Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V.b.b. DES Eractwirt jede« Freitag JUDISCHE ARBEITER Organ der Vereinigten zionisfisfh»sozialistisAcn flrseiterorganisafion Peale Zion-HifadiöPlh in Oesterreidi Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6.- 11. Jahrgang. 2. Februar 1934 Nr. 5. Ein Jahr Hitler-Regime in Deutschland Es ist nicht leicht, heute von der deutschen Tragödie als einem historischen Ereignis zu sprechen. Wir stehen mitten drin in diesem grausigen Geschehen, das mit dem Reichstagsbrand begann, dessen! Hauptinhalt die Ergreifung der Macht im deutschen Kulturstaat durch eine barbarisch-bestialische Bewegung war und dessen Ende nicht abzusehen ist Historische Bewertung eines Ereignisses, die Beurteilung seiner Ursachen und Wirkungen, ist nur demjenigen möglich, der die innere Kraft besitzt, sich! über dasselbe cu erheben, ihm gegenüber wenigstens für einen Augenblick die Kühle der Objektivität zu bewahren. Den „Thesen" fabrizierenden Literaten, die sich in die Welt der Politik verirrt haben, mag es heute leicht sein, „Jubiläumsartikel" zu schreiben. Wir jüdische Sozialisten, als Juden und Sozialisten von dieser furchtbaren Katastrophe getroffen, würden lieber dem Beispiel Karl Kraus folgen, dem das; Erlebnis dieser Zeit die Stimme raubte. Die deutschief Arbeiterbewegung in allen ihren vielfältigen Zweigen ist vernichtet, auf die Bekundung der sozialistischem' Gesinnung steht die Todesstrafe. Diese herrliche sozialistische Jugendbewegung, die wir gestern noch) beim internationalen Jugendtag leibhaftig marschieren sahen, ist vernichtet. Die republikanische Wehrorganisation Schwarz-Rot-Gold ist wehrlos unterge- ■—gamgen, die Männer, die sich in jahrelangem Guerillakriege gegen die Reaktion wehrten, werden enthauptet. Furchtbare Qualen an Leib und Seele erleiden unsere Genossen in den Konzentrationslagern. Sadistische Handlungen sind heute im Lande Kants, Goethes straffrei, nein, sie finden die höchste Anerkennung', wenn ihr Objekt Juden und Sozialisten sind! Das jüdische Volk ist um seine Lebensmöglichkeit in dem Lande gebracht, das es am meisten liebte, mit dessen Kultur es aufs tiefste verbunden ist. Die Vorstellung dessen, was das jüdische Kind heute im! dritten Reich erleidet, ist geeignet, einen um den' Verstand zu bringen. Wer hat noch nicht im An-- gesicht des verworfensten Schurken ein Aufleuchten gesehen, wenn sein Blick zufällig ein Kind streifte? Auch der größten Bestie ist das Kind; heilig. Inn Reiche Pestalozzis, Fröbels, Berthold Ottos und Gustav Wynekeus ist die jüdische Kindheit und Jugend1 preisgegeben! einer Horde von Erziehen), die aufj ihrer Seele niederträchtig herumtrampeln, ja lehrplanmäßig herumtrampeln müssen. Ein Albdruck ist uns die deutsche Katastrophe, die in uns jedes Streben nach Lebensfreude ertötet, die uns in jeder Minute verfolgt. Und doch: der Mensch will leben, der Lebenswille ist stärker als der furchtbarste Schlag, der uns zu treffen vermag. Noch angesichts des Todes unseres Nächsten machen wir Lebenspläne; so wollen wir! denn auch im Anblick des Grabes des deutschen; Sozialismus und des deutschen Judentums, m'ch!