Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 24 (1938)
- Issue
- 1 (7.1.1938)
- Date
- 1938-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V.b.b. Wien Nr. D-93.614 3m«»,• Budapest Nr. 50.170, Warschau Nr.!93.310, Zagreb Nr. 40.217, Zürich Nr. VIII 4117, Berlin Nr. 122.«19 Bratislava: Prag Nr. Wien, auf felgende ז7שב0,וורח״ץ 1938 ffir luden und Judentum (Wb Auswirkungen der Umwälzung In Rumänien.) . (K-l.) ' Die )politische Umwälzung in RuuÄnien jbedetrtet neue Gefahren für Juden und Judentum, in viel höherem-Ausmaße, als dies bei der Etablierung des Hakenkreuzregimes in Deutschland der Faß war. Einerseits handelt es sich um eine große jüdische Masse, mehr als doppelt so groß, wie die Zahl der Juden im Deutsehen Reich. Andererseits sind auch die wirtschaftliehen Verhältnisse der Juden Rumäniens wesentiteh ungünstiger gelagert, als die der Juden in■ Deutschland. Die Juden in Deutschland setzten *ach ziim großen Teile aus der sogenann-, te& Mittelschicht zusammen, die mit geringen Ausnahmen über eigenes Vermögen Verfügten und zum großen Teile imstande waren, eine eventuelle Abwanderung auf eigene Kosten zu bewerkstelligen. Sie waren auch wirtschaftlich und organisatorisch besser geschult Und hatten es leichter, sich beruflich umzustellen. Schließ- Jjcfc standen ihnen damals imrna!Ander offen, und de konnten größeren Massen nach Palästina »bwahdem, Die Juden Rumäniens sind aber zum großen Teile hifc’.gt der seit Wahrer, in diesem Laude heilsehenden Wirtschaftskrise verarmt; sie sind auch außerstande, sich wirtschaftlich umzustellen, und schließlich müßten sie jetzt fast überall verschlossene Türen finden. Nicht einmal nach Palästina wäre heute eine größere Auswanderung möglich. Die Nachbarländer Rumäniens haben bereits auf die ersten Meldungen hin ihre Grenzen gegen jede Zuwanderung gesperrt. Diejenigen Staaten, die nicht unmittelbar an Rumänien grenzen, haben, aufgescheucht durch gewisse Elemente, die wieder einmal Frühlingsluft verspüren, ihre Grenzbehörden dahin instruiert, die Einreise rumänischer Juden möglichst zu unterbinden. So müßten denn die fast eine Million zählenden rumänischen Juden dazu verurteilt sein, trotz aller Verfolgungen und Drangsalierungen im Lande zu verbleiben, und was das für sie zu bedeuten hätte, das ist jedem klar, der nur einigermaßen über die Verhältnisse in diesem Staate informiert ist. In einer Aufsatzreihe ,,Das neue Gesicht der Judenfrage“, die an dieser Stelle erschien, ist bereits darauf hingewiesen worden, wie groß die Gefahr sei, daß das Beispiel Deutschlands Nachahmung fände. Diese Gefahr ist nun allzu kraß in die Nähe gerückt. Bleiben die Juden Rumäniens sich selbst und ihrem Schicksal überlassen, so wird sich diese Gefahr auch für die Juden in anderen Ländern noch stärker auswirken. Wenn es den Judenfeinden in Rumänien glücken sollte, die Juden aus ihren Positionen zu verdrängen und sich an ihre Stelle zu setzen, warum soll ähnliches nicht auch anderwärts geschehen? Böse Beispiele verderben die besten Sitten. Und schon heute fehlt es nicht an Stimmen, die eine Nachahmung der Parolen Gogas und Cuzas unter verschiedenen Decktiteln empfehlen und fordern. Nicht nur das rumänische Judentum, auch das Judentum anderer Länder ist ernstlich bedroht. Es wäre zweifellos eine PoMtik der Verblendung, wollte man die Juden Rumäniens ihrem Schicksal überlassen. Es wäre aber auch eine Illusion, wollte man das Heil von einem Eingreifen des Völkerbundes erwarten. Sicherlieh ist der Völkerbund dazu berufen, Mer einzugreifen, denn für Rumänien gelten die Minderheftenklauseln |ter Irfedgosverträgd Aber, wie die Dinge heute liegen, dürfte das Genfer Instrument kaum imstande sein, hier Remedur zu schaffen. Der Völkerbund hat infolge der Vorgange der letzten Jahne wesentlich an Einfluß ,und Ansehen eingebüßt und sein Protest dürfte höchstens deklaratorische Bedeutung haben. ■ Hinsichtlich Rumäniens gibt es bereits eine gewisse ,>yTm<Htion“ in bezug auf die Behandlung der Juden. Der Berliner Kongreß von 1878 hat den damaligen Moldaustaaten nur unter der Bedingung die volle Souveränität und Unab- Bangigkeit gewährt, daß die dort lebenden Juden volle GMehbereahtigung erhalten. Aber ,es ist bekannt, mit welchen ffteesea sich die rumfini* liehen Machthaber dieser Verpflichtung