Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1934)
- Date
- 1934-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V.b.b. DES Erscheint jeden Freitag JUDISCHE ARBEITER Organ der Vereinigten zionistisfrsozialisfisiben Hrftüteropganisation Peak Zion-Hilatööutö in OesierreiA Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6.- 11. Jahrgang. 9. Februar 1934 60.QOO Flüchtlinge suchen eine Heimat Tagung des Flüchtlingsbeirates London. Am 30. und am 31. Jänner fand hier ein. gemeinsame Tagung der ständigen Exekutive des Verwaltungsrates für die deutschen Flüchtlinge und des Rates der Privaten FlücMlings-Hilfsorganisationen statt. Den Vorsitz führte Lord Cecil; neben ihm und dem Hochkommissar James G. MacDonald waren der Vertreter Frankreichs und der Vertreter Hollands anwesend. Vom Hate der Privaten Organisationen wohnten u. a. Felix -AI. Warburg und Dr. C'haim Weizmann (Jewish Agency) den Beratungen bei. 60.000 Flüchtlinge Die Tagung wurde von Lord Cecil eröffnet, er sagte: Etwa 60.Ü00 Menschen haben ihre Heimat faktisch verlassen; wieviele es in der Zukunft noch tun werden, ist ungewiß. Etwa 7 0 0 0 Flüchtlinge gingen nach Palästina, etwa 6000 nach Polen. Es bleibt nur noch für 47.000 Flüchtlinge zu sorgen. Bis jetzt begnügte nun sich mit Beschaffung von Unterkunft und Nahrung. Das kann aber nicht endlos so weiter gehen. Es ist heutzutage äußeret schwierig, in besiedelten Landern feste Positionen für neu Hinzugewanderte zu finden. Es bleibt als Ausweg: Kolonisationslander. Palästina hat den Vorteil, «i ti e n K o 1 o n i s a 11 o n s p 1 a a /m toben," der wirklich/ durchgeführt wird. Es scheint dies ein ausgezeichneter Plan zu sein; dennoch gibt es Schwierigkeiten in der Frage der Zulassung der Einwanderer. Der Hochkommissar muß andere Länder ausfindig machon. Jedenfalls, schloß Lord Cecil, ist die Methode bloßer Hilfeleistung die falscheste Art. an das Problem her; zugehen. Wir würden dankbar sein, wenn die liier « wesenden uns irgendeinen Vorschlag machen werden; \ wollen einen Plan, der Hand und Fuß hat. Palästina als Rettung Professor Weizmann führte aus: Wir alle hier si der .Meinung, daß bloße Hilfeleistung, so notwendig i ist, bald aufhören und daß man unverzüglich an konstn tive Hilfe herangehen muß. Ich will versuchen, das I'robl. m seinem ganzen Umfang darzulegen. Nehmen wir; geschieht nichts Schlimmes mehr — ich muß gleich eir großen Vorbehalt machen: Die Lage in, Oesterreich könnte sich ändern, dann stündien wir einer Situation gegenüber, die einen neuen Wandererstrom zur Folge hätte —, so haben wir mit einer fluktuierenden Bevölkerung von etwa Ü0.000 .Menschen zu tun. Unsere deutschen Freunde informieren dal.'. \us .000 b i s 20.000 Menschen rechnen kann, von denen die überwältigende Mehrheit aus .luden bestehen wird. Bleibt die Einwanderung nach Palästina die gleiche wie 1933: 38.000 bis 40.000 — Sachverständige glauben nicht, daß sich diese Zifferverringern wird —, so werden wir in der Lage sein, zwei Drittel der jährlichen deutschen Auswander.inK. nämlich 10.000 AI t> lisch en, nach Palästina" kommen zu lassen. \Tori diesen 10.000 müßten 5000 junge Leute sein, die in der Landwirtschaft tätig sein wollen. Würde die Mandatarmacht die notwendigen Zertifikate zur Verfügung stellen, so würden wir diese 10.000 Menschen aus' Deutschland jährlich, absorbieren. Letzte Nachrichten Die Histadruth meldet, daß in mehreren jüdischen Kolonien ein starker Arbeittcrmangel fühlbar wird. Die Arbeitsämter in Petach-Tikwah, Riöchon Lezion, Nes Zicuia, Bnei Brak Chedera u. a. haben neue Arbeiter dringend angefordert. Die Hamburger