< schweigen und einiges, das Wesentliche, sagen, was zu diesem tragischen Jubiläum zu sagen ist. Wir wollen nicht die Sctaldfrage aufrollen, nicht schildern, wie die deutsche Republik daran zugrunde gegangen ist, weil sie den tückischen Mördern der Demokratie gegenüber die Prinzipien der Demokratie! hochhielt, wie Rechtsbrecher und Gewalttäter auf dem Boden: der Legalität bekämpft wurden, wie man. legal war bis zum Selbstmord. Es soll nicht davonl gesprochen' werden, wie in der Arbeiterbewegung eine Hierarchie entstanden ist, die den breiten Masseni als der deus ex mächina erschien, der im richtigen, Augenblick schon das Richtige vorkehren werde. Auf diese" Führung verließen sich die republikanischen' Massen!; diese aber, die Führer, haben aus lauter; Furcht, die Verantwortung für eine entsprechende) Abwehr der braunen Gefahr auf sich1 zu nehmen, wumwehr die Verantwortung für all das zu tragen, ■was heulte die deutschte Menschheit zu erleiden! hat. Dtöch nicht von1 all dem. soll heute die Rede sein., Viel Teichiger ersdhSeSrtt es uns vom Standpunkt der miemtianaten ArbteifieVBiewegiimg, ja, der Humanität, za sein, za erket«en, welche Haltung das ntefttfea:hjstische Bütgertuto tmt Faschismus «ngwtomhat. Es wäre historisch falsch zu glauben, daß: i Deutschland außerhalb der Arbeiterbewegimg! keine Antijaschisten gegeben hat. Es steht fest,' daß* selbst liindenburg vor der Barbarei des Nationalsozialismus graute. Man vergesse nicht, daß. in den Tagen des Regimes Schleicher die nationalsozialistische! Bewegung sich auf dem absteigenden Aste befand. Im Augenblicke aber, als durch" den Osthilfeskandal vollkommene Demaskierung des bürgerlich-aristokratischen ,Systems drohte, und damit die Erichütterung seiner Grundfesten, in diesem Augenblicke lieferte man den Staat den S. A. und S. S. Hitlers aus. Mit offenen Augen die Zukunft sehend, kennend, daß man ein Svstem in den Sattel setzte, 'das das Ende der deutschen Kultur bedeutet, man machte diesen Schritt, weil man so die eigene Klasse •etten hoffte. Das Primat der bürgerlichen Klasseninteressen vor allen Kulturinteressen, das schein* uns die entscheidende Lehre der Entstehungsgeschichte des deutschen Faschismus zu sein. Jeder Tag bringt uns die weitere internationale Bestätigung dieser Lehre. Nicht wenige haben gehofft, daß die internationale Staatenwelt um Deutschland einen Pestkordon errichten wird, daß' wir Zeugen einer internationalen Aktion gegen die braune Barbarei seil* werden'. Tmtz tausendfachen Enttäuschungen haben wir an ein Weltgewissen geglaubt. In den Tagen des Freundschaftspaktes zwischen Deutschland und Polen, in einer Zeit, da Deutschland vollberechtigten Partner der internationalen Diplomatie ist, braucht nicht festgestellt zu werden, daß. wir einer Illusion, nachhingen. Und der Grund dieser „lovalen" Behandlung des dritten Reiches? Gewiß, auch Knegsrurcht, allem voran aber die Anerkennung der Tatsache, daß Hitlerdeutschland ein Schutzwall gegen den die Privateigentumsordnung bedrohenden Sozialismus ist. Was Humanität, was Zivilisation, was! Kultur, das Eigentum ist in Gefahr: helfe, wer nur helfen kann, sei es auch die Errichtung eines barbarischen, grausamen, unendliches Menschenleid verbreitenden Systems der Sklaverei im Herzen Europas.. Das kapitalistisch-aristokratische Klasseninteresse hat die deutsche Kultur erschlagen. Der Nationalfaschismus macht heute Schule in der Welt. Internationale Völkergemeinschaft, friedensbejalumg, Humanität, Sozialismus, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, alle diese hohen Werte einer besseren. Zeit sind allenthalben außer Kurs gekommen. Militarismus, Chauvinismus, Gewal tan betung, Kulturreaktiorr und Muckertum, das sind die „Ideen", die heute die Welt bewegen. Das jüdische Volk macht da keine Ausnahme. Nicht