zu entzfelieh wußten' und daß Fribdetfaverträge nach dieser Richtung halbwegs erträgliche Zustände geschaffen haben. Es fehlte in der Vor- Weltkriegsperiode nicht an Vorstellungen der Großmächte in Bukarest zugunsten der Juden — aber diese hatten nur selten einen praktischen Effekt. Heute wäre von solchen Vorstellungen noch weniger zu erwarten, besonders angesichts des Umstandes, daß die neuen Machthaber in Bukarest auf die Stütze der anderen diktatorisehen Großmächte rechnen dürften. Deswegen könnte eine Abhilfe nur von jüdischer Seite erfolgen. Das Judentum der ganzen Welt muß hier eine Einheitsfront bilden und Mittel und Wege suchen, um Hilfe in politischer und wirtsehaftlieherHinsicht zu schaffen. Die Aktion des Jüdischen Weltkongresses in Genf könnte kaum hinreichen,da diese Körperschalt trotz ihres markierten allgemeinen Charakters doch nur gewisse jüdische Gruppen hinter sich hat, während die anderen abseits stehen. Es müßten ad hoc, ohne groß# Vorbereitugen und Erörterungen, V *r.t r e t e r alle r große n j Ü4 i sehen Organisationen zusammentr in sachlii atunge ohn jsüm Fenster hinaaszusprechen, ohne Pomp und äußeres Aufsehen, ein Ä fctl onsprbgramm fest*«liegen, wie den Juden Rumäniens in ihrer h eufcigeii Not geholfen und wie ähm 1 ic he n Kr s*keiittng e n 1 n an d e re n Länder‘a entgegenge*wirkt Werden k ö n n te. Man darf yor dem Vorwurf einer ,jüdischen internationale“ nicht zurückschrecken. Die Judenfeinde operieren ohnehin mit diesem Schlagwort «ad faseln von der ״jüdisehen Solidarität“, die sich überall geltend macht, wo Juden bedroht sind. Leicht wird eine solche Aktion nicht durchzuführen sein. Darüber darf man sich keiner IKrüschung ׳hingeben. ־ Abel• bei ernstem ■Willen dürfte es doch möglich sein, geeignete Mittel und Wege zu finden. Allenfalls ist es ein Gebot der Stunde: die Juden Rumäniens dürfen nicht ihrem Schicksal überlassen bleiben, nicht nur ihretwegen, sondern a,uch im Interesse des Ge- Samtjudentums. Wenn auch, den letzten Nachrichten zufolge, sich die ersten Meldungen über die antijüdischen Maßnahmen in Rumänien als etwas voreilig erwiesen, so wäre es eine Selbsttäuschung, wollte man sich irgend welchen Illusioneii hingeben. Die Situation ist ernst und muß danach beurteilt werden. Neues Fremdenrecht in Oesterreich Die Umwälzung in Rumänien hat gewisse österreichische Kreise veranlaßt, Befürchtungen zum Ausdruck zu bringen, als könnte ein stärkerer Zustrom rumänischer Juden nach Oesterreich einsetzen, und so sind denn Stimmen laut geworden, es müßten rechtzeitig Maßnahmen getroffen werden, um diesen Zustrom hintanhalten zu können. Insoferne es sich um die Stellungnahme der ,,Wiener Neuesten Nachrichten“ handelt, so hat dieses Blatt, dessen Be- Ziehungen zu den ״betont Nationalen“ offenbar sind und das daher immer im judenfeindlichen Fahrwasser siegelt, bereits früher in einigen Aufsätzen ״Schutz gegen Ostjuden“ gefordert und von einem ülegalen Schmuggel von Ostjuden nach Oesterreich zu erzählen gewußt, ohne allerdings hiefür konkrete Beweise oder Daten anführen zu können. Die neuerliche Stellungnähme dieses Organs hätte daher nichts zu bedeuten gehabt. Da aber auch das ,,Weltblatt“ in einem ziemlich scharf gehaltenen Aufsatz: ״Riegel vor!“ ins gleiche Horn zu blasen beliebte und auch die ״Reichspost“, wenn auch in gemäßigterer Weise, die gleichen Töne anschlug, so haben diese Erscheinungen in den jüdischen Kreisen im In- und Ausland eine gewisse Erregung und ernstliche Befürchtungen ausgelöst, als ob in diesem Zusammenhang irgendwelche Maßnahmen geplant werden, die die Stellung der Juden in Oesterreich tangieren könnten. An maßgebender Steile fand man sich daher veranlaßt, im Wege einer Verlautbarung bekannt zu geben, daß es sich hinsichtlich der geplanten Maßnahmen um eine Aenderung des Fremdenrechtes handelt, die bereits seit einiger Zeit in Erwägung gezogen wird, ohne jeden Zusammenhang mit den jüngsten Vorgängen in Rumänien. Tatsächlich geht es darum, die gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich des Aufenthaltes von Ausländem in Oesterreich analog der in der letzten Zeit in anderen Ländern ge- 1וויווויווווו1ווווווווווו1ו1וווו lllltlllllllillllllll 1nnnnnnH11nm111mmnm1nm11mm1||1>,|||||||||,||||||| Othmar Schiff Wien I« Kärntnerring 6 Tel.U-43-0-16