Neuheidentum und für sie geht noch immer Recht vor Macht. Das war der Sinn des Kanzlermanifests, das auf alle Welt derart faszinierend, hinreißend und mitreißend wirkte. Erst jetzt meldeten sich die Freunde auch in der großen Welt. Wenn sieh Seit dem Auftreten des politischen Zionismus gehörte es zu der Ruhmrederei der Führer und Propagandisten derselben, auf ihren großen Erfolg hinzuweisen, die sogenannte Judenfrage zu einem internationalen Problem gestaltet zu haben. Diese Feststellung mag an und für sich nicht unberechtigt sein. Aber wenn jemals das Sprichwort ״Wohltat wird Plage“ seine Berechtigung hatte, so gerade hier. Denn die Aus- Wirkungen dieser Sachlage sind den Juden nicht zugute gekommen; im Gegenteil, das Hineingeraten in den Wirbel der internationalen Streitfragen hat das Problem nur kompliziert und sich höchst ungünstig ausgewirkt. Ein Blick auf die heutige internationale Situation genügt, um diesen Tatbestand zu bestätigen. Noch nie war die Judenfrage so kompliziert und verwirrend, wie gerade jetzt. Unsere Talmudweisen sagen: ״G-tt hat dem jüdischen Volke eine Wohltat erwiesen, indem $r es zwisehen allen Völkern zerstreute!" Denn, wenn es ihnen in einem Lande schlecht ergeht, so können sie Schutz und Hilfe in anderen Ländern finden. Das war auch immer so — ist es aber heute nicht mehr. Die Juden sind zum Objekt der internationalen Politik geworden, nicht im günstigen, sondern im ungünstigen Sinne dieses Wortes. Auf ihrem Rücken sollen gewisse Streitfragen ausgetragen werden und wenn Völker und Staaten miteinander in Streit geraten, dann bekomen die Juden die Schläge ab... Daß der Nationalsozialismus bestrebt ist, seine ,,Ideologie“ nach anderen Ländern zu ven pflanzen, ist eine seitens seiner Führer offen Oesterreich selbst nicht aufgibt, dann wird es nicht seinem Schicksal überlassen bleiben. Es wäre sicherlich Selbsttäuschung, wollte man es leugnen, daß die Tage zwischen dem 12. und 24. Februar für jeden Oesterreieher Tage ernster Sorge waren. Wir wissen es auch, daß besonders die Juden Oesterreichs alle diese Tage im Hangen und Bangen verlebten. Die an dieser Stelle während dieser Periode zutage getretene festere Haltung fand nicht immer vollen Beifall. Man sprach von gewollter Selbstvertröstung. Nun denn, die Entwicklung der Dinge hat gezeigt, daß diese ernstliche Zuversicht doch nicht so ganz ungerechtfertigt war. Und dieser Umstand soll auch für die Stimmungen von heute und morgen maßgebend sein. Wenn noch nicht alles so ist, wie man es wünschen möchte, wenn noch hie und da Parterpfeile abgeschossen werden und die ״Unentwegten“ den Versuch machen, das Wasser zu trüben — sie werden die verdiente Enttäuschung erleben, solange die Oesterreicher aller Schichten und Klassen sich selbst treu bleiben und um die Fahne der Vaterländischen Front scharen. Bundeskanzler Doktor Schuschnigg hat sich als der richtige Mann auf dem richtigen Platz erwiesen. Man darf dem, was er sagt, nach jeder Richtung hin volles Vertrauen schenken. einbekannte Tatsache. Diese ״Ideologie“ findet in der Kulturwelt wenig Anklang und noch weniger die Judenpolitik, die im Sinne derselben zum Programm erhoben worden ist. Deswegen soll die öffentliche Meinung in den anderen Ländern dahin präpariert werden, daß sie für diese Ideen empfänglicher werde und diese dort eine bessere Resonanz finden. Hiezu wird wiederum gerade die Judenfrage als Hebel benützt. Will man einen Kampf gegen den Bolschewismus predigen, dann wird dieser als ״verjudet“ dargestellt. Mit diesem ״schwarzen Mann“ kann man ja auch großen Kindern Angst einjagen. Will man sich gegen sogenannte ״Greuelmärchen“ wehren, dann wird die ״jüdische Journalistik“ als die Urheberin derselben dargestellt, um 90 die angekündigten Drohungen, plausibler machen zu können. Ja, selbst wenn man den Kampf gegen G-tt führen will, so wird dieser als gegen den ״jüdischen G-tt“ geführt bezeichnet und taktisch erleichtert. Nun denn, diese Taktik des National- Sozialismus ist hinlänglich bekannt. Aber es gibt auch andere Erscheinungen ähnlicher Natur, wenn auch mit anderen Hintergründen. Der Konflikt Rom-London wegen Abessinien, Mittelmeer, Spanien und Suezkanal führt zu einer unfreundlichen Stellungnahme des Faschismus gegen die jüdische Sache in Palästina. Entsendet England einen Finanzberater nach China, der zufällig auf den Namen Sassoon hört, dann gibt es auch in Japan eine Judenfrage und die ״Protokolle der Weisen von Zion“ finden reichen | Absatz. Um das Band der Kleinen Entente -י, ־ ■־ —-' ’ ־■ ---■*־ . ■* J ־. ■ Internationale Lage und Judenfrage Othmar Schiff Wien I, Kärntnerring 6 Tel. U-43-0-16