L^ndesunterrfchfetehärde hat eine Verfügung erlassen, wonach vom der ersten Volksschule angefangen, eine „zweckentsprechende Schulung auf dem Gehtete der Rassenkunde zu erfojjgen hat". In dieser Verfügung heißt es u. a.: „In der Judenfrage ist die Gefahr der {remdrassigen Vermischung und ihr zersetzender Einfluß auf den Volkskörper besonders in seelischer Beziehung deutlich zu machen". Und das schon in der ersten Volks- Das Reichsainrt für Kriegsopfer halt verfugt, daß die Unterstützung an bedürftige Kriegs binde jüdischer Abstammung einzustellen sei. Infolgedessen hat der Verband der Kriegsblinden die jüdischen Mitglieder aus dem Verbände ausgeschlossen. Genau ein Jahr nach der Uebemahme der Macht durch Hitler in Deutschland, erscheint, vom Comite des Deleg-atkms Juives in Paris eine Denkschrift, welche das gesamte Material zur jüdischen Lage im Deutschland zusammenfaßt. In den letzten Tagen wurden im Warschauer jüdischen Viertel zwanzig Fälle von Hungertyphus registiert. Die Krankheit ist auf die Notlage der in übervölkerten und unhygienischem Stadtteilen lebendem Menschen zurückzuführen. Saloniki Die 1927 hier gegründete antisemitische Organisation EEE. (Etniki Enosis Eladfe), auf deren Konto verschiedene Pogromversuche und Brandstiftungen zu setzen samd, hatte sich, um der Auflösung zu entgehen, in politische Partei umgewandelt Nunmehr hat der Innenminister die Auflösung der Partei verfügt. Die jüdische Presse Palästinas berichtet, daß eine Sache Finanzgruppe vor kurzem große Bodenkomplex Transjordanien gekauft hat. Da es sicher ist, daß englische Kolon isatioä m diesem Lande nicht in Betracht konrtne, wird angenommen, daß hier eine gewöhnliche Spekulation vorliegt — Juden dürfen dort derzeit keinen Boden „Schicksalsfragen der Juden" Vortragsabend, Sonntag, den 18. Februar 1934. im Hotel Continental, II., Taborstraße 4 Vortragende: Dr. Saul Sokal, Mendel Singer. Es wird vorgelesen aus: Liion Feuchtwangers „Geschwister Oppenheim" und Kurt Stechert.: „Palästimabericht Nichtjuden". Karten sind zu haben in unserem Sekretariate, II., Blum- und in der Buchhandlung M. Rath, IL, Taborstraiße 20 a. Ukrainischer Terror in Ostgalizien Die angesehene Londoner Zeitung „The Jewish Chronicle" bringt sensationelle Nachrichten über antisemitischen Terror der Ukrainer. Darnach wurden in Ostgalizien in den letzten Jahren 4000 kleine jüdische Kaufleute durch eine systematische ukrainische Boykottbewegung ruiniert. Dr. Dymitro Lewicki, der Führer der ukrainischen nationaldemokratischen Partei, forderte seine Anhänger im vergangenen Dezember öffentlich zum antijüdischen Boykott auf. Es ereignet! sich, wie „The Jewish Chronicle" berichtet, Fälle, v ukrainische Geistliche die Vornahme der religiösen Zeremonien bei Hochzeiten und Begräbnissen verweigerten, a die Angehörigen der betreffenden Familien bei Juden einkauften. Vielfach stehen Boykottposten vor jüdischen Geschäften. In zahlreichen Orten wurden den Juden die Fenster eingeworfen. Insbesondere richtet sich der Terror gegen jüdisch» Landwirte. Es ereigneten sich zahlreiche Fälle von Brandlegungen und die Juden wurden aufgefordert, wegzuziehen, „denn sonst würde ihnen dieselbe Behandlung zuteil den". Auch Morde ereigneten sich, ohne daß dabei die Mörder etwas geraubt hätten. Huligaos gehören ins Gefängnis Warschau. Mitglieder der Brilh Trumpeldor hatten sich wegen des vor 14 Tagen auf das Hechaluz-Hoim in Wilna verübten Ueberfalls zu verantworten. Einer der Teilnehmer an dem Ueberfall, namens Lewicz, wurde zu z Monaten, zwei andere, Hirszovicz und Dreczyn, wurden zu je sieben Tagen Gefängnis verurteilt. Die Lage im