zuletzt unter dem Drucke der jüdischen Tragödie im Reiche hat auch innerhalb des Judentums ein beschränkter, gewalttätiger Faschismus sein Haupt erhoben, der alle Ideen in Kot zerrt, die den Besten des Judentums heilig waren., Zu diesen Ideen wollen wir in diesen Tagen, da sich1 der Beginn der deutschen Katastrophe jährt, unser Bekenntnis ablegen. Als treue Söhne des jüdischen Volkes wollen wir unseren Glauben, an die Einheit der Menschheit bekennen, unseren Glauben, der in unserer Erkenntnis wurzelt, daß alle wahrhaft großen Güter des menschlichen Lebens, daß Kultur, Wissenschaft und Kunst das gemeinsame Werk aller Kulturvölker der Menschheit sind. M. P. Untergang oder Auswanderung \rtikelsp der London, 26. Jänner. In; ', wenn irgendeine Möglichkeit bestünde, Imterkommen und Arbeit im . nur 70.000 bis 80.000, sondern eine Million .luden und Niohtjudon i die Judenverfolgungen nicht intensiviert werden sollten, werde 3ehland alljährlich auf 2000 bis ,-'.000 Personen belaufen, wobe wahrend die altere (ieneration es vorziehen wird, im Lande zu ve mit Freitod zu enden. Obwohl die körperlichen und seelischen en nicht zu schildern sind, hat die über sie herein gebrochene Kala Intensivierung des Innenlehens bei ihnen bewirkt.. In der Steige. 'Üieher Hingabe an die ewigen Werte des Judentums* hat der deutsch leuischen Ji Auslande zi beutscblan l Zeigendes Selhsl zu warten, Einwanderungserleichterung flr deutsch« Juden in Amerika Washington. Das Außenamt der amerikanischen Regierung hat die Konsuln in Deutschland angewiesen, gegenüber Personen, die sich um Visa zur Einwanderung nach Amerika bewerben, eine entgegenkommendere Haltung als bisher einzunehmen. Es handelt sich nicht etwa um eine Aenderung des Einwamderungsgesetzes, bezw. um eine Erhöhung der Einwaaufererquote für Deutschland-Einwohner. Dennoch besteht die Möglichkeit für die sofortige Einwanderung von mindestens 25.000 Personen aus Deutschland in die Vereinigten Staaten im Rahmen der Deutschland zugewiesenen Quote, die seit 1930 nur zu etwa 10 Prozent ausgenützt worden ist. Letzte Nachrichten VöIläibHdiAtesvwefe „JÜDISCHES VOLKSHEIM' tWjeni, II., Blumäuiergässe 1 Samstag, 3. Februar 1934, um 20 Uhr 15; AUTORENABEND Es lesen: Martha Hofm Lima. Die Juden von Lima, der Hauptstadt Peru», verhandeln mit dier Gesellschaft für jüdische Wanderung Paris über Gründung einer Zweigstelle in Lima zur Vorbereitung der landwirtschaftlichen Ansiediung jüdischer Emigranten im Landesdnnern, wofür Möglichkeiten bestehen. Die zweite Makkabiade wurde über Beschluß des Zentralbüros des Makkabi für April 1935 in Palästina angesetzt. Im März 1934 wird eine Vorbesprechung aller Landlesverbände dies Makkabi stattfinden. Tel-Awiw. Fünfzehn Revisionisten, die in Tel-Awiw 9. Dezember v. J. demonstriert und einige Polizisten verwundet hatten, wurden zu Gefängnisstrafen von einem bis Monaiten verurteilt. Ein Demonstrant namens Tabacznik erhielt ein Jahr Gefängnis.; Athen. In der griechischen Kammer erklärte der Abgeordnete Apostolon im Laufe der Debatte, die Juden seien h» Griechenland Fremde. Diese Bemerkung wurde vom Ministerpräsidenten Tsakkris sofort zurückgewiesen, der von der Minfeterbamk aus die Erklärung abgab, die Juden seien friedliche und loyale Bürger, die die gleichen Rechte hätten wie alk anderen Griechen. Jerusalem. In Palästina hat starker Schneefall eingesetzt. JerusalBm und die: umgebendem, Hügel sind gamz in Schnee gehüllt und tagten ein hier selten gesen'eneS