Zionismus und die jüdische Arbeiterschafft Von D. Ben Gurion. Die Hetze gegen die Exekutive Die gegenwärtige Exekutive hat viele Ciegner, von denen ich den Eindruck habe, daß sie nichi so sehr über ihre Niederlagen, als über ihre zionistischen' Erfolge beunruhigt sind. Man hört keinerlei ernste und aufrichtige Kritik: an unserem Arbeitsplan oder an der Taktik, die wir in den wenigen Monaten unserer Tätigkeit angen ndet haben, aber dafür gibt es Aufrufe zu Boykott und finanzieller Blockade, man sieht Versuche Untergrabung des Ansehens der Exekutive bei, der Regierung oder zur Verleumdung bei den Ara- . und man sieht den Willen zu einem unbarmigem kompromißlosen Kampf. Denn die Exekutive, d. h. jene Mitglieder, die von Arbeiterschaft kommen und die Wähler dieser) Exekutivmitglieder, haben eine große Sünde began- Seit Jahrzehnten, seit ihrer Ankunft im Lande, haben sie keinen Frieden schließen können mit den Schande des Boykotts auf jüdische Arbeit; sie haben irgisch und mutig das Recht jedes Juden, auch! n:n er „bloß" von seiner Hände Arbeit lebt, vertreten; sie haben gegen die Macht des Geldbeutels und für eine demokratische Organisation des jütd> sehen Palästina gekämpft Sie haben mitgewirkt an, der Schaffung von Volksgütern, um das Land nicht Besitz eines Häufchens Kapitalisten zu lassen., damit auch unbemittelte Juden, die „nur" ihre Arbeit zum nationalen Aufbau beitragen, sich auf nationalem Boden mit der Hilfe von nationalem Kapital ansiedeln können. Diese „Sünden*" hatei wir tatsächlich begango*/ und unserem Kampf um jüdische Arbeit, zusammen, mit der Tätigkeit der Chaluzim, die vor uns gekommen sind, haben wir den Besitz, an Land und Meirichen in Palästina und die. große chaluzische imd| Volksbewegung in der Diaspora zu verdanken, die wir heute haben. Ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß die gelbe jüdische Presse mit ihren: revisionistischen! Anhängseln, die die Tatsachen verfälscht und vorgibt, im Namen der jüdischen Massen zu, sprechen, nicht mehr repräsentiert als ein Häufchen von Politikanten ohne Anhängerschaft, die mit den wirklichen Nöten des Volkes nichts gemeinsames haben. Die stummen jüdischen Massen gehen mit uns, die wir allezeit unsere Mission erfüllt haben. Darum1 schreckt mich nicht ihr türm, obwohl sie dem Zionismus großen Schaden zufügen. Man hat uns schon boykottiert, als wir noch ige waren, als wir noch keine wirtschaftlichJem oder politischen Positionen besaßen, und als noch unsere Organisationen schwach und ohne Einfluß ■aren. Die Verleumdungen sind dieselben geblieben, gewechselt haben nur die Verleumder. Verleumdung ist das Schicksal aller, die neue Werte schaffen, und der Zionismus bedeutet die größte Umwertung der Werte in der jüdischen Geschichte. Die Gefahr desHitlerismus und desKrieges In einer gefahrerfüllten Stunde hat unsere Bewegung eine schwere Verantwortung für das Schicksal des Zionismus übernommen, schwerer als jede zuvor. Das Unglück, das das deutsche Judentum betroffen hat, macht nicht Halt an den deutschen Grenzen Hitlers Macht bringt das ganze jüdische Volk und nicht nur dieses in Gefahr. Der Nationalsozialismus kämpft nicht nur gegen die deutschen Juden, sondern gegen die Juden der ganzen Welt. Hitler breitet ein Netz von Agenten aus, um in allen Ländern das antisemitische Gift zu verbreiten. Aber Hitler attackiert nicht nur die Juden. Das Hakenkreuzregime kann nicht lange bestehen, ohne* Revanchekrieg gegen Frankreich ' und die übrigesn; Nachbarländer, oder ohne Krieg gegen Sowjetruftland. Heute wird Deutschland kernen Krieg beginne«» da es angerüstet ist — aber es rüstet für morgen«